Menschlich handeln - handeln aus Verantwortung
Kardinal Schönborn
4. Katechese2001/02 gehalten am 16. Dezember 2001
 

 

Lasset uns beten! O Gott, komm all unserm Denken und Tun mit deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir tun, bei dir seinen Anfang nehme und mit deiner Hilfe auch vollendet werde. Darum bitten wir dich durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die heutige Katechese handelt von einer ganz elementaren und gleichzeitig recht schwierigen Frage: Was macht eigentlich ein menschliches Tun, eine menschliche Handlung zu einer guten oder einer schlechten Tat? Da das menschliche Handeln eine unendliche Vielfalt hat an Möglichkeiten, an Situationen, an Umständen, ist es nicht leicht, genau zu bestimmen, was eigentlich eine sittliche Tat ausmacht und was nicht. Aber viele vor uns haben versucht darüber nachzudenken und darin auch Klarheit zu finden. Ich möchte mich ein wenig in ihre Fußstapfen begeben, um, vielleicht etwas stammelnd, das nachzuzeichnen, was uns die großen Meister zu dieser so wichtigen aber auch so schwierigen Frage sagen.

I.

Im Katechismus steht (KKK 1749) sozusagen als Leitwort über dieser ganzen Frage folgendes: „Die Freiheit macht den Menschen zu einem sittlichen Subjekt. Wenn er bewusst handelt, ist der Mensch sozusagen der Vater seiner Handlungen. Die eigentlich menschlichen, das heißt aufgrund eines Gewissensurteils gewählten Handlungen können sittlich bewertet werden. Sie sind entweder gut oder böse.“ Ich glaube, ich muss das etwas verdeutschen. Wir haben in der vorletzten Katechese über die Freiheit gesprochen. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortung. Die Steine hier im Dom sind nicht verantwortlich für den Halt des Domes, wohl aber die Baumeister, die diese Steine zum Dom gefügt haben, weil sie freie und daher auch verantwortliche Subjekte sind. Nur der Mensch kann deshalb auch Vater seiner Handlungen genannt werden, das heißt, er bringt sie selber hervor. So wie Eltern Kinder hervorbringen, so sind die Taten unsere Kinder. Wir sind verantwortlich für das, was wir an Taten in die Welt setzen. Nicht jede menschliche Handlung ist schon eine sittlich bedeutsame Handlung. Wenn ich mich am Bart kratze – ich habe keinen sehr sichtbaren – dann kann das einfach ein Reflex sein, weil mich etwas juckt. Das ist noch nicht eine Handlung, die gut oder böse ist, sondern das ist ein Reflex. Es gibt viele Verhalten in unserm menschlichen Dasein, die einfach solche Reflexe sind. Für die werden wir nicht zur Rechenschaft gezogen, wohl aber für das, was wir frei und, wie der Katechismus sagt, aufgrund eines Gewissensurteils tun.

Wir haben letztes Mal über das Gewissen gesprochen, diese innere Stimme, diesen inneren Kompass, der uns sagt: Tu das, oder lass das!, der uns Kritik sagt, wenn etwas nicht gut war, oder Zustimmung, wenn es gut war (vgl. KKK 1776). Die eigentlich menschlichen Handlungen sind also die, die aus unserer Freiheit kommen und die wir vor unserm Gewissen verantworten. Dann können sie entweder gut oder böse sein.

Aber was ist gut oder böse? Ist das so einfach festzustellen? Es gibt eine so unendliche Bandbreite von Möglichkeiten. Wann ist etwas wirklich gut, wann ist etwas schlecht? Nun kommt hier vielleicht eine Schwierigkeit dazu, die im Deutschen nicht so groß ist, wie in andern Sprachen, dass wir unterscheiden, zwischen dem Übel und dem Bösen. Es gibt manche Handlungen, manche Ereignisse, die wohl ein Übel sind, aber die nicht etwas Böses sind. Eine Krebserkrankung ist ein Übel, aber sie ist nicht etwas sittlich Böses. Eine Naturkatastrophe ist ein Übel, aber sie ist nicht etwas sittlich Böses. Die Frage stellt sich: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Übeln, die es zahlreich in der Welt gibt und deren unausweichlichstes der Tod ist, und dem, was wir das Böse nennen?

Wenn wir auch hier in den Katechismus hineinschaun, dann sagt uns die Lehre der Kirche, dass es so etwas gibt wie das Übel, das Gott in der Welt zugelassen hat, das mit der Welt gegeben ist, einfach damit, dass wir nicht in einer vollkommenen Welt leben, sondern in einer Welt, die im Werden und im Vergehen ist, in der es das Kommen und Gehen gibt, die gewaltigen Entwicklungen des Kosmos vom Urknall angefangen, Entstehen und Vergehen der Sterne, der Galaxien, bis hin zum Entstehen und Vergehen des Lebens auf dieser Erde. Gott hat die Welt geschaffen als eine, die unterwegs ist, und daher gibt es in dieser Welt auch das Kommen und Gehen, den Aufbau und den Abbau und auch den natürlichen Tod in der Lebenswelt der Pflanzen, der Tiere. Wenn wir hier auf die Marmorsteine schauen, dann finden wir wahrscheinlich Verkrustungen von Schnecken aus den Jahrmillionen, in denen diese Steine aus dem Meeressand entstanden sind. Da gab es schon den Tod der Lebewesen.

Die Glaubenslehre nennt das das physische Übel, das Übel, das es in der Natur gibt und das uns schon als solches vor große Rätsel stellt. Warum gibt es so viel Grausamkeit in der Natur? Warum gibt es dieses Kommen und Gehen? Aber der Katechismus sagt uns: „Solange die Schöpfung noch nicht zur Vollendung gelangt ist“, wird es dieses Kommen und gehen und auch „das physische Übel“ geben (KKK 310). Aber etwas ganz anderes ist das moralische Übel, das sittliche Übel, das aus der menschlichen Freiheit kommt. Und das, so sagt der Katechismus, „unvergleichlich schlimmer ist als das physische Übel“ (KKK 311). Eine Krankheit ist ein Übel. Aber unvergleichlich schlimmer ist die Sünde. Deshalb hat Jesus zuerst die Sünde vergeben, bevor er die Krankheit geheilt hat. Das moralische Übel kommt in die Welt durch die Freiheit, des Engels, der sich von Gott abwendet, und des Menschen, der nein sagt zu Gott.

II.

Gott lässt dem Menschen die Freiheit, gut zu handeln oder auch böse zu handeln. Ein großes Rätsel, und wir wollen uns ein wenig dieser Frage zuwenden, was es auf sich hat mit dem Guten und dem Bösen im menschlichen Handeln. Auch hier sagt uns der Katechismus drei ganz einfache Dinge. Sie sind eigentlich, wenn man sie sich genauer anschaut, sehr einleuchtend. Was macht die sittliche Qualität unseres Tuns aus? Drei Dinge, sagt der Katechismus. Erstens der „Stoff“ unserer Handlungen, also das, was wir tatsächlich tun, zweitens die Absicht unseres Handelns, das, was wir tun wollen, das Ziel, das wir verfolgen, wenn wir etwas tun, und drittens die Umstände, unter denen wir etwas tun. Wir wollen uns das ein wenig anschaun.

Zuerst einmal der „Stoff“ unseres Tuns. Wenn wir das menschliche Handeln anschaun, begegnet uns zuerst einmal nicht die Absicht, die können wir nicht sozusagen auf der Nasenspitze des Nächsten ablesen, die ist oft in seinem Herzen verborgen. Wir sehen nur äußere Handlungen. Die Umstände kennen wir manchmal, meistens kennen wir nur einen Teil der Umstände, sie können eine Situation erschweren oder erleichtern. Aber zuerst geht es darum, einmal eine Handlung, ein Tun als solches sich näher anzuschaun. Wenn wir hier auf die Sprache horchen, dann ist sie uns eine große Hilfe, und natürlich immer der „Hausverstand“, unser guter, einfacher Hausverstand, den wir bitte nicht bei der Gardarobe abgeben sollen, wenn wir über etwas nachdenken.

Nehmen wir ein Beispiel. Am Naschmarkt ist eine ältere Frau mit ihrer Handtasche. Plötzlich kommt ein Bursche, reißt dieser Frau die Handtasche weg und rennt davon. Ich erinnere mich an eine köstliche Geschichte aus dem „Heiteren Bezirksgericht“ – vielleicht gehört das nicht in den Stephansdom – wo eine Marktfrau vom Naschmarkt vom Richter gefragt wird: „Frau Voprschalek, was haben sie eigentlich gedacht, als sie gesehen haben, wie dieser Bursche dieser Frau die Tasche weggerissen hat?“, sagt Frau Voprschalek: „Herr Richter, das kann ich Ihnen ganz genau sagen, wissen sie was ich gedacht hab? Ich hab mir gedacht: ‚eieieieieiei‘, hab ich mir gedacht.“ Nun, was hier passiert ist, was dieser Bursche hier getan hat, das nennen wir nicht „stibitzen“. Er hat nicht etwas stibitzt auf dem Marktstandl, er hat auch nicht gestohlen, sondern er hat geraubt. Unsere Sprache ist da ganz genau. Wir unterscheiden zwischen ‚stibitzen‘, ‚stehlen‘ und ‚rauben‘.

Die Handlung, um die es hier geht, nennen wir Raub. Es ist ein ganz spezifisches Verbrechen: gewaltsam, unrechtmäßig jemandem ein Eigentum wegnehmen. Das ist ein Raub. Jeder normal denkende sagt: Das ist eine Tat, die in sich verwerflich ist, sie ist unsittlich, sie ist in sich eine böse Tat. Nun können noch Umstände dazukommen, die diese Tat erschweren. Wenn diese alte Frau auch noch behindert war, dann empfinden wir diese Tat als noch schlimmer. Wenn dieser Raub mit einer Körperverletzung verbunden war, dann ist die Tat noch schlimmer. Wenn es gar ein Raubmord war, dann ist es eben nicht mehr nur ein Raub, sondern dann steht die Tötung im Vordergrund und dann qualifizieren wir den Täter nicht mehr einfach als Räuber, sondern als Mörder. Die Frage nach der Absicht, wie es dabei um seine Absicht gestanden hat, ist sicher eine Frage. Aber sicher ist, dass es keine gute Absicht gewesen sein kann. Selbst wenn wir annehmen würden, es wäre eine gute Absicht dahinter gewesen, dann würde das trotzdem niemals eine solche Tat rechtfertigen. Das Gericht wird hier nicht auf die Absicht schauen, sondern auf die Tat und sagen, dass das Raub war und im schlimmsten Fall vielleicht sogar Raubmord. Objektiv sagen wir: Diese Tat ist verwerflich.

Ich nehme ein zweites Beispiel. In den heutigen sittlichen Diskussionen, ethischen Diskussionen besteht die Gefahr, dass man versucht, durch harmlose Worte die Dinge zu verschleiern. Man spricht zum Beispiel von Euthanasie. Eu-thanatos, das heißt „der gute Tod“, ein liebevoller, sanfter Tod für einen leidenden Menschen. Ein Mitschüler von mir, der Primarius in einem Spital ist, hat mir folgendes erzählt: Es kamen zu ihm die Enkelkinder einer schwer krebskranken Frau, die sehr gelitten hat, und haben ihn gebeten, ob er ihr nicht - „Sie wissen schon, Herr Primarius, ein bisserl das Leiden abkürzen, könnten Sie ihr nicht eine Spritze geben?“ Er hat darauf geantwortet: „Bringt doch eure Großmutter selber um!“ Mit diesem nüchternen Satz war plötzlich das sprachliche Verschleiern weggerissen.

Worum geht es? Einen Menschen zu töten. – Sagen wir’s, nennen wir’s beim Namen! Es geht um willentliche Tötung. Er als Arzt sagt: Wieso erwartet ihr von mir, dass ich eure Großmutter töte? Natürlich stellt sich auch hier die Frage: Können nicht die Umstände so sein, dass sie dieses Ansinnen der Enkel rechtfertigen? Kann hier nicht eine ehrliche Absicht sein zu helfen? Dennoch müssen wir ganz klar sagen: Auch die beste Absicht kann aus dieser Tat als solcher keine gute Tat machen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Dinge beim Namen nennen, im Guten wie im Bösen. Eine Lüge ist eine Lüge. Auch wenn ich aus Angst gelogen habe, so habe ich doch gelogen. Ein Ehebruch ist ein Ehebruch, auch wenn er aus Leidenschaft begangen wird oder aus Verzweiflung über die eigene Ehe.

Nun sagt der Katechismus etwas sehr Wichtiges aber auch Schwieriges. Diese klare Sprache, dieses klare Benennen von Handlungen als gut oder bös geschehe, ich zitiere, „gemäß dem Urteil der Vernunft.“ Die Vernunft, unser Verstand erkennt „die Regeln der Sittlichkeit“, weil, so sagt der Katechismus, „die vernunftgemäße Ordnung des Guten und des Bösen“ darin zum Ausdruck kommt (KKK 1751). Wie ist das mit der vernunftgemäßen Ordnung? Stimmt das wirklich? Ist uns verstandesmäßig, von der Vernunft her einsichtig, was wirklich gut und was böse ist? Oder, wie die katholische Tradition es auch immer sagt: Das Gute ist das, was der Natur gemäß ist, und das Böse ist das, was der Natur widerspricht. Was der menschlichen Natur entsprechend ist, ist gut, was ihr widerspricht, ist schlecht.

Aber was ist das, die menschliche Natur? Und wissen wir so genau, was uns die Vernunft sagt? Ist unser Verstand nicht geprägt von vielen Vorstellungen, die einfach aus unserer Kultur da sind, aus unserer Umwelt, in denen wir erzogen sind, aufgewachsen sind und die in anderen Kulturen vielleicht ganz anders aussehen? Wandeln sich diese nicht? Was früher als ganz unschicklich galt, ist heute völlig harmlos. Was früher verworfen wurde, wird heute vielfach einfach akzeptiert.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel, wie schwer es ist zu sagen, was eigentlich wirklich der Vernunft entspricht. In Frankreich hat ein Höchstgericht ein Urteil gesprochen. Es ging um folgenden Fall: Ein Arzt hat nicht erkannt, dass ein Kind im Mutterschoß behindert ist und hat auch keine Abtreibung vorgenommen oder dazu geraten. Nun ist das Kind geboren, es ist behindert und die Eltern haben den Arzt auf Schadenersatz geklagt. Das Höchstgericht hat den Eltern recht gegeben. Offensichtlich haben diese Richter die Überzeugung gehabt, das Ansinnen dieser Eltern ist vernünftig. Es ist doch nicht einzusehen, warum ein behindertes Kind auf die Welt kommen soll, wenn man es verhindern kann.

Das scheint offensichtlich vielen Menschen heute, selbst Höchstrichtern in einem höchst zivilisierten Land wie Frankreich, vernünftig zu sein. Irgendwie stellt sich dann für uns die Frage: Sind wir jetzt verrückt, wenn wir das anders empfinden? Sind die Behindertenorganisationen, die gegen dieses höchstgerichtliche Urteil protestiert haben vielleicht hinterwäldlerisch? Sind sie hinter der Zeit her, unvernünftig? Oder vertreten sie vielleicht den menschlichen Standpunkt und die Höchstrichter einen sehr unmenschlichen Standpunkt?

Ich nenne ein weiteres Beispiel. Ich habe dieser Tage für die Wiener Ärztezeitschrift („doktorinwien“ 01/2002) einen Artikel geschrieben über die pränatale Diagnostik, also die vorgeburtlichen Untersuchungen, die heute schon mit großer Genauigkeit selbst mit der Ultraschalluntersuchung das sogenannte Downsyndrom feststellen können, also ob ein Kind mongoloid ist oder nicht. Ich habe in diesem Artikel gesagt, das was hier beginnt, was hier bei uns schon stattfindet, ist eine „vorgeburtliche Rasterfahndung“ nach Behinderten. Was die Folge davon sein wird, ist, dass es als unsozial, als unverantwortlich und damit als unvernünftig dasteht, Kinder mit Behinderungen zur Welt zu bringen. Es kann einem dann ein Zweifel kommen: Ist es nicht vernünftiger, menschlicher, natürlicher einem Behinderten die Mühen eines behinderten Lebens zu ersparen? Ist es nicht viel barmherziger, ihm ein Leben in Leiden zu ersparen? Diese Zweifel werden heute massiv verbreitet und sie stellen oft große Gewissenskonflikte für die betroffenen Eltern da. Es kommt allmählich zu einem sozialen Klima, in dem Eltern, die ein behindertes Kind haben, in Gefahr sind, als unsozial betrachtet zu werden. Die Verschleierung der Sprache – „barmherzig“ – die Verwirrung der Gefühle und schließlich die Verdrehung der Tatsachen fördern eine große Unklarheit. Daher ist es so notwendig und dringend, dass wir mit großer Nüchternheit diese Dinge sehen und beim Namen nennen, in der Sprache nicht schwindeln. Nichts hilft uns mehr zu einer Klarheit und Nüchternheit in der Vernunft als der Glaube.

Denn der Glaube macht nicht unvernünftig, sondern er macht klarsichtig. Wer Christus nachfolgt, wer im Licht des Glaubens lebt, der wird klarsichtig auch über die einfachsten Dinge des Alltags. Er wird auf die Lügen der Täuschung und auch der Selbsttäuschung nicht hereinfallen. Er wird sie durchschauen und wird sehen, was die Wirklichkeit ist. Der Glaube macht klarsichtig für die Wirklichkeit. Aber das erfordert, dass wir selber durch ein Leben aus dem Glauben uns befreien von Selbsttäuschungen, von Leidenschaften, die uns blenden, von Lügen, die uns auf Irrwege führen.

Ich möchte nur zu diesem Beispiel der pränatalen Diagnostik kurz vier Punkte nennen, einfach als Gegenargumente, schlichte, einfache Gegenargumente: 1) Diese pränatale Diagnostik, das können auch Fehldiagnosen sein. Ich bin dieser Tage einer Mutter begegnet, die mir erzählt hat, dass der Arzt ihr gesagt hat, ihr Kind hat ein Downsyndrom, wird mongoloid sein. Sie hat das Kind trotzdem zur Welt gebracht und es war ganz gesund. Der Arzt kann sich irren. 2) Ein behindertes Kind, das sicher auch eine schwere Belastung ist für die Familie, ist auch ein Segen, kann ein großer Segen sein. Eine mir befreundete Familie hat als sechstes und letztes Kind ein mongoloides Kind bekommen. Sie sagen einhellig: Dieses Kind ist unser Sonnenschein. Ich bin dieser Tage einer Familie begegnet, die auf den Weg des Glaubens gekommen ist durch ihr behindertes Kind, weil es den Materialismus und die Erfolgsorientiertheit ihres bisherigen Lebens in Frage gestellt hat. Gott hat durch dieses behinderte Kind die Familie zum Glauben geführt. 3) Eine Frage: Welche Barmherzigkeit soll denn im Töten eines behinderten Kindes liegen? 4) Wer sind wir, dass wir von vorn herein erklären wollen, was dieses Menschenkind glücklich oder unglücklich macht, dass wir, der Arzt oder die Eltern, entscheiden wollen, ob ihm das „Unglück“ eines behinderten Lebens erspart bleiben soll? Jean Vanier, einer der großen Zeugen des Evangeliums in unseren Tagen, der Gründer der Arche-Bewegung, die heute in der ganzen Welt Häuser hat, hat vor vielen Jahren, vor Jahrzehnten entdeckt, welcher Reichtum es ist, mit Behinderten zusammen zu leben, wie viel wir von Behinderten empfangen können.

Trotzdem bleibt es wahr, dass es eine Bürde ist. Aber rechtfertigt eine Bürde die Tötung? Es geht hier nicht zuerst um die Frage: Werden wir es schaffen? – eine ganz verständliche und menschlich durchaus anzunehmende Frage, die sich Eltern stellen, wenn sie vor diese Wirklichkeit gestellt sind. Werden wir es schaffen? Wie wird das sein? Wird das gehen? Natürlich bedrängen solche Fragen. Aber hier geht es ja um eine ganz konkrete Handlung. Darf man dieses vielleicht behinderte Kind töten lassen? In sich ist diese Handlung nicht richtig. Bitte, damit kein Missverständnis entsteht, wenn es trotzdem dazu kommt: Gottes Barmherzigkeit wird niemanden ausschließen, der erkennt, dass er oder sie schuldig geworden sind. Gottes Barmherzigkeit ist nie am Ende, auch wenn wir die größten Fehler gemacht haben. Aber Gottes Barmherzigkeit erspart uns nicht zu erkennen, dass es ein Fehler war, eine Sünde.

III.

Schauen wir uns das zweite Element der sittlichen Handlung an, die Absicht. Nicht nur was jemand äußerlich tut gilt es zu beurteilen, sondern was die innere Absicht ist. Das ist sozusagen die persönliche Seite der menschlichen Handlungen. Mit jedem menschlichen Tun verfolgen wir eine Absicht, ein Ziel, einen Zweck. Ich möchte heute Abend noch aufs Land hinaus fahren, um morgen eine stillen Tag zu verbringen. Diese Handlung hat einen bestimmten Zweck. Ich hoffe, es ist ein guter Zweck. Ich möchte einen stillen Tag verbringen und dazu setze ich einzelne konkrete Schritte. Es ist immer der Wille, der unser Tun bewegt auf ein Ziel hin. Wenn dieser Wille gut ist, dann ist auch das, was wir tun, gut. Wenn dieser Wille schlecht ist, dann ist auch das, was wir tun, schlecht. Der Wille wird immer von einem Ziel bewegt. Ohne eine solche Absicht, einen Zweck, ein Ziel tun wir gar nichts. Manchmal tun wir Dinge auch zunächst absichtslos, lassen sozusagen die Beine und die Seele baumeln. Aber normalerweise, ob es eine Tätigkeit in der Küche ist, am Schreibtisch eine Arbeit oder auch eine Urlaubsbeschäftigung, immer tun wir etwas um etwas willen, auf ein Ziel hin. Warum bin ich Priester geworden? Ich bin Priester geworden, um Christus nachzufolgen und den Menschen zu dienen. Ich glaube, das kann jeder sagen, der diesen Weg gewählt hat. Aber stimmt das wirklich? Habe ich wirklich aus so reinen Motiven heraus gehandelt? Habe ich nicht auch andere Absichten damit verfolgt?

Ist es nicht so, dass in fast allen unseren Handlungen immer ein ganzes Bündel von Absichten und Motiven mitspielt? Selbst in der Berufungsgeschichte der Apostel gibt es Nebenmotive. Vielleicht war es auch ein bisschen Abenteuerlust, dass sie alles verlassen haben und Jesus nachgefolgt sind. Vielleicht war es einfach auch Neugierde – „Meister, wo wohnst du?“ – „Kommt und seht!“ (Joh 1,38f). Vielleicht hat auch ein bisschen das Verlangen nach einer Karriere mitgespielt, denn wenn er der Messias ist, dann haben wir vielleicht „einen guten Posten“, ganz in seiner Nähe. Alles das hat mitgespielt. Aber als die Apostel dann alle, einer nach dem anderen, ihr Leben für Christus gegeben haben als Märtyrer, da war ihre Absicht, ihr Ziel so geläutert im Feuer der Prüfung, dass sie wirklich sagen konnten wie Petrus es zu Jesus nach Ostern sagt: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17).

Trotz aller dieser vielen Motive, die mitspielen in unseren Handlungen – es gibt auch die ganz lautere Absicht. Gestern bin ich Feuerwehrleuten begegnet in der Buckligen Welt. Wenn ein Feuerwehrmann ausrückt in einer Notsituation, es brennt oder es war ein schwerer Unfall, dann dürfen wir annehmen, er tut das einfach und gerade um zu helfen. Da spielt keine Eitelkeit mit, da spielen keine Nebenmotive mit, auch wenn er vielleicht zur Feuerwehr gegangen ist, um einfach einem Brauch Folge zu leisten, weil eben alle im Dorf zur Feuerwehr gehen. Aber es gibt im menschlichen Handeln die lautere Absicht, die lautere Tat. Das ist etwas Wunderschönes. Es ist etwas Wunderschönes, wenn wir der lauteren Tat begegnen, in der die äußere Handlung und die innere Absicht wirklich zusammenpassen.

Wenn jemand aus reinem Herzen, aus lauterer Absicht etwas Gutes tut. Das hat eine ausstrahlende Schönheit. Wenn ich zum Naschmarkt zurückkommen darf. Ein anderer Mann hat gesehen, dass dieser Bursche die Frau angreift und ihr die Tasche wegreißen will, er stürzt hin und beschützt diese Frau vor dem Angreifer. Er hat schnell, unmittelbar zugreifend, zupackend gehandelt und das Richtige getan. Er hat diese alte Frau beschützt. Wir finden eine solche Tat durchaus lobenswert. Er hat mutig und entschieden gehandelt, vielleicht sogar sich selber in Gefahr gebracht, sein Leben aufs Spiel gesetzt, um diese Frau zu retten. Zurecht zollen wir solchen „Helden des Alltags“ unsere Anerkennung. Es gibt die lautere Tat aus lauterer Absicht.

Aber wie kommt ein Mensch dazu, im rechten Moment das Richtige zu tun? Da ist wahrscheinlich mehr als nur diese momentane Tat, da steckt mehr dahinter. Wahrscheinlich steht diese einzelne richtige, überzeugende Tat in einem größeren Zusammenhang. Diese spontane Hilfe mit dem Risiko, sein Leben in Gefahr zu bringen, hat eine Vorgeschichte. Und der andere, der weggeschaut hat – „das geht mich nichts an“ – sich abwendet und sich aus dem Staub macht, auch diese Handlung hat eine Vorgeschichte, denn beides hat zu tun mit der Ausprägung des sittlichen Charakters oder mit dem Mangel an Ausprägung des sittlichen Charakters.

Der sittliche Charakter. Die Absicht unseres Handelns wird sehr stark davon bestimmt, wie sozusagen unsere sittliche Persönlichkeit aussieht, wie sie im ganzen ausgeprägt ist. Je deutlicher diese Persönlichkeit ausgeprägt ist, desto gerader und desto richtiger wird auch die einzelne Handlung dann ausfallen, desto gerader wird auch die Absicht sein, desto mehr kommen auch die verschiedensten Lebensbereiche gewissermaßen zusammen in einer Grundausrichtung. Es gibt so etwas wie eine Gesamtausrichtung des Lebens. Wenn diese Gesamtausrichtung stimmt und allmählich immer deutlicher wird, dann werden auch die einzelnen Handlungen an Klarheit und an Schönheit gewinnen. Dann wird das einzelne Tun gewissermaßen von der Gesamthaltung des Lebens geprägt.

Wenn unser Leben immer deutlicher ausgerichtet ist auf das letzte Ziel, wenn wir auf Gott ausgerichtet sind, auf seinen Willen, wenn also unser ganzes Leben ausgerichtet ist: „Dein Wille geschehe!“, dann bekommt es eine inner Klarheit. Diese Grundausrichtung ist wie ein Magnet, der die Eisenspäne ordnet und sie auf die selbe Richtung ausrichtet. Dann bekommt unser Leben Zusammenhalt, Festigkeit und auch sittliche Schönheit. Das prägt sich aus bis in den Alltag, in die kleinen Dinge des Alltags, wie wir unsern Alltag leben. Das heißt natürlich nicht, dass alles immer, unmittelbar und ganz auf Gott bezogen ist, dass das Rühren im Kochtopf oder das Schreiben auf dem Computer unmittelbar immer auf Gott bezogen ist. Aber alles, was wir tun, bekommt eine innere Klarheit und Lauterkeit, eben die Qualität, die wir bei geraden Menschen bewundern.

Wenn ich von einem geraden Menschen rede, dann kommt mir immer unser alter Hausmeister im Kloster in Fribourg in den Sinn, für mich der Inbegriff des geraden Menschen. Er war auch körperlich gerade. Er hat eine wunderbar gerade Haltung gehabt, bis zu seinem hohen Alter ein Mensch ohne Falsch. Was er gemacht, ob er getischlert hat oder um das Haus herum gekehrt hat, ob er bei Tisch bedient hat oder an der Pforte gesessen ist, ob er einen Schnaps getrunken hat oder sich seine kleine Zigarre angezündet hat, es hat alles eine Stimmigkeit gehabt – ein gerader Mensch.

Diese innere Ausrichtung kann in zwei Richtungen auseinanderklaffen und die seien zum Schluss genannt. Wir sind natürlich ständig im Kampf, in der Auseinandersetzung um diese innere Ausrichtung zu gewinnen und auch in unserem äußeren Handeln zu leben. Es kann eine äußerlich richtige Handlung durch eine verquerte Absicht zu einer schlechten Handlung werden. Ein Beispiel, Jesus nennt es in der Bergpredigt: beten, fasten, Almosen geben – sicher etwas Gutes. Aber wenn wir es tun, um von den Menschen gesehen zu werden, aus Eitelkeit, aus dem Wunsch nach Anerkennung, dann, sagt Jesus ganz klar, dann ist das wertlos, ja dann wird es sogar etwas Schlechtes. Eine objektiv gute Handlung kann durch eine schlechte Absicht innerlich verfaulen, zu einer schlechten Handlung werden. Umgekehrt, wenn man etwas an sich Schlechtes in guter Absicht tut, wird es trotzdem nicht etwas Gutes. Wenn ich stehle, um den Armen zu helfen, dann bleibt es trotzdem Diebstahl und wird keine gute Tat. Wenn ich lüge, um jemand aus der Klemme zu helfen, dann bleibt es trotzdem eine Lüge. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

IV.

Damit sind wir beim letzten Punkt: die Umstände. Alles, was wir tun, geschiet in einem Umfeld, mit unendlich vielen Umständen. Traditionellerweise nennt man sie nach einigen Fragen: Wer? Womit? Was? Wo? Warum? Wie? und Wann? Umstände können eine an sich gute Handlung in einem konkreten Fall zu einer schlechten werden lassen. Beispiel: Rosenkranz beten ist etwas Gutes. Aber wenn wir zu einem Verkehrsunfall kommen und statt dem Verletzten zu helfen Rosenkranz betend herum gehen, dann tun wir etwas Strafbares (Vgl. R. Spaemann, Einleitung zu Thomas v. Aquin, Über sittliches Handeln [Reclam 18162], Stuttgart 2001, 15). Sicher ist ein Unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Diebstahl. Der kleine Diebstahl ist weniger schwerwiegend als der große Diebstahl, aber beide sind Diebstahl. Wenn ich aus Todesangst lüge, ist die Schuld sehr gering, auch wenn es eine Lüge bleibt. „Mildernde Umstände“ können das sein. Die Fülle der Umstände können eine Situation abmildern oder auch erschweren, aber an sich bleibt die Handlung das, was sie ist.

Was folgt daraus für unser Leben? Unser Glauben sagt zu uns: „Sucht zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird euch dazu gegeben“ (Mt 6,33). Was von uns erwartet ist, ist die Grundausrichtung. Wer sein Leben nach dem Willen Gottes auszurichten versucht, der wird auch im einzelnen, in den einzelnen Taten und Handlungen immer deutlicher sehen, wie sich das Gute im einzelnen ausprägt. Das erfordert aber, dass wir Ordnung in unsere Absichten bringen. Deshalb möchte ich nächstes Mal, am 13. Jänner 2002, über die Leidenschaften sprechen. Ordnung bringen in unsere Leidenschaften, damit das Herz in Ordnung kommt, damit unsere Grundausrichtung stimmt und damit die einzelnen Taten sich auch richtig ausprägen. Das wird dann das Thema das übernächste Mal sein: die Tugenden, das heißt die Haltungen, die es mir möglich machen, dass ich im einzelnen das Richtige treffe. Der junge Mann, der helfend eingesprungen ist und der dieser Frau beigestanden ist, hatte offensichtlich in seinem Leben die Tugend der Tapferkeit ausgeprägt um im rechten Moment das richtige zu tun. Ohne Tugenden gibt es kein richtiges einzelnes Handeln. Sie sind gewissermaßen die Stütze für die Geradheit unseres Lebens.

Damit habe ich Ihnen sozusagen das Menü für die nächsten Male angekündigt. Am 13. Jänner über das Thema: Wie ordnen wir unsere Leidenschaften, damit die Herzensausrichtung stimmt?, und in der Katechese am 17. Februar dann über die Tugenden als die, die uns helfen, unser Leben in Ordnung zu bringen. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und viel Segen im Neuen Jahr.

 

 

(Kardinal Christoph Schönborn)