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Sechstes Buch 101-200
Mensch nihm dir nur die Lieb und die begiehr der dinge /
Das Hertz ist wie das Aug' / ein eintzigs gränelein /
Der Schiffer wirfft im sturm die schwersten Wahren auß:
Mensch würffestu nicht weg dein liebstes auf der Erden /
Die Seeligkeit ist alls. Wer alles wil erheben /
Umb nichts gewind man nichts. Wo du nichts auf wilt setzen:
Mit hundert wil GOtt eins bezahln im ewgen Leben:
Freund schmeichle dir nicht viel: hastu noch die Begiehr /
Du wilt nicht Sclave seyn; und doch ists wahr mein Christ /
Die schnödste Sclaverey ist gerne Sclave seyn.
Nichts schändlichs / nichts gerings steigt in ein groß gemütte:
Das schmählichst' ist die Sünd. Dänk Sünder was für schmach /
Die Sünd ist voll Betrugs. Läst du dich sie regiern /
Kein edler Geist ist gern gefangen und umbschränkt.
Du sprichst / du wirst noch wohl GOTT sehen und sein Licht:
Wer GOttes angesicht hier nicht sieht mit begier /
Verzug ursacht verdruß: fühlstu umb GOtt nicht Pein /
Die Lieb ist das gewicht: ists wahr daß wir GOtt Lieben /
Ein Göttliches gemütt steht stätts nach GOtt gericht:
Du hast gern deinen Hund / der dir beliebt / bey dir:
Mensch stirbestu nicht gern / so wiltu nicht dein Leben:
Du renst in Tods gefahr schnöd' Ehre zuerwerben;
Ein Narr ist / der den Stok fürs Kaisers Burg erkiest;
Ein Knecht ist gern im Stall / ein schwein hirt gern umb Schweine:
Jeds Liebet was es ist / der Käfer seinen mist /
Die losung der gespan. Wers gern mit Narren hält /
GOtt ist mein einge Lieb: ihm nicht gemeine seyn
Werd GOtt wiltu zu GOtt: GOtt macht sich nicht gemein /
Von GOtt wird GOtt gebohrn: sol er dich den gebehrn /
Nichts wird was zuvor ist: wirstu nicht vor zu nicht /
Die höchste Freud und Lust die GOtt mir kan gewehrn /
Gebehrn ist Seelig seyn. GOtts einge Seeligkeit
GOtt ist das Seeligste. Wiltu so Seelig seyn /
GOtt zeuget nichts als GOTT: zeugt er dich seinen Sohn /
Wer GOtt mit GOtt gewird / ist mit ihm eine Freud /
O Ehr O Seeligkeit / das Ewig seyn was GOtt!
Du wilt kein Heilger seyn / gleichwohl inn Himmel kommen.
Du schmückst dich wenn du solt nachs KayserHofe gehn /
Mensch wirstu nicht gehöft unnd klebst am Kloß der Erden /
Du stäkst im falschen Wahn; kanstu die Welt nicht hassen /
Mensch wer dem Creutz nicht kan entwerden und entgehn /
Manch ding thut man auß Noth. Auch du verläst die Welt /
Es heist sich einen Wurm auß Demutt GOttes Sohn /
Der Himmel schätzt sich nicht / ob er gleich alls ernährt:
GOtt spricht / wer sich versenckt der wird erhaben werden:
Freund weil du sitzst und dänckst / bistu ein Mann voll Tugend:
Wer Heilge Traurigkeit hier hat zum Vesper Brodt /
Wie daß der Fraß nicht kommt zum ewgen Abendessen /
GOtt wil den sättigen den hungert und den dürst /
Niemand hat was umbsonst / wie bildstu dir denn ein /
GOtt treibet Kauffmanschafft / er bitht den Himmel feil.
Was macht nicht GOtt auß sich! Er ist meins Hertzens Ziel /
Du kanst mit deinem Pfeil die Sonne nicht erreichen /
GOtt legt den Pfeil selbst auf / GOtt spannet selbst den Bogen.
Je näher bey dem Ziehl / je näher beym Gewien;
Der Sünder ziehlt nach Gott / und wendt sich von ihm weg /
Mit Heiliger Begihr / und nicht mit blossem bethen;
Das Hertz ist unser Rohr / die Liebe Kraut und Loth /
Ey lad doch recht und scharff / was paffstu in die Lufft?
Das Mundloch giebt nicht Feur / im Fall du je wilt schüssen /
Christ ist das Rohr nicht rein / die Kammer nicht geraumt /
Halt / du verletzest dich / das Gifft muß auß dem Rohr /
Mensch wer mit Haß und Neid für Gott den Herrn wil threten /
Was du dem nächsten wilt / das bithst du dir von Gott.
Mensch du begehrst von GOtt das gantze Himmelreich:
Das Reich Gotts ist in unß. Hastu schon hier auf Erden
Viel haben macht nicht Reich. Der ist ein reicher Mann /
Ein weiser Mann hat nichts im Kasten oder Schreyn:
Der Weis' ist was er hat. Wiltu das Feinperlein
Jch kan mich selbst verliehen. Ja? böß ists wenn in tod /
Das Tröpfflein wird das Meer / wenn es ins Meer gekommen:
Wenn du das Tröpfflein wirst im grossen Meere nennen:
Jm Meer ist alles Meer auchs kleinste Tröpffelein:
Viel Körnlein seind ein Brodt / ein Meer viel tröpffelein;
Mensch du kanst dich mit Gott viel leichter eines sehn /
Die Seele die nichts sucht als eins mit GOtt zuseyn:
Ein Narr ist gern zerstreut / ein Weiser gern allein:
Alls lebt und reget sich; doch zweiffl' ich ob die Welt
Der Geitzhalß muß darvon / läst anderen sein Geld;
Der Weise streuet auß für seine Freund in GOtt;
Der Narr hält sich vor Reich bey einem Sak voll Geld /
Wer giebt dem giebet GOtt mehr als der giebt und wil:
Der weise suchet nichts / er hat den stillsten Orden:
Christ werde was du suchst: wo du's nicht selber bist /
Jn dir muß's Reichthum seyn / was du nicht in dir hast /
GOtt ist das Reichthum gar / gnügt er dir in der Zeit /
Hastu an GOtt nicht gnug / und suchst nicht ihn allein /
Suchstu was und vermeinst daß GOtt nicht alles sey /
Mensch glaube diß gewiß / hastu nach allm Begihr /
Mensch wem GOtt alles ist / dem ist sonst alles nichts:
Die gantze Welt ist nichts: Du hast nicht viel veracht /
Du selber must auß dir. Wenn du dich selbst wirst hassen /
Alls muß geschlachtet seyn. Schlachstu dich nicht für GOtt /
Durch tödtung deiner selbst wirstu Gotts Lamb darstellen /
Ixion ist allein beschrihn auf allen Gassen:
Wenn du an einem Pflug wilt mit Ixion pflügen /
Freund wie die Arbeit ist / so ist auch drauf der Lohn:
Braut ists daß du nicht gern läst frembde Buhler für;
Behuttsamkeit ist Noth. Viel wärn nicht umbgekommen /
Vermiß dich Jungfrau nicht / wer in Gefahr sich giebt /
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