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LEO CARD. SCHEFFCZYK
Erfahrung der Theologie in
der Zeit
Vortrag vor der
altehrwürdigen Pontificia Accademia Teologica Romana vom 14.12.2000 aus
Anlass der Verleihung des Ehrendiploms an Leo Scheffczyk. Der italienische
Vortrag stand unter dem Titel: “La mia esperienza di teologo cattolico.
Uno sguardo d’insieme”. (David Berger)
Das mir angetragene Thema gehört einem
seltenen und schwierigen literarischen Genus an. In ihm sollen Objektives
und persönlich Erlebtes, Geschichtliches und Biographisches, äußere Fakten
und subjektiv Erfahrenes zu einer überzeugenden Einheit zusammengefügt
werden. Wegen der Schwierigkeit der Synthese solcher Gegensätze sei es mir
erlaubt, den Nachdruck auf die objektiven Geschehnisse zu legen und eine
Art von theologischer Zeitgeschichte im deutschsprachigen Raum seit der
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zu entwickeln, so wie sie sich
meiner Erfahrung und meinem heutigen Urteil darbietet. Sie kann aber nicht
den Anspruch erheben, eine Gesamtansicht der Entwicklung der Theologie in
diesem Zeitraum zu bieten, sondern höchstens eine Schneise in das dichte
Gelände, besonders der dogmatischen Theologie, zu schlagen.
Die erste Phase meiner Begegnung und meiner
Kontaktnahme mit der vorwiegend systematischen Theologie war die Zeit nach
dem Zweiten Weltkrieg. Man darf sie kennzeichnen als
1) die Phase der neuen Zuwendung der
Theologie zum Glauben und Leben.
Der Neuanfang der deutschen katholischen
Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg begann verständlicherweise nicht mit
einem Nullpunkt, sondern knüpfte kontinuierlich an die vergangene Epoche
an. Für meine Generation war diese Epoche von der sogenannten
Neuscholastik bestimmt, aber doch nicht ausschließlich. Es war nämlich
Ende der dreißiger Jahre eine Bewegung in die deutsche Theologie
hineingekommen, welche, von den Jesuitenprofessoren in Innsbruck
ausgehend, die Glaubenslehre vornehmlich als Heilsbotschaft auf die
Predigt und die Seelsorge ausrichten wollte, wobei die wissenschaftliche
Theologie in einen Sonderkurs verwiesen werden sollte. Freilich konnte
sich diese sogenannte „Verkündigungstheologie“[1],
deren gelegentliche Überspitzungen von der Enzyklika Pius’ XII. „Humani
Generis“[2]
(vom Jahre 1950) kritisiert wurden, nicht gänzlich durchsetzen. Die
besorgte Enzyklika Pius’ XII. selbst wurde in Deutschland zwar im ganzen
verständnisvoll aufgenommen, aber nicht eigentlich auf die deutschen
Verhältnisse bezogen.
Die Anregungen und Impulse der
„Verkündigungstheologie“ gingen aber nicht gänzlich verloren. Sie wurden
aufgenommen und umgeformt von der großen fünfbändigen Dogmatik von Michael
Schmaus (+ 1995), der seit 1956 auch Mitglied dieser Akademie war. An der
Dogmatik von M. Schmaus, die auch viele Übersetzungen fand, lernte man
damals vor allem schätzen: die organische Verwurzelung der dogmatischen
Wahrheit in Schrift und Tradition, damit auch die Bindung an die
Geschichte und ihre theologischen Ergebnisse, weiterhin den Anschluß der
Lehre an die geistigen Bewegungen der Zeit in der Lebens- und
Existenzphilosophie und die Offenheit für das damals stark anwachsende
ökumenische Interesse. Das Neuartige und Anziehende dieser ersten
Dogmatik von M. Schmaus[3]
(es folgten bekanntlich bis 1980 noch zwei weitere
Neubearbeitungen) bestand nicht zuletzt in der Anwendung
einer lebendig-konkreten theologischen Sprache, die von der starren
Diktion der Lehrbücher abging und die Fachterminologie durch eine dem
Zeitempfinden nahestehende Sprechweise ersetzte, und dies ohne
inhaltlichen Substanzverlust. So machte diese Dogmatik das wahr, was das
Zweite Vatikanum in „Gaudium et Spes“[4]
über die Notwendigkeit sagte, die Botschaft Christi in Begriff und Sprache
der jeweiligen Völker und Zeiten auszudrücken. Das wußte in einer ersten
Rezension sogar K. Rahner zu loben, der später in Verfolgung seiner
eigenen anthropozentrisch und transzendental ausgerichteten Theologie
einen eigenen Weg einschlug[5].
So wird verständlich, daß meine Generation von dieser lebendigen, aber
gläubigen und kirchlich gesinnten Dogmatik beeindruckt war und dieser
Eindruck unauslöschlich nachwirkte.
Das Interesse an der Tradition und an der
Geschichte, das damals noch nicht mit dem existentialistischen Verständnis
von „Geschichtlichkeit“ identifiziert wurde, fand einen deutlich
erkennbaren Ausdruck in der Herausgabe eines „Handbuchs der
Dogmengeschichte“ durch M. Schmaus - J. R. Geiselmann und H. Rahner,
dessen erster Faszikel im Jahre 1951 erschien und über „Buße und Letzte
Ölung“ handelte, verfaßt von meinem Breslauer Lehrer in der Dogmatik,
Bernhrad Poschmann. Das Werk, von dem einzelne Faszikel auch übersetzt
wurden, liegt heute in 42 Faszikeln vor.
Von dieser nachhaltigen Verbindung zur
Tradition zeugte auch das große Sammelwerk zum 1450jährigen Jubiläum des
Konzils von Chalkedon, das, von A. Grillmeier S.J. und H. Bacht
herausgegeben (1951-1954), auch die Gegenwartsbedeutung des Konzils
herausarbeitete, was u. a. an dem damals hochaktuellen Artikel der Exeget
R. Schnackenburg bewies, in dem „der Abstand der christologischen Aussagen
des Neuen Testamentes vom chalkedonischen Bekenntnis nach der Deutung
Rudolf Bultmanns behandelt (III, 675-693) und gegen Bultmann an der
legitimen Entwicklung vom Neuen Testament zum Konzil von Chalkedon
festgehalten wurde.
Für diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg
gewann die Dogmatik von Michael Schmaus eine gewisse repräsentative
Stellung im deutschen Sprachraum, ohne daß sie die einzige Ausformung
eines theologischen Denkens geblieben wäre. Das Interesse an einer
Theologie, die positiv auf den glaubenden Menschen und das Glaubensleben
der Kirche ausgerichtet war, erfuhr eine eigentümliche und schärfere
Akzentuierung in manchen Werken aus dem Schüler- und Kollegenkreis von
Michael Schmaus, die sich in der Festschrift für M. Schmaus 1957 anläßlich
seines 60. Geburtstags zusammenfanden[6].
Hier kommen nicht nur führende Repräsentanten der patristischen und
mediävistischen Forschung zu Worte (u. a. J. Danielou, H. Weisweiler,
Fr. Stegmüller), sondern auch junge Talente meldeten sich an, wie Joseph
Ratzinger mit seinem Beitrag über den „Einfluß des Bettelordensstreites
auf die Entwicklung der Lehre vom päpstlichen Universalprimat“[7].
Hier brachten u. a. der spätere Kardinal Hermann Volk (+ 1988) und der
Jesuitentheologe Otto Semmelroth einen neuen theologischen Standpunkt zur
Geltung, den man generell als den Standpunkt eines katholischen
Personalismus bezeichnen könnte. Er brachte, wohl nicht ohne maßvollen
Einfluß seitens der damaligen protestantischen Theologie, den Gedanken neu
zur Geltung, daß z. B. im sakramentalen Leben, entgegen einem einseitigen
„Sakramentalismus“, auch das Moment der personalen Entscheidung, der
Aktualität des handelnden Christus, das Moment der Relation wie auch der
Spontaneität des Menschen berücksichtigt werden müßte, um dem Sakrament
den Charakter einer wahren gott-menschlichen Begegnung zu verleihen[8].
Ähnlich äußerte sich Hermann Volk zum Thema „Gnade und Person“ in einer
Weise, die man noch heute in der Debatte um die Rechtfertigung gewinnreich
verwerten könnte[9].
Ohne einem exzessiven philosophischen
Personalismus zu huldigen und Personalität in der aktualistischen
Ich-Du-Beziehung aufgehen zu lassen, sollte die „Gnade“ nicht nur in
Gegenüberstellung zur menschlichen Natur verstanden werden, sondern als
Einbeziehung der menschlichen Person in das personale göttliche Leben
selbst erkannt werden. Da aber Person als Vervollkommnung der geistigen
Natur auch auf Tätigkeit angewiesen ist, mußte im Akt der Begnadung auch
der cooperatio des Menschen eine indispensable Bedeutung zuerkannt werden.
Eindrucksvolle Vertreter dieser personologischen Theologie waren damals in
der Moraltheologie Th. Steinbüchel (+ 1949), der sich besonders mit dem
deutschen Idealismus auseinandersetzte, und in der Religionsphilosophie
Romano Guardini (+ 1968), der eine besonders anziehende Form christlicher
Deutung und Bewältigung der modernen Welt darbot[10].
Die philosophische Theologie Guardinis strahlte damals eine große Wirkung
aus, die auch heute noch nachhallt.
All diese Einflüsse einer personologisch
ausgerichteten Glaubenslehre blieben auf meine Generation nicht ohne
Wirkung. Daß man bei einem solchen Verständnis der Theologie als personal
ausgerichteter Glaubenswissenschaft nicht unkritisch war, zeigt die
Haltung der deutschen Universitätstheologie zur Assumptio Corporalis
B.M.V. in der Zeit vor ihrer Definition. Hier schlossen sich viele
zunächst der kritischen historischen Betrachtungsweise des Breslauer
Patrologen Berthold Altaner an, der den Traditionsbeweis für diese
Wahrheit anzweifelte[11].
Nach der Definition aber, der die deutsche Theologie wie
selbstverständlich zustimmte, lernten wir, nicht zuletzt aufgrund der
wieder angeknüpften Kontakte mit der ganzen europäischen Theologie,
verstehen, daß es auch einen dogmatischen Traditionsbeweis gibt, der als
wichtige Momente das sogenannte „factum ecclesiae“ und den „sensus
fidelium“ einschließt. In diese Zeit des „marianischen Frühlings“ ist auch
die von mir verfaßte Habilitationsschrift über die „Mariologie der
Karolingerzeit“ einzuordnen[12],
die mein bleibendes mariologisches Interesse begründete, bis hin zu dem
gemeinsam mit Remigius Bäumer herausgegebenen sechsbändigen Marienlexikon
(1988 - 1994)[13].
Aber die Palette der deutschen
Nachkriegstheologie war durchaus nicht einfarbig und uniformistisch
gehalten, auch, wenn sie noch keinen grenzenlosen Pluralismus kannte. Es
gab damals durchaus auch unterschiedliche theologische Konzepte, die vor
allem auf den Tagungen der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Dogmatiker
und Fundamentaltheologen“ zum Vorschein gelangten. Auf der Tagung vom
Jahre 1959 in Passau über die Eucharistie (7. - 10.10.1959) war mir die
Aufgabe zugefallen, ein Referat über „die materielle Welt im Lichte der
Eucharistie“ zu halten. In ihm wurde die Bedeutung der Materie für die
sakramentale Dimension des christlichen Lebens hervorgehoben, aber nicht
im Sinne Teilhards de Chardin[14],
der damals auch in Deutschland Anhängerschaft fand.
Zu der hier vertretenen traditionellen
Transsubstantiationslehre[15]
gab Bernhard Welte eine interessante Erklärung ab, die besagte, daß die
materiellen Dinge und Substanzen nicht aus ihrem physikalischen
An-sich-Sein zu bestimmen seien, sondern aus dem Bezugszusammenhang zur
Erkenntnis des Menschen. Die Intentionalität zum menschlichen Erkennen
machte nach Welte das Sein des Seienden aus. Für die Erklärung der
Transsubstantiation besagte diese Auffassung, daß sich an den Substanzen
von Brot und Wein nichts änderte, sondern sie nur in einen neuen
Bezugszusammenhang einbezogen würden, nämlich zur Bedeutung des
eucharistischen Mahles erhoben würden. Hier waren die später erst in
Holland aufgekommenen Tendenzen zur „Transfinalisation“ und
„Transsignifikation“ geboren und zwar auf dem Boden einer in der
idealistischen Philosophie und in der Geschichtlichkeit des Menschen
gründenden Glaubensauffassung[16].
Ein junger Dozent konnte es damals noch nicht wagen, dem geistvollen
berühmten Professor zu widersprechen, wenn man auch fühlte, daß sich hier
ein neues idealistisches und existentialistisches Denken anmeldete, dessen
Vereinbarkeit mit dem Dogma problematisch erschien. Solche Probleme traten
auch in dem 1957 veröffentlichten Buch von Johannes Feiner über die
„Fragen der Theologie heute“ auf[17].
Hier bezeichnete z. B. Hans Urs v. Balthasar die Eschatologie als einen
„Wetterwinkel“ der neuen Theologie, in dem man sich neu orientieren müsse[18].
Das hinter dieser kritischen Bemerkung
stehende Anliegen lag in einer noch entschiedeneren Anwendung des modernen
philosophischen Denkens auf die Theologie zum Zwecke der besseren
Vermittlung des Glaubens an den Menschen der Gegenwart. Diesem Anliegen
sah sich auch die stark philosophisch imprägnierte Theologie K. Rahners
verpflichtet, der in einem 1954 erschienenen Aufsatz „Über das Verhältnis
von Natur und Gnade“[19]
das erste Zeichen einer anthropologisch gewendeten Theologie setzte, die
den Weg von P. Rousselot, J. Marechals und Henri de Lubac weiterverfolgte.
Hier wurde vorerst nur gesagt, daß die Gnade nicht extrinsezistisch zu
verstehen sei, weil der Mensch in seinem innersten Wesen, in seiner
Konstitution, auf die Gnade und Gottesschau ausgerichtet sei und zwar
vermöge eines ihm eigenen übernatürlichen Existentials, welches dem
Menschen niemals fehlt und so eine innere Einheit zwischen Natur und Gnade
in ihm herstellt. Das hier zutage tretende Anliegen der Einheitserfassung
von Natur und Gnade war in unserem theologischen Umfeld zwar gut zu
verstehen, aber die zu eindeutige Lösung schien doch wieder in ein
monistisches Extrem zu weisen. Eine solche Grundauffassung, aus der sich
auch die Theorie von den „anonymen Christen“ ergab, mußte Folgen haben für
das Verständnis der nichtchristlichen Menschheit wie für Schöpfung und
Welt im ganzen. Der später von Rahner noch strenger entwickelte
transzendentale Ansatz vermochte zwar die Vermittlung zwischen dem auf das
Absolute ausgerichteten Menschengeist und der Glaubenswahrheit besser zu
erklären, aber es blieb immer die Frage, ob mit diesem Ansatz der ganze
Inhalt des christlichen Dogmas erreicht würde. Diese Frage stellte sich
besonders im Hinblick auf die Trinität und die Christologie. In diesem
gnadenhaft-optimistischen Denken von Mensch und Welt erwies sich die
deutsche Theologie, in welcher damals immer auch liturgische und
dogmatische Erneuerungsbestrebungen maßvoll zum Ausdruck kamen, ungewollt
und unbewußt als eine Wegbereiterin des Zweiten Vatikanums.
Deshalb darf nun der Blick auf die Theologie
im Bannkreis des Zweiten Vatikanischen Konzils gelenkt und zur
Kennzeichnung dieser zweiten Phase der Ausdruck gewählt werden:
2) Die Theologie als zukunftsweisende
Interpretin des Zweiten Vatikanischen Konzils
In unserem Zusammenhang geht es nicht um eine
inhaltliche Bewertung des Zweiten Vatikanums, sondern um seine
Interpretation durch die damalige deutsche Theologie, die das Konzil
allgemein begrüßte und es nach seinem Ende als großen Erfolg feierte. Dem
stimmte auch meine Generation zu, obgleich uns damals schon die
Beteiligung unseres Tübinger Kollegen Hans Küng nicht ganz geheuer
erschien. In einer ersten Stellungnahme zum Konzil in dem von Michael
Schmaus herausgegebenen Sammelband „Sind die Erwartungen erfüllt?“[20],
sagte Karl Rahner: „Das Konzil hat mehr erreicht, als was selbst seine
größten Befürworter und besten Freunde vorher zu hoffen wagten“. Deshalb
zählte er das Zweite Vatikanum auch zu einem der „großen ökumenischen
Konzilien“, das bezüglich der Weite seiner Thematik dem Tridentinum
gleichzusetzen sei[21].
Als neue Errungenschaft hob er besonders die Stärkung der Position
des Episkopats hervor, ferner die Einführung der Bischofssynoden, von
denen er sich erhoffte, daß sie mit der Zeit die Funktionen des
Kardinalskollegiums übernehmen könnten. Auch von den rechtlich gestärkten
Bischofskonferenzen erwartete er eine Förderung des Eigenlebens der
Teilkirchen in der Welt. Lob fand auch die „Dogmatische Konstitution über
die Offenbarung“ mit ihrer Betonung des geschichtlichen Werdens der
Heiligen Schrift. In dem „Dekret über die Ausbildung der Priester“
anerkannte er das Bestreben zu einer Neugestaltung der Priesterausbildung
im Geist kritischer Wissenschaftlichkeit unter Hintanstellung der
Neuscholastik. Im Missionsdekret sah er das Wehen eines neuen
Heilsoptimismus auch mit Bezug auf die Religionen am Werk. Ebenso fanden
besondere Anerkennung die Aussagen über die selbständige Aufgabe der Laien
in der Kirche, über die Öffnung zur Ökumene und den Dialog mit der Welt[22].
Diese Interpretation erachtete man weithin als
zutreffend und authentisch, aber man erkannte auch, daß sie im guten Sinne
auf weitere Entfaltung der positiven Ansätze gerichtet war und daß das
Ganze von einer optimistischen Grundhaltung bestimmt war. Das zeigte sich
besonders deutlich in dem im gleichen Buche veröffentlichten Artikel von
Heinrich Fries (+ 1998), der die Frage nach der Zuerkennung des Titels
„Kirche“ an die protestantischen Gemeinschaften durch „Unitatis
redintegratio“ als positiv entschieden ansah und von ihnen als Aussage des
Konzils behauptete: „Sie sind Kirchen“[23].
Das erschien nun allerdings manchen von uns als unbegründet.
Diese positive, aber auf Fortschritt und
Weiterentwicklung bedachte Interpretation stellte sich meines Erachtens
besonders deutlich in den drei Konzilsbänden des „Lexikon für Theologie
und Kirche“ heraus[24].
Hier wurde z. B. die unbestimmte Art gelobt, mit der die
Liturgiekonstitution über die vier Gegenwartsweisen Christi in der Kirche
spricht, weil die primäre Daseinsweise Christi in seiner verherrlichten
Existenz beim Vater bestehe[25].
Es wird über Gebühr hervorgehoben, daß der Grundsatz von der „strengen
Einheit“ der römischen Liturgie verlassen sei zugunsten einer „Einheit im
Wesentlichen“[26].
Zu der kargen Formel über die Revision des Ritus und der Formeln des
Bußsakramentes wird auf zukünftige Entwicklungen hingewiesen, die das
Notwendige veranlassen werden[27].
Ebenso wurde mit Zustimmung behauptet, daß mit dem „subsistit“ in „Lumen
gentium, 8, das Verhältnis der Kirche zu den vielen Kirchen offen gelassen
wurde und daß im Ökumenismusdekret auch das „Priestertum“ in die
nichtkatholischen Gemeinschaften Eingang gefunden hätte[28].
Hervorgehoben wurde auch die für das ökumenische Gespräch vorteilhafte
„Volk-Gottes-Vorstellung“ von der Kirche[29].
Bezüglich des mariologischen Kapitels acht der Kirchenkonstitution wurde
die Zurückhaltung des Konzils gegenüber dem Begriff „Maria Mutter der
Kirche“ wie gegenüber der Bezeichnung als „Mittlerin“ mit großem Gewicht
ausgestattet[30].
Im Kommentar zum Ökumenismusdekret wurde
betont gesagt, daß die geschichtlich gewordene Gestalt der Kirche die
nichtkatholische Christenheit daran hinderte, in der katholischen Kirche
die Kirche Christi zu erkennen[31].
Der für die Feststellung des Unterschieds in der Eucharistielehre wichtige
Ausdruck vom „defectus ordinis“ wurde einmal richtig als
„Fehlen des Weihesakramentes“ wiedergegeben, aber im gleichen
Zusammenhang nur von einem „Mangel“ gesprochen, was in der
nachkonziliaren Zeit als Einladung zur Angleichung des Amtsverständnisses
interpretiert wurde. Weil die Lehre von den Sakramenten im
Ökumenismusdekret als Gegenstand des Dialogs ausgegeben wurde, folgerte
der Kommentator, daß die katholische Sakramentenlehre noch nichts
Abgeschlossenes sei[32].
Am Ende des Kommentars wurde bekräftigt, daß der auf dem Konzil erreichte
Stand im Ökumenischen nicht ein festgelegtes Programm sei, sondern
zukünftigen Entwicklungen offenstehe.
Diese Tendenz, die neuen Erkenntnisse des
Konzils nicht nur den Gläubigen zu vermitteln und sie der Ortskirche
einzuverleiben, sondern sie als ausbau- und entwicklungsfähig
darzustellen, findet sich auch in der Kommentierung anderer Dokumente. So
empfiehlt ein Kommentar der „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu
den nichtchristlichen Religionen“ (Nostra aetate), den buddhistischen
Negativismus im Licht der negativen Theologie der christlichen Tradition
zu verstehen und so im Dialog weiterzukommen[33].
Die in der Offenbarungskonstitution (Dei Verbum) erfolgende Bestimmung von
Offenbarung als Geschehen „durch Worte und Werke“ wird, entgegen einer
lehrhaft-doktrinären Auffassung, als existentiell als „Zueinander des
menschlichen Ichs mit dem göttlichen Du“ gedeutet[34].
Eine gewisse, wohl ökumenisch gedachte, Angleichung von lehrender und
hörender Kirche findet sich in der Erklärung, daß der erste Dienst des
kirchlichen Lehramtes das Hören sei[35].
Das „Dekret über den Apostolat der Laien“
würdigt die Ausdehnung des Apostolatsbegriffs auf die Laien, geht aber
weiter, wenn es von der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem
hierarchischen Amt und den Laien erhofft, daß sie in Zukunft zu einer
„gewissen vermittelnden Stellung der Laien zwischen Hirten und Gemeinde
führen könnte[36].
Diese Möglichkeit wird heute faktisch realisiert, hat aber zu einem
Phänomen geführt, das man mit Recht als „Klerikalisierung der Laien“
bezeichnet. Auch möchte der Kommentar die „Mitarbeit der Laien am
hierarchischen Apostolat“ mit höherer Anerkennung versehen und sie als
„offizielle oder amtlich-öffentliche Teilnahme oder Teilhabe am Apostolat
der Kirche“ bezeichnet wissen[37].
In der für das Konzil und seine Weltöffnung
besonders charakteristische Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ wurde
der darin zum Ausdruck kommende Optimismus allgemein gelobt. Hierzu erging
auf die naheliegende Frage, warum die Pastoralkonstitution bei der
Erörterung des Bösen in der Welt nicht auch vom Urstand, von der
übernatürlichen Erhebung, von der Ur- und Erbsünde redete, wiederum die
Antwort, daß man der Theologie den Weg offen lassen wolle, diese
schwierige Problematik neu zu erörtern[38].
Das geschah nach dem Konzil tatsächlich, aber meist unter Abgehen von der
verbindlichen Glaubenslehre. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage
nach dem Einfluß Teilhards de Chardin auf den Geist der Konstitution
vorsichtig positiv beantwortet und erklärt, daß die Verfasser der
Pastoralkonstitution der Weltsicht Teilhards nahestanden, wenn sie auch
spezifisches Gedankengut von ihm nicht übernahmen[39].
Im Hinblick auf diese wenigen Beispiele konnte
man damals erfahren, daß die deutsche Theologie das Konzil inhaltlich voll
übernahm und anerkannte, aber es unter dem Eindruck des dynamischen
Weltbildes der Kirchenversammlung und in der von ihr anerkannten Dimension
der Geschichtlichkeit auch schon auf die Zukunft hin interpretierte, auch
wenn es meines Erachtens mit einer gewissen Vorsicht geschah. Aber dem
Ganzen eignete ein stark ausgeprägter Optimismus. Diese Grundtendenz
setzte sich fest in einem repräsentativen dogmatischen Werk, dessen
Grundriß K. Rahner schon vor dem Konzil entworfen hatte[40],
in der fünfbändigen Dogmatik „Mysterium Salutis“ von J. Feiner/ M. Löhrer,
die in den Jahren von 1965 - 1976 erschien[41].
Dieses von einer Vielzahl von Autoren erarbeitete Sammelwerk, in dem die
Bearbeitung der Dogmengeschichte der Trinität mir zufiel, breitete vor den
Theologiestudierenden nicht nur ein gewaltiges Material mit einer Fülle
von neuen Themen und Problemen auf höchster Reflexionsstufe aus, sondern
fügte diese auch zusammen mit Hilfe des Prinzips und der Methode der
heilsgeschichtlichen Fassung und Deutung des Dogmas. Hier wurden die
Anregungen der Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ und des „Dekretes
über die Ausbildung der Priester“ (Optatam totius) mit großer Energie in
die Tat umgesetzt. Die Merkmale des Heilsgeschichtlichen kamen deutlich
zum Ausdruck, z. B. in der geschichtlichen Fassung der Offenbarung, von
Heiliger Schrift und dem Dogma[42],
in der biblischen Bestimmung der Schöpfung als Voraussetzung des Bundes[43],
in der Konkretisierung der Christologie durch die Einbeziehung des alten
Topos der „Mysterien des Lebens Jesu“[44],
in der Darstellung der Kirche als des „neuen Gottesvolkes“[45]
und der Eschatologie als Konsequenz der Person und des Werkes Jesu Christi[46].
Die geschichtliche Dimensionierung des Ganzen
führte auch dazu, an bestimmten Stellen eine neue Deutung des Dogmas
vorzulegen. So plädierte K. Rahner für eine Ersetzbarkeit des
Personbegriffes und begründete die Trinitätslehre auf dem
mißverständlichen Axiom „die ökumenische Trinität ist die immanente
Trinität“[47];
Piet Schoonenberg interpretierte die Erbsünde als „Sünde der Welt“ und als
„Situiertsein des einzelnen“ durch die vielen sündigen Taten der Menschen[48];
die Christologie wollte vornehmlich dem funktional-dynamischen Aspekt des
Neuen Testamentes folgen und die Präexistenzvorstellung durch das stets
aktuelle Handeln Gottes an Jesus ersetzen und durch ein geschichtliches
„Werden der Sohnschaft“ Christi[49];
der descensus wurde als Intensivierung des Leidens des Erlösers und als
Solidarisierung auch mit den geistig Toten verstanden, denen so auch das
Heil zukomme[50];
in der Eschatologie wurde die Theorie von der „Auferstehung im Tode“
positiv in Erwägung gezogen[51].
Meines Erachtens war aber hier innerhalb der heilsgeschichtlichen
Dimension die spekulative Durchdringung des Dogmas ein wenig zu kurz
gekommen.
Aber, abgesehen von diesen Einzelheiten,
konnte man diese Dogmatik als einen beachtlichen Versuch verstehen, das
Dogma in der vom Konzil empfohlenen heilsgeschichtlichen Perspektive zu
entfalten. Die Aussagen des Konzils wurden auch in andere Richtungen
weiterverfolgt, so durch die Entwicklung einer katholischen Worttheologie,
zu der ich einen bescheidenen Beitrag mit dem Buch über „die Theologie des
Wortes“ leistete[52],
aber ebenso in der die Lehrtradition stärker aufnehmenden „Kleinen
Katholischen Dogmatik“ von Johann Auer und Joseph Ratzinger[53]
wie durch die auf die Vermittlung zur Moderne hin ausgerichteten Arbeiten
von Walter Kasper[54].
Mit solchen Kräften ausgestattet, die vor allem auch von
H. U. v. Balthasar mit dem Riesenwerk seiner „Theologischen Ästhetik“[55]
verstärkt wurden, erwies sich die Theologie der Konzilszeit und der Zeit
unmittelbar danach meines Erachtens als fähig, dem in Deutschland
besonders einflußreichen theologischen Existentialismus Rudolf Bultmanns
zu begegnen wie auch der 1963 durch das Buch des anglikanischen Bischofs
initiierten „Gott-ist-tot-Theologie“ („Honest to God“)[56],
die nur eine Episode blieb. Nach meiner Auffassung hat die Theologie in
Deutschland diese beiden Herausforderungen bestanden, aufgrund der
eindeutigen Übernahme der Konzilsdekrete und ihrer sachgemäßen
Weiterentwicklung, auch wenn sich an einigen Punkten manches
Hypothesenhafte einstellte.
Aber sie trat nun in die nachvatikanische Ära
ein, die man umschreiben könnte als
3) Umkehr von der Reform zur
Deformierung in der Theologie
Es ist nicht leicht, die Ursachen aufzuklären,
die bald nach dem Konzil zu einem dramatischen Wandel in der deutschen
theologischen Landschaft führten. Hubert Jedin, den ich in Breslau noch
hören durfte, bevor er 1939 zur Abfassung der Geschichte des Tridentinums
nach Rom ging, datiert den Anfang der Krise auf das Jahr 1968, als auf dem
Essener Katholikentag ein Ordensmann die Parole ausgab, daß die Christen
Unruhe stifte müßten, und ein Theologiestudent, sicher nicht unabhängig
von der Studentenrevolte, die Absetzung des Papstes forderte[57].
Zum Entstehen der Krise trugen gewiß äußerliche wie innere Vorgänge bei,
die alle mit einer gewandelten Einstellung zum Zweiten Vatikanum zu tun
hatten. Aus der Gesinnung der Reform wurde ein extremer „Reformismus“, aus
dem Fortschritt ein „Progressismus“, der sich unreflektiert dem damals
häufig gebrauchten Modewort von der „ecclesia semper reformanda“
verschrieb, das wohl von dem holländischen Kalvinisten Voetus (+ 1676)
stammte.
Es schien mir aber in der modernen Verwendung
eine viel radikalere Bedeutung zu gewinnen als bei dem genannten
Pietisten, der sonst ein strenger Vertreter der Kirchenzucht und Gegner
des damals aufkommenden Cartesianismus war. Vielen von uns wurde es nahezu
evident, daß die neue revolutionäre Einstellung tiefere philosophische
Wurzeln hatte. Sie war im deutschen Raum vor allem von Fr. Hegel, von dem
Kulturphilosophen W. Dilthey (+ 1906) und von der Existentialphilosophie
Heideggers beeinflußt. Für Dilthey bedeutete Geschichtlichkeit die aus der
Kontingenz des Lebendigen immer wieder zu neuen Gestaltungen drängende
Dynamik, die nichts Absolutes, sondern immer nur Relatives in der Welt
hervorbringen konnte. Unter diese Relativität fiel auch jede Art von
Glauben. Der um die Mitte des Jahrhunderts aus der Schule Heideggers
hervorgegangene Philosoph Gerhard Krüger nahm zu dieser Auffassung
kritisch Stellung in dem damals viel kolportierten Wort: „Die Geschichte
ist unser eigentliches Problem“, ein Wort, das überzeugend wirkte und
heute noch gilt.
So konnte sich bei vielen der Eindruck
befestigen, daß das katholische Denken in Deutschland in den Sog der
Geschichtlichkeit hineingeraten war, der, und sei es auch unbewußt, sogar
die Grundlage des Glaubens in Mitleidenschaft zog. Diese Kategorie der
Geschichtlichkeit konnte sich leicht mit dem vom Deutschen Idealismus
betonten Autonomiegedanken verbinden, aber auch den modernen
Entwicklungsgedanken an sich ziehen, so daß sich für den Glauben eine
schwierige Konstellation ergab.
Die daraus resultierenden Probleme tauchten
fast gleichzeitig auf vielen Ebenen der katholischen Theologie auf. Auf
dogmatischem Gebiet machte einen besonders herausragenden Anfang H. Küng
mit seinem im Jahre 1970 erschienenen Buch „Unfehlbar? Eine Anfrage“[58].
Hier wandte sich der Autor mehr im methodischen Vorfeld der Theologie mit
dem Autonomiegedanken und mit der Kritik an objektiven Wahrheitsaussagen
gegen das Lehramt der Kirche. Es war kein Geringerer als K. Rahner, der in
einem Sammelband mit mehreren Theologen unter meiner Mitbeteiligung gegen
Küng Stellung nahm und ihn aufgrund seiner Auffassung vom Dogma als
liberalen protestantischen Theologen bezeichnete[59].
Die inhaltliche Deformation des Glaubens trat
1974 in dem Buch „Christsein“ deutlicher zutage, weil hier, mit der
Christologie, das Zentrum des christlichen Glaubens getroffen und, wie man
sagen darf, zerstört wurde. Das wird u. a. klar an der Behauptung über die
Präexistenz Christi. Dazu sagt der Autor: „Gerade dieser Gedanke ist heute
schwierig zu vollziehen. Die mythischen Vorstellungen der damaligen Zeit
von einer vorzeitig-jenseitigen himmlischen Existenz eines von Gott
abgeleiteten Wesens, von einer <Göttergeschichte> zwischen zwei (oder gar
drei) Gottwesen, können nicht mehr die unseren sein“[60].
Was beim hl. Thomas und der gesamten theologischen Tradition als
„ineffabilis unio“ von Gottheit und Menschheit verstanden wurde, war für
Küng eine gewöhnliche menschliche Beziehung. „Jesus ist („in einem
zutiefst innerlich-existentiellen Sinn“) „ein persönlicher Botschafter,
Treuhänder, Vertrauter, Freund Gottes“[61].
So wurde der Grundstein gelegt für die totale Vermenschlichung des
Christusgeheimnisses, so daß Christus, wie auch seitens mancher Exegeten,
nurmehr als der „menschlichste aller Menschen“ angesehen wurde.
Der Einfluß dieses Buches und der anderen
Werke Küngs ist bis heute in Deutschland wirksam gebleiben, wie u. a. das
Auftreten des Autors auf dem letzten Katholikentag zeigt. Welche innere
Dynamik dieser humanistische Jesuanismus zeigte, ist an der persönlichen
Entwicklung Küngs abzulesen. Inzwischen vertritt er, den christlichen
Ökumenismus als abgeschlossen betrachtend, die Ökumene der Weltreligionen,
die so weit geht, daß er in dem Buch „Christentum und Weltreligionen“
(1984) sagen kann: „Wenn ich Jesus als den Christus gewählt habe, habe ich
seinen Nachfolger Mohammed mitgewählt“[62].
Von einer anderen Seite empfingen diese
Tendenzen zur Entwicklung einer sogenannten „Christologie von unten“, die
aber nie zur Anerkennung einer hypostatischen Union gelangen konnten, weil
der Ansatz von Endlichkeit sich nicht kontinuierlich ins Unendliche
fortsetzen kann, eine noch stärkere biblische Begründung. Das geschah in
dem Christusbuch E. Schillebeeckx’. Er zitierte den Ausspruch
E. Troeltschs, daß in der „historisch-kritischen Methode eine ganze
Weltanschauung“ eingeschlossen sei, was ihn dazu führte, in der Schrift
nur die Aussagen über den reinen Menschen Jesus anzuerkennen, an dem ihn
nicht einmal so sehr das Personale, sondern die Lebenspraxis
interessierte. Sie bestand wesentlich in der Proklamation der auf
Menschlichkeit bedachten Gottesherrschaft[63].
Deshalb galt Jesus dem holländischen Theologen nur als „der neue Mensch“,
als der „endgültige Mensch“, als „das Urbild aller Menschlichkeit“[64],
dessen sozial-politische Kraft von uns vor allem zu beachten sei. An
dieser Stelle deutete sich schon der Übergang zur „politischen Theologie“
und „Jesuologie“ an, die in den achtziger Jahren in Deutschland viele
Anhänger fand.
Das Beispiel Schillebeeckx’ aber leitet zu
einem anderen umfassenderen Phänomen über, das von Holland aus mittels der
neuen kritischen Theolgie auch Einfluß auf das Leben und die Struktur der
Kirche nahm. Es ist das „Holländische Pastoralkonzil“, mit dem wir uns auf
Anregung der nordrhein-westfälischen Bischöfe in einem eigenen Buch zu
befassen hatten. Das geschah in dem von M. Schmaus und anderen
herausgegebenen Sammelwerk „Exempel Holland“[65]
(1973). Das Buch konnte den Nachweis führen, daß das „Niederländische
Pastoralkonzil“, das in Nordwijkerhout von 1969-1970 tagte, mit seinem
Pathos der Erneuerung der Kirche in Wirklichkeit eine radikale Abkehr vom
Zweiten Vatikanum darstellte, welches sich ja für eine neue Öffnung und
eine Durchdringung der Welt durch die Kirche einsetzte, nicht aber für
einen unterschiedslosen Anschluß und Einschluß in die Welt. Was hier in
Szene gesetzt wurde, war eine direkte Umfunktionierung der Kirche zu einer
religiös-sozialen Institution, angefangen bei der Einstufung des Papstes
als „Universalsekretär der Kirche“ bis hin zur Forderung nach den Laien
als Mitkonsekratoren der Eucharistie zur „Aufhebung des
Klassenunterschiedes in der Kirche“[66],
wozu später auch Leonhard Boff aufrief, unter Berufung auf den
marxistischen Humanismus[67].
Die dem zugrundeliegende Auffassung vom Wesen des christlichen Glaubens
ging dahin, daß der Glaube einerseits das Vertrauen auf Gottes
Gnade und Barmherzigkeit bedeute, andererseits und vor allem aber
„Einsatz für den Mitmenschen“ sei. Dem entsprach das damals die
innerkirchliche Diskussion beherrschende Schlagwort vom Vorrang der
„Orthopraxie“.
Das Pastoralkonzil bot aber auch ein
Spiegelbild für die inzwischen in die Breite des Kirchenvolkes
hineinwirkende neue Moral, d. h. die autonome Moral. Mit der Leugnung
eines spezifisch christlichen Ethos auf dem holländischen Konzil ging Hand
in Hand die Reduzierung des natürlichen Ethos auf „das freie schöpferische
Gewissen des Menschen“[68],
das als einzige Norm die Liebe anerkennt, dies aber in einem rein
formalen, inhaltlosen Sinne. Das Zweite Vatikanum hatte im „Dekret über
die Priesterausbildung“ (Optatam totius, 16) die Forderung nach der
„Vervollkommnung der Moraltheologie“ aus der Lehre der Schrift und aus der
„Erhabenheit der Berufung der Gläubigen in Christus“ erhoben. Die deutsche
Moraltheologie antwortete darauf mehrheitlich mit der Entwicklung einer
Moral, welche auf die Profanität der modernen Gesellschaft Rücksicht
nehmen müsse. Deshalb mußte das neue Ethos menschlich und nicht
unterscheidend christlich sein. Die damit verbundene Erhebung des
Gewissens zum schöpferischen Prinzip und das Prinzip der Güterabwägung
mußten zu einer Distanzierung vom kirchlichen Lehramt führen, dem in der
„Fundamentalmoral“ Franz Böckles gerade noch „ein Mitspracherecht im
Bereich der sittlichen Vernunft“[69]
zugebilligt wurde, aber kein eigentliches Entscheidungsrecht.
Die religiös-theologische Situation in
Deutschland wurde so besorgniserregend, daß Kardinal Joseph Höffner beim
ersten Papstbesuch in Deutschland im November 1980 in seinem Grußwort an
den Heiligen Vater von einem „verhängnisvollen Traditionsbruch“ sprach,
„der Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre unser Volk
erschütterte“[70].
Das Fatale an dieser Feststellung lag nur daran, daß die Bischöfe nicht
erkannten, wie sie selbst in diesen Fluß der Auflösung hineingerissen
wurden und, sei es durch Inaktivität oder falsche Aktivität wie im Falle
der Königsteiner Erklärung[71],
der Zulassung der geschiedenen Wiederverheirateten zur Eucharistie[72]
wie des Unterlaufens der päpstlichen Weisungen zur
Schwangerschaftsberatung der Auflösung Vorschub leisteten. Sie hat heute
einen so subtilen Charakter angenommen, daß in dieser Frage die Bischöfe
sich selbst zwar der kirchlichen Lehre beugen, von den Laien aber sagen,
sie seien an diese päpstlichen Entscheidungen nicht gebunden. Ein
bekannter katholischer Religionsphilosoph hat diese und ähnliche Anzeichen
der Verselbständigung der deutschen Theologie und Kirche zum Anlaß
genommen, von einem „vertikalen Schisma“ zu sprechen, wobei der
hintergründige Sinn dieser Formel dahin geht, daß dieses „Schisma“
selbstverständlich „von oben“ verursacht sei.
Auch die dogmatische Theologie ist weithin in
den Sog dieser Abfallbewegung vom Zweiten Vaikanum hineingeraten. Zwar
versucht man immer wieder, an gewissen als geeignet angesehenen Wahrheiten
des Zweiten Vatikanums anzuknüpfen, so in der Lehre von der Kirche als
„Communio“[73].
Aber wenn der Begriff der „Communio“, der bekanntlich schon auf dem
Zweiten Vatikanum von Paul VI. in der „nota praevia“ zu „Lumen gentium“
genauer bestimmt werden mußte[74],
die in ihm enthaltenen Momente des Organismuscharakters und der
rechtlichen Gestalt der Communio nicht mehr ausgedrückt, wenn an die
Stelle der „communio hierarchica“ (PO, 15) die sogenannte
„geschwisterliche Kirche“ gesetzt wird als Stiftung zwischenmenschlicher
Gemeinschaft im Geiste Jesu, wenn sie als innerweltlich-demokratische
Bruderschaft in Form einer Konsens-Demokratie verstanden wird, dann ist
das Wesen der „communio ecclesiastica“ (UR, 20) aufgegeben. Tatsächlich
schreitet vor allem die von Laien betriebene Theologie, aber auch die
Universitätstheologie in Richtung einer Demokratisierung der Kirche mit
den dazugehörigen Forderungen nach der Abschaffung des Zölibats und nach
der Einführung des Frauenpriestertums entschieden voran[75].
Im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung in der
Rechtfertigungslehre“ forderte ein katholischer Theologe, hier das
protestantische Wesen der Rechtfertigung ganz ernst nehmend, die
„ekklesiologischen Konsequenzen zu ziehen“ und nicht so zu tun, als ob
jetzt die Gestalt der Kirche nicht zur Disposition stünde[76].
Wie sehr dabei auch die Theologie ihre Aufgabe
demokratisch versteht, nämlich als berechtigte Opposition zum Lehramt,
zeigt ihre geradezu schon wie ein eingeführtes Ritual ablaufende
Gegnerschaft zu jedem vom päpstlichen Lehramt kommenden Dokument, und
handle es sich auch um absolut verbindliche, endgültige Entscheidungen wie
beim Apostolischen Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ über die nur Männern
vorbehaltene Priesterweihe (22.5.1994) oder bei dem als Motu proprio
veröffentlichten Apostolischen Schreiben „Ad tuendam fidem“ (18.5.1998)
oder zuletzt bei der Erklärung „Dominus Jesus“ der Glaubenskongregation
(6.8.2000)[77].
Die letztgenannte Erklärung kritisierte die Arbeitsgemeinschaft der
Dogmatiker und Fundamentaltheologen des deutschen Sprachraums (wörtlich)
wegen der „restriktiven Auslegung des Zweiten Vatikanischen Konzils“ (ohne
jegliche Beweisangabe). Sie behauptete ferner, daß das Zweite Vatikanum
durchaus die Möglichkeiten eröffnet, auch reformatorische
Glaubensgemeinschaften als Kirchen anzuerkennen, was das Zweite Vatikanum
ausdrücklich ausschloß. Das Bekenntnis zur Einzigkeit Christi und der
Kirche wird hier als fundamentalistisch disqualifiziert.
All das geschieht immer mit dem Anspruch
höchster Wissenschaftlichkeit. Bei genauerem Hinblick stellt man aber
fest, daß der Terminus Glaubenswissenschaft immer mehr außer Gebrauch
kommt. Mit dem Einschwenken auf die pluralistische Theologie der
Religionen nähert sich diese Theologie tatsächlich der
Religionswissenschaft, die ohne Glaube und Bekenntnis auskommt. Sie geht
bei dem katholischen Theologen Perry Schmidt-Leukel so weit, daß er
Christus nur noch als einen Mittler unter vielen ansieht[78].
Will man diesen Bericht über die persönlichen
Erfahrungen mit der Theologie des vergangenen halben Jahrhunderts am Ende
in ein Bild fassen, so läßt sich sagen: Es war ein Weg von einer Ebene mit
geringen Erhebungen zu einem verheißungsvollen Gipfel mit einem Abstieg in
ein tiefes Tal.
Damit ist nicht behauptet, daß in der
systematischen Theologie keine wissenschaftliche Arbeit mehr geleistet
würde und keine nennenswerten Leistungen erbracht würden. Gegen eine
solche Beurteilung spricht allein schon das in dritter Auflage
erscheinende „Lexikon für Theologie und Kirche“[79].
Ein anderes, aus der Vielzahl herausgegriffenes Beispiel bietet etwa das
vierbändige „Handbuch der Fundamentaltheologie“[80].
Die von den etwa vierzig Mitarbeitern
gebotenen Spezialuntersuchungen sind in ihrem Kenntnisreichtum, in ihrer
Akribie und denkerischen Schärfe nicht gering zu achten. Aber vom Geist
dieses Werkes ist doch zu sagen (was es z. T. auch selbst eingesteht): Es
handelt sich nicht mehr um einen geschlossenen Aufweis der Glaubwürdigkeit
von Offenbarung und Kirche, sondern es geht um eine sogenannte „offene
Fundamentaltheologie“[81],
welche die verschiedenen Probleme in der Situation der Krise des
christlichen Glaubens aufzeigt und dafür verschiedene diskutable plurale
Lösungen erörtert. Sie haben nicht mehr den Erweis der Wahrheit und der
Letztgültigkeit des katholischen Glaubens zum Ziel, weil „Zumutung und
Wagnis des Glaubens bestehen bleiben“ müssen[82].
Es herrscht der „Vernunftlogos“ vor und drängt den „Glaubenslogos“ weit
zurück. Deshalb wird auch die Kirche im Grunde nicht mehr als eine den
Glauben hervorlockende Anziehungskraft dargestellt, sondern vornehmlich am
als strahlendes Ideal hervorgekehrten „Reich Gottes“ kritisiert. Es weht
jener milde reformkatholische Relativismus durch das Werk, der von
„Dominus Jesus“ als Quelle vieler Übel gekennnzeichnet wird. Aber auf der
Talsohle können sich die Kräfte zu einem neuen Aufstieg sammeln. Sie sind
durchaus vorhanden, wie manche Hinweise dieses Referates ergaben. Sie
müssen aber auf ein konkretes praktisches Ziel hin ausgerichtet werden und
auf ein generelles geistiges Ziel. Das erste ist die authentische
Auslegung und Auswertung des Konzils zu einer wahren Reform des
christlichen Lebens; das generelle geistige Ziel ist die Überwindung des
in die Kirche eingebrochenen Säkularismus durch einen Wiedergewinn des
Transzendenten und Übernatürlichen. Gewiß ist das eine schwere Aufgabe,
die aber von einigen schon in Angriff genommen wird. Deshalb kommen die
dargelegten Erfahrungen trotz ihrer negativen Elemente aus einem gläubigen
Realismus, der mit einer Hoffnung verbunden ist, „die nicht zugrunde gehen
läßt“ (Röm 5,5).
[1]
A. Kolping, Katholische Theologie gestern und heute, Bremen 1964,
163-165.
[2] D. Berger
(Hrsg.), Die Enzyklika „Humani Generis“ Papst Pius’ XII., Köln 2000.
[3] Erste Auflage
München 1938.
[4]
Gaudium et Spes, 44.
[5] A. Kolping,
135.
[6] Theologie in
Geschichte und Gegenwart (hrsg. von J. Auer und H. Volk), München 1957.
[7] Ebda.,
697-724.
[8] O. Semmelroth,
Personalismus und Sakramentalismus: l. c., 199-218.
[9] H. Volk, L. c.
219-236.
[10]
Cf. H. Kuhn, Romano Guardini - Philosoph der Sorge, St. Ottilien 1987.
[11]
Cf. Marienlexikon I, St. Ottilien 1988, 106f.
[12]
L. Scheffczyk, Das Mariengeheimnis in Lehre und Frömmigkeit der
Karolingerzeit, Leipzig 1959.
[13]
Sechs Bände, St. Ottilien 1988-1994.
[14]
Cf. A. Gläßer, Die Struktur der Weltsumme Pierre Teilhards de Chardin,
Kevelaer 1970.
[15]
Fragen zur Eucharistie (hrsg. von M. Schmaus), München 1960, 156-197.
[16]
L. c., 190-195.
[17]
Fragen der Theologie heute (hrsg. von Feiner - Trütsch - Böckle),
Einsiedeln 1957.
[18]
L. c., 403.
[19]
Schriften zur Theologie I, Einsiedeln 1954, 323-345.
[20]
München 1966.
[21]
L. c., 7.
[22]
L. c., 10-29.
[23]
L. c., 105.
[24]
Das Zweite Vatikanische Konzil I-III, Freiburg 1966-1968.
[25]
L. c., I, 21.
[26]
L. c., I, 43.
[27]
L. c., I, 69.
[28]
L. c., I, 175.
[29]
L. c., I, 177.
[30]
L. c., I, 329.
[31]
L. c., II, 72.
[32]
L. c., II, 119.
[33]
L. c., II, 484.
[34]
L. c., II, 516.
[35]
L. c., II, 589.
[36]
L. c., II, 635.
[37]
L. c., II, 660.
[38]
L. c., III, 321.
[39]
L. c., III, 320.
[40]
Cf. Schriften zur Theologie I, Einsiedeln 1954, 9-47.
[41]
Einsiedeln - Zürich- Köln, 1965ff.
[42]
L. c., II, 441ff.
[43]
L. c., II, 441ff.
[44]
L. c., III/2, 58ff.
[45]
L. c., IV/1, 287ff.
[46]
L. c., V, 781ff.
[47]
L. c., II, 327ff.
[48]
L. c., II, 890ff.
[49]
L. c., III/1, 494.
[50]
L. c., III/2, 239ff.
[51]
L. c., V, 881ff.
[52]
L. Scheffczyk, Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966.
[53]
Kleine Katholische Dogmatik, Regensburg 1971-1983.
[54]
Cf. Jesus der Christus, Mainz 51976.
[55]
Cf. die Zusammenfassung: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik, 3 Bd.e,
21969-1975.
[56]
J. A. T. Robinson, Gott ist anders, München 61964.
[57]
H. Jedin, Lebenschronik (hrsg. von K. Repgen), Mainz 1984, 220.
[58]
Köln 21970.
[59]
Zum Problem Unfehlbarkeit. Antworten auf die Anfrage H. Küngs (Quaest.
disp. 54), Freiburg 1971, 32.
[60]
H. Küng, Christsein, München 1974, 436.
[61]
L. c., 307.
[62]
München 1984, 200.
[63]
Jesus. Die Geschichte von einem Lebenden, Freiburg 1975, 124.
[64]
L. c., 532.
[65]
Exempel Holland. Theologische Analyse und Kritik des Niederländischen
Pastoralkonzils (hrsg. von M. Schmaus, L. Scheffczyk, J. Giers), Berlin
1973.
[66]
L. c., 132; 142.
[67]
L. Boff, Kirche, Charisma und Macht, Petropolis 1981.
[68]
Exempel Holland, 201.
[69]
Fr. Böckle, Fundamentalmoral, München 1977, 324.
[70]
Papst Johannes Paul II. in Deutschland. Verlautbarungen des Apostolischen
Stuhls 25, Bonn 1980, 118.
[71]
Wort der deutschen Bischöfe zur seelsorglichen Lage nach dem Erscheinen
der Enzyklika „Humanae Vitae“ vom 30. August 1968.
[72]
Cf.: Die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz, Zur seelsorglichen
Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und
Wiederverheirateten Geschiedenen, Freiburg i.Br. - Mainz, Stuttgart
Rottenburg vom 10. Juli 1993.
[73]
Cf. Lumen Gentium, 21; 22; 24; 50; 51.
[74]
Erläuternde Vorbemerkung, 2.
[75]
Cf. dazu L. Scheffczyk, Gott gleicherweise Vater und Mutter?: Mein Vater,
euer Vater (hrsg. von A. Ziegenaus), Buttenwiesen 2000, 59-77.
[76]
Cf. B. J. Hilberath, Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus
römisch-katholischer Sicht: Zur Zukunft der Ökumene (hrsg. von B. J.
Hilberath und W. Pannenberg), Regensburg 1999, 97.
[77]
Einführung zur Ausgabe im Christiana-Verlag, Stein a.Rh. 2000, 6-10.
[78]
P. Schmidt-Leukel, Theologie der Religionen, Neuwied 1997, 576.
[79]
Freiburg 1993ff.
[80]
hrsg. von W. Kern, H. J. Pottmeyer, M. Seckler (Freiburg 1985ff.).
[81]
I,8.
[82] I,174.
(http://www.theologisches.net)
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