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Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 112
Brief
Papst Johannes Paul II.
an die Familien
2. Februar 1994
Herausgeber:
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz
Kaiserstraße 163, 53113 Bonn
Inhalt
I. Die Zivilisation der Liebe
II. Der Bräutigam ist bei euch
Anmerkungen
Einleitung
Liebe Familien!
1. Die Feier des Jahres der Familie bietet
mir die willkommene Gelegenheit, an die Tür eures Hauses zu klopfen mit
dem Wunsch, euch sehr herzlich zu grüßen und mich bei euch aufzuhalten.
Ich tue das mit diesem Schreiben, wobei ich von den Worten der Enzyklika
Redemptor hominis ausgehe, die ich in den ersten Tagen meines Petrusamtes
veröffentlicht habe. Ich schrieb damals: Der Mensch ist der Weg der
Kirche.1
Mit dieser Formulierung wollte ich zunächst
auf die vielfältigen Wege Bezug nehmen, die der Mensch entlanggeht, und
zugleich wollte ich unterstreichen, wie lebhaft und groß der Wunsch der
Kirche ist, ihn beim Durchlaufen dieser Wege seiner irdischen Existenz zu
begleiten. Die Kirche nimmt an den Freuden und Hoffnungen, an der Trauer
und an den ängsten2
des täglichen Lebens der Menschen teil, weil sie zutiefst davon überzeugt
ist, daß Christus selbst sie in alle diese Wege eingeweiht hat: Er hat den
Menschen der Kirche anvertraut; Er hat ihn ihr anvertraut als "Weg" ihrer
Sendung und ihres Dienstes.
Die Familie - Weg der Kirche
2. Unter diesen zahlreichen Wegen ist die
Familie der erste und der wichtigste. Ein gemeinsamer Weg und doch ein
eigener, einzigartiger und unwiederholbarer Weg, so wie jeder Mensch
unwiederholbar ist; ein Weg, von dem kein Mensch sich lossagen kann. In
der Tat kommt er normalerweise innerhalb einer Familie zur Welt, weshalb
man sagen kann, daß er ihr seine Existenz als Mensch verdankt. Fehlt die
Familie, so entsteht in der Person, die in die Welt eintritt, eine
bedenkliche und schmerzliche Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben
lasten wird. Mit herzlich empfundener Fürsorge ist die Kirche denen nahe,
die in solchen Situationen leben, weil sie um die grundlegende Rolle weiß,
die die Familie zu spielen berufen ist. Sie weiß darüber hinaus, daß der
Mensch normalerweise seine Familie verläßt, um seinerseits in einem neuen
Familienkern die eigene Lebensberufung zu verwirklichen. Selbst wenn er
sich für das Alleinbleiben entscheidet, bleibt die Familie als jene
fundamentale Gemeinschaft, in der das gesamte Netz seiner sozialen
Beziehungen, von den unmittelbarsten und naheliegenden bis hin zu den
entferntesten, verwurzelt ist, so etwas wie sein existentieller Horizont.
Sprechen wir etwa nicht von der "Menschheitsfamilie", wenn wir auf die
Gesamtheit der auf der Welt lebenden Menschen Bezug nehmen?
Die Familie hat ihren Ursprung in derselben
Liebe, mit der der Schöpfer die geschaffene Welt umfängt, wie es schon "am
Anfang" im Buch Genesis (1,1) ausgesprochen wurde. Eine letzte Bestätigung
dafür bietet uns Jesus im Evangelium: " ... Gott hat die Welt so sehr
geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab" (Joh 3,16). Der mit dem Vater
wesensgleiche einzige Sohn, "Gott von Gott und Licht vom Licht", ist durch
die Familie in die Geschichte der Menschen eingetreten: "Durch die
Menschwerdung hat sich der Sohn Gottes gewissermaßen mit jedem Menschen
vereinigt. Mit Menschenhänden hat er gearbeitet, ... mit einem
menschlichen Herzen geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in
Wahrheit einer aus uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde".
3 Wenn daher
Christus "dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht",4
tut er das angefangen von der Familie, in die er hineingeboren werden und
in der er aufwachsen wollte. Wie man weiß, hat der Erlöser einen großen
Teil seines Lebens in der Zurückgezogenheitvon Nazaret verbracht, als
"Menschensohn" seiner Mutter Maria und Josef, dem Zimmermann, "gehorsam"
(Lk 2,51). Ist nicht dieser kindliche "Gehorsam" bereits der erste
Ausdruck jenes Gehorsams gegenüber dem Vater "bis zum Tod" (Phil 2,8),
durch den er die Welt erlöst hat?
Das göttliche Geheimnis der Fleischwerdung
des Wortes steht also in enger Beziehung zur menschlichen Familie. Nicht
nur zu einer Familie, jener von Nazaret, sondern in gewisser Weise zu
jeder Familie, entsprechend der Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils
über den Sohn Gottes, der "sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit
jedem Menschen vereinigt (hat)".5
In der Nachfolge Christi, der in die Welt "gekommen" ist, "um zu dienen"
(Mt 20,28), sieht die Kirche den Dienst an der Familie als eine ihrer
wesentlichen Aufgaben an. In diesem Sinne stellen sowohl der Mensch wie
die Familie "den Weg der Kirche" dar.
Das Jahr der Familie
3. Aus eben diesen Gründen begrüßt die
Kirche mit Freude die von der Organisation der Vereinten Nationen
geförderte Initiative, 1994 zum Internationalen Jahr der Familie zu
erklären. Diese Initiative macht offenkundig, wie grundlegend für die
Staaten, die UNO-Mitglieder sind, die Familienfrage ist. Wenn die Kirche
daran teilzunehmen wünscht, so tut sie es, weil sie selbst von Christus zu
ällen Völkern" (Mt 28,19) gesandt worden ist. Es ist im übrigen nicht das
erste Mal, daß sich die Kirche eine internationale Initiative der UNO zu
eigen macht. Es sei z. B. nur an das Internationale Jahr der Jugend 1985
erinnert. Auch auf diese Weise macht sie sich in der Welt präsent, indem
sie die Papst Johannes XXIII. so teure Absicht und Anregung der
Konzilskonstitution Gaudium et spes verwirklicht.
Am Fest der Heiligen Familie 1993 hat in
der gesamten Kirche das "Jahr der Familie" begonnen als eine der
bedeutsamen Etappen auf dem Vorbereitungsweg zum Großen Jubeljahr 2000,
das das Ende des zweiten und den Beginn des dritten Jahrtausends seit der
Geburt Jesu Christi bezeichnen wird. Dieses Jahr soll unsere Gedanken und
Herzen auf Nazaret hinlenken, wo es am vergangenen 26. Dezember mit einer
festlichen Eucharistiefeier unter Leitung des päpstlichen Gesandten
offiziell eröffnet wurde.
Während dieses ganzen Jahres ist es
wichtig, die Zeugnisse der Liebe und der Sorge der Kirche für die Familie
wiederzuentdecken: Liebe und Sorge, die seit den Anfängen des
Christentums, als die Familie bezeichnenderweise als "Hauskirche"
angesehen wurde, zum Ausdruck gebracht wurden. In unseren Tagen kommen wir
häufig auf den Ausdruck "Hauskirche" zurück, den sich das Konzil zu eigen
macht 6 und
dessen Inhalt, so wünschen wir, immer lebendig und aktuell bleiben möge.
Dieser Wunsch wird angesichts des Wissens um die veränderten
Lebensbedingungen der Familien in der heutigen Welt nicht geringer. Eben
deshalb ist der Titel, den das Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium
et spes gewählt hat, um die Aufgaben der Kirche in der Gegenwart
aufzuzeigen, bedeutsamer denn je: "Förderung der Würde der Ehe und der
Familie". 7
Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt nach dem Konzil ist das Apostolische
Schreiben Familiaris consortio aus dem Jahr 1981. Jener Text stellt sich
einer umfangreichen und komplexen Erfahrung in bezug auf die Familie, die
immer und überall bei den verschiedenen Völkern und Ländern "der Weg der
Kirche" bleibt. In gewisser Hinsicht wird sie es gerade dort noch mehr, wo
die Familie innere Krisen erleidet oder schädlichen kulturellen, sozialen
und ökonomischen Einflüssen ausgesetzt ist, die ihre innere Festigkeit
untergraben, wenn sie nicht sogar ihre Bildung selbst behindern.
Das Gebet
4. Mit dem vorliegenden Schreiben möchte
ich mich nicht an die Familie "im abstrakten Sinn" wenden, sondern an jede
konkrete Familie jeder Region der Erde, auf welchen geographischen Längen
oder Breiten sie sich auch befinde und wie komplex und verschiedenartig
ihre Kultur und ihre Geschichte auch sein mag. Die Liebe, mit der Christus
"die Welt geliebt hat" (Joh 3,16), die Liebe, mit der Christus jeden
einzelnen und alle "bis zur Vollendung geliebt hat" (Joh 13,1), ermöglicht
es, diese Botschaft an jede Familie als Lebens-"Zelle" der großen,
universalen Menschheits-"Familie" zu richten. Der Vater, Schöpfer des
Universums, und das fleischgewordene Wort, Erlöser der Menschheit, bilden
die Quelle dieser universalen Öffnung zu den Menschen als Brüder und
Schwestern und halten dazu an, sie alle in das Gebet einzuschließen, das
mit den anrührenden Worten beginnt: "Vater unser".
Das Gebet bewirkt, daß der Sohn Gottes
mitten unter uns weilt: "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt
sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20). Dieses Schreiben an die
Familien möchte in erster Linie eine Bitte an Christus sein, in jeder
menschlichen Familie zu bleiben; eine Einladung an Ihn, durch die kleine
Familie von Eltern und Kindern in der großen Familie der Völker zu wohnen,
damit tatsächlich alle mit Ihm zusammen sprechen können: "Vater unser"!
Das Gebet muß zum beherrschenden Element des Jahres der Familie in der
Kirche werden: das Gebet der Familie, das Gebet für die Familie, das Gebet
mit der Familie.
Es ist bezeichnend, daß der Mensch gerade
im Gebet und durch das Gebet auf äußerst schlichte und zugleich
tiefgründige Weise seine ihm eigentümliche Subjektivität entdeckt: das
menschliche "Ich" nimmt im Gebet leichter die Tiefgründigkeit seines
Personseins wahr. Das gilt auch für die Familie, die nicht nur die
fundamentale "Zelle" der Gesellschaft ist, sondern auch eine eigene,
besondere Subjektivität besitzt. Die erste und grundlegende Bestätigung
findet dies und konsolidiert sich dann, wenn die Mitglieder der Familie
einander in der gemeinsamen Anrufung begegnen: "Vater unser". Das Gebet
kräftigt die geistliche Stärkung und Festigung der Familie, indem es dazu
beiträgt, sie an der "Stärke" Gottes teilhaben zu lassen. Bei dem
feierlichen "Brautsegen" während der Eheschließungsfeier ruft der
Zelebrant den Herrn mit den Worten an: "Gieße über sie (die Neuvermählten)
die Gnade des Heiligen Geistes aus, damit sie kraft deiner Liebe, die ihre
Herzen erfüllt, in ihrem ehelichen Bund einander treu bleiben".
8 Aus dieser
"Ausgießung des Geistes" erwächst die den Familien innewohnende Stärke
ebenso wie die Kraft, die in der Lage ist, sie in der Liebe und in der
Wahrheit zu einigen.
Die Liebe und Sorge für alle Familien
5. Möge das Jahr der Familie zu einem
einstimmigen und universalen Gebet der einzelnen "Hauskirchen" und des
ganzen Volkes Gottes werden! Möge dieses Gebet auch die Familien
erreichen, die in Schwierigkeiten oder in Gefahr sind, die verzagt oder
getrennt sind und diejenigen, die sich in Situationen befinden, welche
Familiaris consortio als "irregulär" bezeichnet.9
Mögen sie alle sich von der Liebe und Sorge der Brüder und Schwestern
umfangen fühlen!
Das Gebet im Jahr der Familie stellt
zunächst ein ermutigendes Zeugnis von seiten der Familien dar, die in der
häuslichen Gemeinsamkeit ihre menschliche und christliche Lebensberufung
verwirklichen. Deren gibt es zahlreiche in jeder Nation, Diözese und
Pfarrei! Auch wenn man sich die nicht wenigen "irregulären Situationen"
vor Augen hält, so darf man vernünftigerweise annehmen, daß jene "die
Regel" darstellen. Und die Erfahrung zeigt, wie entscheidend die Rolle
einer Familie in übereinstimmung mit den sittlichen Normen ist, damit der
Mensch, der in ihr geboren wird und seine Erziehung erfährt, ohne
Unsicherheiten den Weg des Guten einschlägt, das ihm ja ewig in sein Herz
geschrieben ist. Auf die Zersetzung der Familien scheinen in unseren Tagen
leider verschiedene Programme ausgerichtet zu sein, die von sehr
einflußreichen Medien unterstützt werden. Es scheint bisweilen so zu sein,
daß unter allen Umständen versucht wird, Situationen, die tatsächlich
"irregulär" sind, als "regulär" und anziehend darzustellen, indem man
ihnen den äußeren Anschein eines verlockenden Zaubers verleiht; sie
widersprechen tatsächlich der "Wahrheit und der Liebe", die die
gegenseitige Beziehung zwischen Männern und Frauen inspirieren und leiten
sollen, und sind daher Anlaß für Spannungen und Trennungen in den Familien
mit schwerwiegenden Folgen besonders für die Kinder. Das moralische
Gewissen wird verdunkelt, was wahr, gut und schön ist, wird entstellt und
die Freiheit wird in Wirklichkeit von einer regelrechten Knechtschaft
verdrängt. Wie aktuell und anregend klingen angesichts all dessen die
Worte des Paulus in bezug auf die Freiheit, mit der Christus uns befreit
hat, und die von der Sünde verursachte Knechtschaft (vgl. Gal 5,1)!
Man ist sich also bewußt, wie angemessen,
ja notwendig in der Kirche ein Jahr der Familie ist; wie unerläßlich das
Zeugnis aller Familien ist, die tagtäglich ihre Berufung leben; wie
dringend ein intensives Gebet der Familien ist, das wächst und die ganze
Erde umspannt und in dem die Danksagung für die Liebe in der Wahrheit, für
die äusgießung der Gnade des Heiligen Geistes",10
für die Anwesenheit Christi unter Eltern und Kindern zum Ausdruck kommt:
Christi, des Erlösers und Bräutigams, der uns "bis zur Vollendung geliebt
hat" (vgl. Joh 13,1). Wir sind zutiefst davon überzeugt, daß diese Liebe
größer als alles ist (vgl. 1 Kor 13,13), und wir glauben, daß sie imstande
ist, siegreich all das zu überwinden, was nicht Liebe ist.
Möge dieses Jahr unablässig das Gebet der
Kirche, das Gebet der Familien, der "Hauskirchen", emporsteigen! Und möge
es sich zuerst bei Gott und dann auch bei den Menschen vernehmen lassen,
damit sie nicht in Zweifel verfallen, und alle, die aus menschlicher
Schwachheit wankend werden, nicht den Versuchungen der Faszination von nur
scheinbar Gutem erliegen, wie sie sich in jeder Versuchung darbieten.
Zu Kana in Galiläa, wo Jesus zu einer
Hochzeitsfeier eingeladen war, wandte sich die Mutter, die ebenso zugegen
war, an die Diener und sagte: "Was er euch sagt, das tut" (Joh 2,5). Auch
an uns, die wir in das Jahr der Familie eingetreten sind, richtet Maria
eben diese Worte. Und was Christus in diesem besonderen geschichtlichen
Augenblick sagt, stellt einen starken Aufruf zu einem großen Gebet mit den
Familien und für die Familien dar. Die jungfräuliche Mutter lädt uns ein,
uns mit diesem Gebet den Empfindungen des Sohnes zu verbinden, der eine
jede Familie liebt. Diese Liebe hat er zu Beginn seiner Erlösungssendung
eben mit seiner heilbringenden Anwesenheit in Kana in Galiläa zum Ausdruck
gebracht, eine Anwesenheit, die bis heute andauert.
Bitten wir für die Familien in aller Welt.
Bitten wir durch ihn, mit ihm und in ihm den Vater, "nach dessen Namen
jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird" (Eph 3,15).
I. Die Zivilisation der Liebe
"Als Mann und Frau schuf er sie"
6. Der unendliche und so vielfältige
Kosmos, die Welt aller Lebewesen, ist in die Vaterschaft Gottes als sein
Quell eingeschrieben (vgl. Eph 3,14-16). Er ist ihr natürlich
eingeschrieben nach dem Kriterium der Analogie, aufgrund dessen es uns
möglich ist, schon am Beginn des Buches Genesis die Wirklichkeit der
Vaterschaft und Mutterschaft und daher auch der menschlichen Familie zu
erkennen. Der interpretative Schlüssel dazu liegt im Prinzip des "Ab
bildes" und der "Ähnlichkeit" Gottes, die der biblische Text nachdrücklich
betont (vgl. Gen 1,26). Gott erschafft kraft seines Wortes: "Es werde!"
(z.B. Gen 1,3). Es ist bedeutsam, daß dieses Wort Gottes bei der
Erschaffung des Menschen durch diese weiteren Worte ergänzt wird: "Laßt
uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich" (Gen 1,26). Der
Schöpfer geht, bevor er den Menschen schafft, gleichsam in sich selbst, um
darin das Vorbild und die Inspiration im Geheimnis seines Wesens zu
suchen, das sich in gewisser Hinsicht schon hier als das göttliche "Wir"
offenbart. Aus diesem Geheimnis geht auf schöpferische Weise der Mensch
hervor: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes
schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27).
Gott segnet die neuen Wesen und spricht zu
ihnen: "Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde; unterwerft
sie euch" (Gen 1,28). Das Buch Genesis gebraucht dieselben Formulierungen,
die im Zusammenhang der Erschaffung der anderen Lebewesen verwendet
wurden: "Vermehrt euch", aber ihr analoger Sinn ist klar. Muß nicht diese
Analogie von Zeugung und Elternschaft im Licht des Gesamtzusammenhanges
gelesen werden? Keines der Lebewesen außer dem Menschen wurde "als Abbild
Gottes und ihm ähnlich" geschaffen. Die menschliche Elternschaft hat,
obwohl sie jener anderer Lebewesen in der Natur biologisch ähnlich ist, an
sich wesenhaft und ausschließlich eine "Ähnlichkeit" mit Gott, auf die
sich die Familie gründet, die als menschliche Lebensgemeinschaft, als
Gemeinschaft von Personen, die in der Liebe vereint sind (communio
personarum), verstanden wird.
Im Licht des Neuen Testamentes ist es
möglich, das Urmodell der Familie in Gott selber, im trinitarischen
Geheimnis seines Lebens, wiederzuerkennen. Das göttliche "Wir" bildet das
ewige Vorbild des menschlichen "Wir"; vor allem jenes "Wir", das von dem
nach dem Abbild und der ähnlichkeit Gottes geschaffenen Mann und der Frau
gebildet ist. Die Worte des Buches Genesis enthalten jene Wahrheit über
den Menschen, der die Erfahrung der Menschheit selbst entspricht. Der
Mensch wurde "am Anfang" als Mann und Frau geschaffen: Das Leben der
menschlichen Gemeinschaft - der kleinen Gemeinschaften wie der ganzen
Gesellschaft - trägt das Zeichen dieser Ur-Dualität. Aus ihr gehen die
"Männlichkeit" und die "Weiblichkeit" der einzelnen Individuen hervor, so
wie aus ihr jede Gemeinschaft ihren je eigentümlichen Reichtum in der
gegenseitigen Ergänzung der Personen schöpft. Darauf scheint sich die
Stelle aus dem Buch Genesis zu beziehen: "a ls Mann und Frau schuf er sie"
(Gen 1,27). Das ist auch die erste Aussage über die gleiche Würde von Mann
und Frau: beide sind in gleicher Weise Personen. Diese ihre Begründung mit
der besonderen Würde, die sich daraus ergibt, bestimmt schon "am Anfang"
die Wesensmerkmale des gemeinsamen Gutes der Menschheit in jeder Dimension
und jedem Bereich des Lebens. Zu diesem gemeinsamen Gut leisten beide, der
Mann und die Frau, ihren je eigenen Beitrag, dank dessen sich an den
Wurzeln des menschlichen Zusammenlebens selbst der Charakter von
Gemeinsamkeit und Ergänzung findet.
Der eheliche Bund
7. Die Familie wurde stets als erster und
grundlegender Ausdruck der sozialen Natur des Menschen angesehen. In ihrem
wesentlichen Kern hat sich diese Sicht auch heute nicht geändert. In
unseren Tagen jedoch zieht man es vor, in der Familie, die die kleinste
anfängliche menschliche Gemeinschaft darstellt, alles hervorzuheben, was
persönlicher Beitrag des Mannes und der Frau ist. Die Familie ist
tatsächlich eine Gemeinschaft von Personen, für welche die spezifische
Existenzform und Art des Zusammenlebens die Gemeinsamkeit ist: communio
personarum. Auch hier tritt bei Wahrung der absoluten Transzendenz des
Schöpfers der Schöpfung gegenüber der exemplarische Bezug zum göttlichen
"Wir" hervor. Nur Personen sind imstande, "in Gemeinsamkeit" zu leben.
Ihren Ausgang nimmt die Familie von der ehelichen Verbindung, die das
Zweite Vatikanische Konzil als "Bund" bezeichnet, in dem sich Mann und
Frau "gegenseitig schenken und annehmen".11
Das Buch Genesis macht uns offen für diese
Wahrheit, wenn es unter Bezugnahme auf die Gründung der Familie durch die
Ehe sagt, "der Mann verläßt Vater und Mutter und bindet sich an seine
Frau, und sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24). Im Evangelium wiederholt
Christus im Streitgespräch mit den Pharisäern dieselben Worte und fügt
hinzu: "Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott
verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen" (Mt 19,6). Er offenbart
von neuem den normativen Inhalt einer Tatsache, die bereits "am Anfang"
(Mt 19,8) bestand und die diesen Inhalt immer in sich bewahrt. Wenn der
Meister das "jetzt" bestätigt, so tut er das, um an der Schwelle des Neuen
Bundes den unauflöslichen Charakter der Ehe als Fundament des Gemeinwohls
der Familie unmißverständlich klarzumachen.
Wenn wir zusammen mit dem Apostel die Knie
vor dem Vater beugen, nach dessen Namen jede Elternschaft benannt ist
(vgl. Eph 3,14-15), erkennen wir, daß das Elternsein das Ereignis ist,
durch das die bereits mit dem Ehebund gebildete Familie sich "im vollen
und eigentlichen Sinn" verwirklicht.12
Die Mutterschaft schließt notwenig die Vaterschaft, und umgekehrt, die
Vaterschaft notwendig die Mutterschaft ein: sie ist Frucht der Dualität,
die dem Menschen vom Schöpfer "am Anfang" geschenkt wurde.
Ich habe auf zwei miteinander verwandte,
aber nicht identische Begriffe Bezug genommen: den Begriff "communio"
(Gemeinsamkeit) und den Begriff "communitas" (Gemeinschaft). Die
"Gemeinsamkeit" betrifft die persönliche Beziehung zwischen dem "Ich" und
dem "Du". Die "Gemeinschaft" dagegen übersteigt dieses Schema in Richtung
einer "Gesellschaft", eines "Wir". Die Familie als Gemeinschaft von
Personen ist daher die erste menschliche "Gesellschaft". Sie entsteht,
wenn der bei der Trauung geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der
die Eheleute für eine dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und
sich im vollen und eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern
vervollständigt: Mit der "Gemeinsamkeit" der Eheleute beginnt diese
grundlegende "Gemeinschaft" der Familie. Die "Familiengemeinschaft" ist
zutiefst von dem durchdrungen, was das eigentliche Wesen der
"Gemeinsamkeit" ausmacht. Kann es auf menschlicher Ebene eine andere
"Gemeinsamkeit" geben, welche jener vergleichbar wäre, die zwischen der
Mutter und dem Kind entsteht, das sie zuerst im Schoß getragen und dann
zur Welt gebracht hat?
In der so begründeten Familie offenbart
sich eine neue Einheit, in der die Beziehung der "Gemeinsamkeit" der
Eltern volle Erfüllung findet. Die Erfahrung lehrt, daß diese Erfüllung
auch eine Aufgabe und eine Herausforderung darstellt. Die Aufgabe
verpflichtet die Ehegatten in der Verwirklichung ihres anfänglichen
Bundes. Die von ihnen gezeugten Kinder müßten - und darin besteht die
Herausforderung - diesen Bund dadurch festigen, daß sie die eheliche
Gemeinsamkeit von Vater und Mutter bereichern und vertiefen. Ist das nicht
der Fall, so muß man sich fragen, ob nicht der Egoismus, der sich wegen
der menschlichen Neigung zum Bösen auch in der Liebe des Mannes und der
Frau verbirgt, stärker ist als diese Liebe. Die Ehegatten müssen sich
dessen sehr klar bewußt sein. Sie müssen von Anfang an ihre Herzen und
Gedanken jenem Gott zuwenden, "nach dessen Namen jedes Geschlecht benannt
wird", damit ihre Elternschaft jedes Mal aus dieser Quelle die Kraft zu
unablässiger Erneuerung der Liebe schöpfe.
Vaterschaft und Mutterschaft stellen an
sich eine besondere Bestätigung der Liebe dar, deren ursprüngliche Weite
und Tiefe zu entdecken sie ermöglichen. Das geschieht jedoch nicht
automatisch. Es ist vielmehr eine Aufgabe, die beiden übertragen ist: dem
Ehemann und der Ehefrau. In ihrem Leben stellen Vaterschaft und
Mutterschaft eine "Neuheit" und eine Fülle dar, die so erhaben sind, daß
man sie nur äuf den Knien" empfangen kann.
Die Erfahrung lehrt, daß die menschliche
Liebe wegen ihrer auf die Elternschaft hingeordneten Natur bisweilen eine
tiefe Krise durchmacht und daher ernsthaft bedroht ist. Man wird in
solchen Fällen in Erwägung ziehen, sich an die Dienste zu wenden, die von
Ehe- und Familienberatern angeboten werden, durch die es möglich ist, sich
unter anderem von besonders ausgebildeten Psychologen und
Psychotherapeuten Hilfe geben zu lassen. Man darf jedoch nicht vergessen,
daß die Worte des Apostels immer gültig bleiben: "Ich beuge meine Knie vor
dem Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde
benannt wird". Die Ehe, das Ehesakrament, ist ein in Liebe geschlossener
Bund von Personen. Und die Liebe kann nur von der Liebe vertieft und
geschützt werden, jener Liebe, die äusgegossen ist in unsere Herzen durch
den Heiligen Geist, der uns gegeben ist" (Röm 5,5). Sollte sich das Gebet
des Jahres der Familie nicht auf den entscheidenden Punkt konzentrieren,
den der übergang von der ehelichen Liebe zur Zeugung und somit zur
Elternschaft darstellt? Wird nicht gerade da die äusgießung der Gnade des
Heiligen Geistes", die die Liturgie während der Trauungsfeier erbittet,
unentbehrlich?
Der Apostel bittet den Vater, während er
seine Knie vor ihm beugt, "er möge euch ... schenken, daß ihr in eurem
Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt" (Eph 3,16). Diese
"Kraft im Innern des Menschen" wird im gesamten Familienleben benötigt,
besonders in seinen kritischen Augenblicken, wenn also die Liebe, die in
dem liturgischen Ritus des Ehekonsenses mit den Worten ausgedrückt wurde:
"Ich verspreche, dir immer, ... alle Tage meines Lebens treu zu bleiben",
einer schweren Prüfung ausgesetzt ist.
Die Einheit der beiden
8. Nur die "Personen" sind imstande, diese
Worte auszusprechen; nur sie sind fähig, auf der Grundlage der
gegenseitigen Wahl, die ganz bewußt und frei ist bzw. sein sollte, "in
Gemeinsamkeit" zu leben. Das Buch Genesis stellt dort, wo es auf den Mann
Bezug nimmt, der Vater und Mutter verläßt, um sich an seine Frau zu binden
(vgl. Gen 2,24), die bewußte und freie Wahl heraus, die der Ehe ihren
Anfang verleiht und einen Sohn zum Ehemann und eine Tochter zur Ehefrau
werden läßt. Wie soll man diese gegenseitige Wahl richtig verstehen, wenn
man nicht die volle Wahrheit über die Person und das vernünftige und freie
Wesen vor Augen hat? Das Zweite Vatikanische Konzil spricht hier, unter
Verwendung wie nie zuvor bedeutungsvoller Worte, von der ähnlichkeit mit
Gott. Es bezieht sich dabei nicht nur auf das göttliche Ebenbild, das
bereits jedes menschliche Wesen an und für sich besitzt, sondern auch und
in erster Linie auf "eine gewisse ähnlichkeit zwischen der Einheit der
göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und
der Liebe".13
Diese besonders reichhaltige und prägnante
Formulierung stellt vor allem heraus, was für die tiefste Identität jedes
Mannes und jeder Frau entscheidend ist. Diese Identität besteht in der
Fähigkeit, in der Wahrheit und in der Liebe zu leben; ja, noch mehr, sie
besteht in dem Verlangen nach Wahrheit und Liebe als bestimmende Dimension
des Lebens der Person. Dieses Verlangen nach Wahrheit und Liebe macht den
Menschen sowohl offen für Gott wie für die Geschöpfe: es macht ihn offen
für die anderen Menschen, für das Leben "in Gemeinschaft", vor allem für
die Ehe und die Familie. In den Worten des Konzils ist die "Gemeinschaft"
der Personen in gewissem Sinne aus dem Geheimnis des trinitarischen "Wir"
abgeleitet, und auch die "eheliche Gemeinschaft" wird auf dieses Geheimnis
bezogen. Die Familie, die aus der Liebe des Mannes und der Frau entsteht,
erwächst in grundlegender Weise aus dem Mysterium Gottes. Das entspricht
dem tiefsten Wesen des Mannes und der Frau, es entspricht ihrer Natur und
ihrer Würde als Personen.
Mann und Frau vereinen sich in der Ehe so
innig miteinander, daß sie - nach den Worten der Genesis - "ein Fleisch"
werden (Gen 2,24). Die zwei Menschenwesen, die auf Grund ihrer physischen
Verfassung männlich und weiblich sind, haben trotz körperlicher
Verschiedenheit in gleicher Weise teil an der Fähigkeit, "in der Wahrheit
und der Liebe" zu leben. Diese Fähigkeit, die für das menschliche Wesen,
insofern es Person ist, charakteristisch ist, hat zugleich eine geistige
und körperliche Dimension. Denn durch den Leib sind der Mann und die Frau
darauf vorbereitet, in der Ehe eine "Gemeinschaft von Personen" zu bilden.
Wenn sie sich kraft des ehelichen Bundes so vereinen, daß sie "ein
Fleisch" werden (Gen 2,24), muß sich ihre Vereinigung "in der Wahrheit und
der Liebe" erfüllen und auf diese Weise die eigentliche Reife der nach dem
Abbild und Gleichnis Gottes erschaffenen Personen an den Tag legen.
Die aus dieser Vereinigung hervorgegangene
Familie gewinnt ihre innere Festigkeit aus dem Bund zwischen den
Ehegatten, den Christus zum Sakrament erhoben hat. Sie empfängt ihren
Gemeinschaftscharakter, ja ihre Wesensmerkmale als "Gemeinschaft" aus
jener grundlegenden Gemeinsamkeit der Ehegatten, die sich in den Kindern
fortsetzt. "Seid ihr bereit, in Verantwortung und Liebe die Kinder, die
Gott euch schenken will, anzunehmen und zu erziehen ... ?" - fragt der
Zelebrant während des Trauungsritus.14
Die Antwort der Brautleute entspricht der tiefsten Wahrheit der Liebe, die
sie verbindet. Auch wenn ihre Einheit sie untereinander verschließt,
öffnet sie sich doch auf ein neues Leben, auf eine neue Person hin. Als
Eltern werden sie fähig sein, einem Wesen, das ihnen ähnlich ist, das
Leben zu schenken, nicht nur "Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem
Gebein" (vgl. Gen 2,23), sondern Abbild und Gleichnis Gottes, das heißt
Person.
Mit der Frage: "Seid ihr bereit?" erinnert
die Kirche die Neuvermählten daran, daß sie sich im Angesicht der
Schöpfermacht Gottes befinden. Sie sind berufen, Eltern zu werden, das
heißt, mit dem Schöpfer mitzuwirken bei der Weitergabe des Lebens. Mit
Gott zusammenarbeiten, um neue Menschen ins Leben zu rufen, heißt
mitwirken an der übertragung jenes göttlichen Abbildes, das jedes "von
einer Frau geborene" Wesen in sich trägt.
Die Genealogie der Person
9. Durch die Gemeinschaft von Personen, die
sich in der Ehe verwirklicht, gründen der Mann und die Frau die Familie.
Mit der Familie verbindet sich die Genealogie jedes Menschen: die
Genealogie der Person. Die menschliche Elternschaft hat ihre Wurzeln in
der Biologie und geht zugleich über sie hinaus. Wenn der Apostel "seine
Knie vor dem Vater beugt, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und
auf der Erde benannt wird", stellt er uns in gewissem Sinne die gesamte
Welt der Lebewesen vor Augen, von den Geistwesen im Himmel bis zu den
leiblichen Geschöpfen auf der Erde. Jede Zeugung findet ihr Ur-Modell in
der Vaterschaft Gottes. Doch im Fall des Menschen genügt diese "kosmische"
Dimension der Gottähnlichkeit nicht, um die Beziehung von Vaterschaft und
Mutterschaft angemessen zu definieren. Wenn aus der ehelichen Vereinigung
der beiden ein neuer Mensch entsteht, so bringt er ein besonderes Abbild
Gottes, eine besondere Ähnlichkeit mit Gott selber in die Welt: in die
Biologie der Zeugung ist die Genealogie der Person eingeschrieben.
Wenn wir sagen, die Ehegatten seien als
Eltern bei der Empfängnis und Zeugung eines neuen Menschen Mitarbeiter des
Schöpfergottes,15
beziehen wir uns nicht einfach auf die Gesetze der Biologie; wir wollen
vielmehr hervorheben, daß in der menschlichen Elternschaft Gott selber in
einer anderen Weise gegenwärtig ist als bei jeder anderen Zeugung äuf
Erden". Denn nur von Gott kann jenes "Abbild und jene ähnlichkeit"
stammen, die dem Menschen wesenseigen ist, wie es bei der Schöpfung
geschehen ist. Die Zeugung ist die Fortführung der Schöpfung.16
So stehen also die Eltern sowohl bei der
Empfängnis wie bei der Geburt eines neuen Menschen vor einem "tiefen
Geheimnis" (Eph 5,32). Nicht anders als die Eltern ist auch der neue
Mensch zur Existenz als Person, zum Leben "in der Wahrheit und der Liebe",
berufen. Diese Berufung öffnet sich nicht nur dem Zeitlichen, sondern in
Gott öffnet sie sich der Ewigkeit. Das ist die Dimension der Genealogie
der Person, die Christus uns endgültig enthüllt hat, als er das Licht
seines Evangeliums auf das menschliche Leben und Sterben und damit auf die
Bedeutung der menschlichen Familie ausgoß.
Wie das Konzil feststellt, ist der Mensch
äuf Erden die einzige von Gott um ihrer Selbst willen gewollte Kreatur".
17 Die
Entstehung des Menschen folgt nicht nur den Gesetzen der Biologie, sondern
unmittelbar dem Schöpferwillen Gottes: es ist der Wille, der die
Genealogie der Söhne und Töchter der menschlichen Familien angeht. Gott
hat den Menschen schon am Anfang "gewollt" - und Gott "will" ihn bei jeder
menschlichen Empfängnis und Geburt. Gott "will" den Menschen als ein Ihm
selbst ähnliches Wesen, als Person. Dieser Mensch, jeder Mensch wird von
Gott "um seiner Selbst willen" geschaffen. Das gilt für alle, auch jene,
die mit Krankheiten oder Gebrechen zur Welt kommen. In die persönliche
Verfassung eines jeden ist der Wille Gottes eingeschrieben, der den
Menschen in gewissem Sinne selbst als Ziel will. Gott übergibt den
Menschen sich selbst, während er ihn zugleich der Familie und der
Gesellschaft als deren Aufgabe anvertraut. Die Eltern, die vor einem neuen
Menschenwesen stehen, sind sich oder sollten sich voll dessen bewußt sein,
daß Gott diesen Menschen "um seiner Selbst willen will".
Diese knappe Formulierung ist sehr
inhaltsreich und tiefgreifend. Vom Augenblick der Empfängnis und dann von
der Geburt an ist das neue Wesen dazu bestimmt, sein Menschsein in Fülle
zum Ausdruck zu bringen - sich als Person zu "finden".18
Das betrifft absolut alle, auch die chronisch Kranken und geistig
Behinderten. "Mensch sein" ist seine fundamentale Berufung: "Mensch sein"
nach Maßgabe der empfangenen Gaben. Nach Maßgabe jener "Begabung", die das
Menschsein an sich darstellt, und erst dann nach Maßgabe der anderen
Talente. In diesem Sinne will Gott jeden Menschen "um seiner Selbst
willen". In dem Plan Gottes überschreitet die Berufung der menschlichen
Person jedoch die zeitlichen Grenzen. Sie kommt dem Willen des Vaters
entgegen, der im fleischgewordenen Wort geoffenbart worden ist: Gott will
den Menschen dadurch beschenken, daß er ihn an seinem göttlichen Leben
teilhaben läßt. Christus sagt: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben
haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10).
Steht die letzte Bestimmung des Menschen
nicht im Widerspruch zu der Feststellung, daß Gott den Menschen "um seiner
Selbst willen" will? Wenn der Mensch für das göttliche Leben geschaffen
ist, existiert er dann wirklich "um seiner Selbst willen"? Das ist eine
Schlüsselfrage, die sowohl für das Aufblühen wie für das Verlöschen der
irdischen Existenz große Bedeutung hat: sie ist für den Verlauf des ganzen
Lebens wichtig. Es könnte den Anschein haben, daß Gott dem Menschen
dadurch, daß er ihn für das göttliche Leben bestimmt, endgültig sein
Existieren "um seiner Selbst willen" entzieht.
19 Welche
Beziehung besteht zwischen dem persönlichen Leben und der Teilhabe am
trinitarischen Leben? Darauf antwortet der hl. Augustinus mit den
berühmten Worten: ünruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir".20
Dieses ünruhige Herz" deutet darauf hin, daß zwischen der einen und der
anderen Zielsetzung kein Widerspruch besteht, vielmehr eine Verbindung,
eine Zuordnung, eine tiefgreifende Einheit. Auf Grund der ihr eigenen
Genealogie existiert die nach dem Bild Gottes geschaffene Person gerade
durch Teilhabe an Seinem Leben "um ihrer Selbst willen" und verwirklicht
sich. Der Gehalt solcher Verwirklichung ist die Fülle des Lebens in Gott,
jenes Lebens, von dem Christus spricht (vgl. Joh 6,37-40), der uns gerade
dafür erlöst hat, um uns dort hineinzuführen (vgl. Mk 10,45).
Die Ehegatten wünschen die Kinder für sich;
und sie sehen in ihnen die Krönung ihrer gegenseitigen Liebe. Sie wünschen
sie für die Familie als wertvollstes Geschenk.
21 Es ist in
gewissem Maß ein verständlicher Wunsch. Doch ist der ehelichen und der
elterlichen Liebe die Wahrheit über den Menschen eingeschrieben, die in
knapper und präziser Form vom Konzil ausgedrückt wurde mit der
Feststellung, daß Gott "den Menschen um seiner Selbst willen will". Mit
dem Willen Gottes muß der Wille der Eltern übereinstimmen: in diesem Sinne
müssen sie das neue menschliche Geschöpf wollen, wie es der Schöpfer will:
um seiner Selbst willen. Das menschliche Wollen unterliegt immer und
unweigerlich dem Gesetz der Zeit und der Vergänglichkeit. Das göttliche
hingegen ist ewig. "Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich
ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich
geheiligt", lesen wir im Buch des Propheten Jeremia (1,5). Die Genealogie
der Person ist also zunächst mit der Ewigkeit Gottes verbunden und erst
danach mit der menschlichen Elternschaft, die sich in der Zeit
verwirklicht. Bereits im Augenblick der Empfängnis ist der Mensch
hingeordnet auf die Ewigkeit in Gott.
Das gemeinsame Wohl von Ehe und Familie
10. Der Ehekonsens definiert das der Ehe
und der Familie gemeinsame Wohl. "Ich nehme dich ... als meine Frau - als
meinen Mann - und verspreche dir die Treue in guten und in bösen Tagen, in
Gesundheit und Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren, solange
ich lebe". 22
Die Ehe ist eine einzigartige Gemeinsamkeit von Personen. Auf der
Grundlage dieser Gemeinsamkeit ist die Familie berufen, zu einer
Gemeinschaft von Personen zu werden. Es handelt sich dabei um eine
Verpflichtung, die die Neuvermählten "vor Gott und der Kirche" übernehmen,
wie ihnen der Zelebrant im Augenblick des Konsensaustausches in Erinnerung
ruft.23
Zeugen dieser Verpflichtung sind alle, die an dem Ritus teilnehmen; in
ihnen sind in gewissem Sinne die Kirche und die Gesellschaft als
Lebensraum der neuen Familie vertreten.
Die Worte des Ehekonsenses legen fest,
worin das gemeinsame Wohl des Ehepaares und der Familie besteht. Zunächst
das gemeinsame Wohl der Ehegatten: die Liebe, die Treue, die Ehrerbietung,
die Dauerhaftigkeit ihrer Verbindung bis zum Tod: älle Tage des Lebens".
Das Wohl der beiden, das zugleich das Wohl eines jeden von ihnen ist, muß
dann zum Wohl der Kinder werden. Während das gemeinsame Wohl seiner Natur
nach die einzelnen Personen verbindet, gewährleistet es das wahre Wohl
einer jeden von ihnen. Wenn die Kirche, wie übrigens auch der Staat, den
durch die oben wiedergegebenen Worte ausgedrückten Konsens der Ehegatten
entgegennimmt, so tut sie das, weil er "ihnen ins Herz geschrieben ist"
(Röm 2,15). Es sind die Ehegatten, die sich gegenseitig den Ehekonsens
leisten, indem sie vor Gott schwören, das heißt die Wahrheit ihres
Konsenses beteuern. Als Getaufte sind sie in der Kirche Spender des
Sakraments der Ehe. Der hl. Paulus lehrt, daß diese gegenseitige Hingabe
ein "tiefes Geheimnis" (Eph 5,32) ist.
Die Worte des Konsenses drücken also aus,
was das gemeinsame Wohl der Ehegatten darstellt, und weisen auf das hin,
was das gemeinsame Wohl der künftigen Familie sein muß. Um das
hervorzuheben, richtet die Kirche an sie die Frage, ob sie bereit seien,
die Kinder, die Gott ihnen schenken wird, anzunehmen und christlich zu
erziehen. Die Frage bezieht sich auf das gemeinsame Wohl des künftigen
Kerns der Familie, während sie die in die Gründung der Ehe und Familie
eingeschriebene Genealogie der Personen gegenwärtig hält. Die Frage der
Kinder und ihrer Erziehung steht in engem Zusammenhang mit dem Ehekonsens,
mit dem Schwur von Liebe, ehelicher Achtung und Treue bis zum Tod. Die
Annahme und Erziehung der Kinder - zwei der wichtigsten Zwecke - sind von
der Erfüllung dieser Verpflichtung abhängig. Die Elternschaft stellt eine
Aufgabe nicht nur physischer, sondern geistlicher Natur dar; denn über sie
verläuft die Genealogie der Person, die ihren ewigen Anfang in Gott hat
und zu Ihm hinführen soll.
über all das sollte das Jahr der Familie,
ein Jahr des besonderen Gebets der Familien, jede Familie in neuer und
vertiefter Weise unterrichten. Was für eine Fülle von Stichworten aus der
Bibel könnte den Nährboden dieses Gebetes bilden! Wichtig ist nur, daß zu
den Worten der Heiligen Schrift stets das persönliche Gedenken an die
Ehegatten als Eltern und an die Kinder und Enkel hinzukommt. Durch die
Genealogie der Personen wird die eheliche Gemeinsamkeit zu einer
Gemeinsamkeit der Generationen. Der in dem festen Vertrag vor Gott
geschlossene sakramentale Bund der beiden dauert fort und konsolidiert
sich in der Aufeinanderfolge der Generationen. Er muß zur Gebetseinheit
werden. Damit das aber im Jahr der Familie auf bedeutsame Weise sichtbar
werden kann, muß das Beten zu einer Gewohnheit werden, die im täglichen
Leben jeder Familie verwurzelt ist. Das Gebet ist Danksagung, Gotteslob,
Bitte um Vergebung, inständige Bitte und Anrufung. In jeder dieser Formen
hat das Gebet der Familie Gott viel zu sagen. Es hat auch den Menschen
viel zu sagen, angefangen bei der gegenseitigen Gemeinsamkeit der
Personen, die durch familiäre Bande verbunden sind.
"Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst?"
(Ps 8,5), fragt der Psalmist. Das Gebet ist der Ort, wo sich auf die
schlichteste Weise das schöpferische und väterliche Gedenken Gottes
offenbart. Nicht nur und nicht so sehr das Gedenken an Gott von seiten des
Menschen als vielmehr das Gedenken an den Menschen von seiten Gottes.
Darum kann das Gebet der Familiengemeinschaft zum Ort gemeinsamen und
gegenseitigen Gedenkens werden: denn die Familie ist
Generationengemeinschaft. Beim Gebet sollen alle anwesend sein: die
Lebenden ebenso wie die bereits Verstorbenen und auch diejenigen, die noch
zur Welt kommen sollen. Es ist nötig, daß man in der Familie für jeden
betet, im Rahmen des Gutes, das die Familie für ihn, und des Gutes, das er
für die Familie darstellt. Das Gebet bekräftigt noch fester dieses Gut
eben als gemeinsames Gut der Familie. Ja, es läßt dieses Gut auch auf
immer neue Weise entstehen. Im Gebet ist die Familie gleichsam das erste
"Wir", in dem jeder "ich" und "du" ist; jeder ist für den anderen Gatte
bzw. Gattin, Vater bzw. Mutter, Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester,
Großvater oder Enkel.
Sind das die Familien, an die ich mich mit
diesem Schreiben wende? Sicher gibt es nicht wenige Familien von dieser
Art, aber die Zeit, in der wir leben, macht die Tendenz zu einer
Beschränkung des Familienkerns auf den Umfang von zwei Generationen
offenkundig. Dies hat seinen Grund oft in dem nur beschränkt vorhandenen
Wohnraum, insbesondere in den großen Städten. Nicht selten liegt es aber
auch in der überzeugung begründet, mehrere Generationen zusammen störten
die Vertraulichkeit und erschwerten zu sehr das Leben. Ist aber nicht
gerade das der schwächste Punkt? In den Familien unserer Zeit gibt es
wenig menschliches Leben. Es fehlen Personen, mit denen man das gemeinsame
Wohl schaffen und teilen kann; doch das Wohl verlangt seiner Natur nach,
geschaffen und mit anderen geteilt zu werden: "bonum est diffusivum sui"
("das Gute ist auf seine Ausbreitung hin angelegt").
24 Je mehr
das Wohl gemeinsam ist, desto mehr ist es auch eigenes Wohl: mein - dein -
unser. Das ist die innere Logik der Existenz im Guten,in der Wahrheit und
in der Liebe. Wenn der Mensch diese Logik anzunehmen und ihr zu folgen
versteht, wird seine Existenz wahrhaftig zu einer äufrichtigen Hingabe".
Die aufrichtige Selbsthingabe
11. Der Feststellung, daß der Mensch auf
Erden die einzige von Gott um ihrer Selbst willen gewollte Kreatur ist,
fügt das Konzil sogleich hinzu, daß er "sich selbst nur durch die
aufrichtige Hingabe seiner Selbst vollkommen finden kann".25
Das könnte wie ein Widerspruch erscheinen, ist es tatsächlich aber nicht.
Es ist vielmehr das große staunenswerte Paradoxon der menschlichen
Existenz: einer Existenz, die berufen ist, der Wahrheit in der Liebe zu
dienen. Die Liebe sorgt dafür, daß sich der Mensch durch die aufrichtige
Selbsthingabe verwirklicht: Lieben heißt, alles geben und empfangen, was
man weder kaufen noch verkaufen, sondern sich nur aus freien Stücken
gegenseitig schenken kann.
Die Hingabe der Person verlangt ihrer Natur
nach beständig und unwiderruflich zu sein. Die Unauflöslichkeit der Ehe
entspringt hauptsächlich aus dem Wesen solcher Hingabe: Hingabe der Person
an die Person. In diesem gegenseitigen Sich-Hingeben kommt der bräutliche
Charakter der Liebe zum Ausdruck. Im Ehekonsens nennen sich die
Neuvermählten bei ihrem Eigennamen: "Ich ... nehme dich ... als meine Frau
(als meinen Mann) und verspreche dir die Treue ... solange ich lebe". Eine
solche Hingabe verpflichtet viel stärker und tiefer als alles, was auf
welche Weise und um welchen Preis auch immer "gekauft" werden kann.
Während sie ihre Knie vor dem Vater beugen, von dem jede Elternschaft
stammt, werden sich die künftigen Eltern bewußt, daß sie "erlöst" worden
sind. Sie sind in der Tat um einen teuren Preis losgekauft worden, um den
Preis der aufrichtigsten Hingabe, die überhaupt möglich ist, das Blut
Christi, an dem sie durch das Sakrament teilhaben. Liturgische Krönung des
Ehekonsenses ist die Eucharistie - das Opfer des "hingegebenen Leibes" und
des "vergossenen Blutes" -, die im Konsens der Brautleute in gewisser
Weise ihren Ausdruck findet.
Wenn sich der Mann und die Frau in der Ehe
in der Einheit des "einen Fleisches" gegenseitig schenken und empfangen,
tritt die Logik der aufrichtigen Hingabe in ihr Leben ein. Ohne sie wäre
die Ehe leer, während die auf diese Logik gegründete Gemeinschaft der
Personen zur Gemeinschaft der Eltern wird. Wenn sie das Leben an ein Kind
weitergeben, fügt sich im Bereich des "Wir" der Eheleute ein neues
menschliches "Du" ein, eine Person, die sie mit einem neuen Namen benennen
werden: ünser Sohn ... ; unsere Tochter ... ". "Ich habe einen Mann vom
Herrn erworben" (Gen 4,1), sagt Eva, die erste Frau der Geschichte. Ein
menschliches Wesen, das zunächst neun Monate lang erwartet und den Eltern
und Geschwistern dann öffenbar gemacht" wurde. Der Prozeß von Empfängnis
und Entwicklung im Mutterschoß, Niederkunft und Geburt dient dazu,
gleichsam einen geeigneten Raum zu schaffen, damit sich das neue Geschöpf
als "Gabe" kundmachen kann: denn das ist es in der Tat von Anfang an.
Könnte dieses zarte, hilflose Geschöpf, das in allem von seinen Eltern
abhängig und vollständig ihnen anvertraut ist, etwa anders bezeichnet
werden? Das Neugeborene gibt sich den Eltern damit hin, daß es zur
Existenz gelangt. Seine Existenz ist bereits ein Geschenk, das erste
Geschenk des Schöpfers an die Kreatur.
Im Neugeborenen verwirklicht sich das
gemeinsame Wohl der Familie. Wie das gemeinsame Wohl der Ehegatten
Erfüllung in der ehelichen Liebe findet, bereit, zu geben und das neue
Leben zu empfangen, so verwirklicht sich das gemeinsame Wohl der Familie
durch dieselbe eheliche Liebe, die im Neugeborenen Gestalt angenommen hat.
In die Genealogie der Person ist die Genealogie der Familie
eingeschrieben, die durch die Vermerke in den Taufregistern im Gedächtnis
festgehalten wird, auch wenn diese nur die soziale Folge der Tatsache
sind, "daß ein Mensch zur Welt gekommen ist" (Joh 16,21). Aber ist es
wahr, daß das neue Menschenwesen ein Geschenk für die Eltern ist? Ein
Geschenk für die Gesellschaft? Allem Anschein nach deutet nichts darauf
hin. Die Geburt eines Menschen scheint manchmal schlicht als ein
statistisches Datum auf, das wie viele andere in den Berechnungen zum
Bevölkerungswachstum registriert wird. Sicher bedeutet die Geburt eines
Kindes für die Eltern zusätzliche Mühen, neue wirtschaftliche Belastungen
und andere praktische Bedingtheiten: dies sind Gründe, die sie zu der
Versuchung verleiten können, keine weitere Geburt zu wollen.
26 In
manchen gesellschaftlichen und kulturellen Kreisen macht sich diese
Versuchung sehr stark bemerkbar. Ist also das Kind kein Geschenk? Kommt es
nur, um zu nehmen und nicht um zu geben? Das sind einige
besorgniserregende Fragen, von denen sich der heutige Mensch nur mit Mühe
zu befreien vermag. Das Kind kommt und beansprucht Platz, während es auf
der Welt immer weniger Platz zu geben scheint. Aber stimmt es wirklich,
daß das Kind der Familie und der Gesellschaft nichts bringt? Ist es etwa
nicht ein "Teilchen" jenes gemeinsamen Gutes, ohne das die menschlichen
Gemeinschaften zerbrechen und Gefahr laufen zu sterben? Wie könnte man das
leugnen? Das Kind wird von sich aus zu einem Geschenk für die Geschwister,
für die Eltern, für die ganze Familie. Sein Leben wird zum Geschenk für
die Geber des Lebens, die nicht umhin können werden, die Anwesenheit des
Kindes, seine Teilnahme an ihrer Existenz, seinen Beitrag zu ihrem und zum
gemeinsamen Wohl der Familiengemeinschaft wahrzunehmen. Das ist eine
Wahrheit, die in ihrer Einfachheit und Tiefe selbstverständlich ist, trotz
der Kompliziertheit und auch möglichen Pathologie der psychologischen
Struktur bestimmter Personen. Das Gemeinwohl der ganzen Gesellschaft liegt
im Menschen, der, wie erwähnt, "der Weg der Kirche"
27 ist. Er
ist zunächst "die Ehre Gottes": "Gloria Dei vivens homo", wie es in dem
bekannten Ausspruch des hl. Irenäus heißt,
28 der auch
so übersetzt werden könnte: "Es gereicht Gott zur Ehre, daß der Mensch
lebt". Wir stehen hier, so könnte man sagen, vor der höchsten Definition
des Menschen: Die Ehre Gottes ist das gemeinsame Gut alles Existierenden;
das gemeinsame Gut des Menschengeschlechtes.
Ja! Der Mensch ist ein gemeinsames Gut:
gemeinsames Gut der Familie und der Menschheit, der einzelnen Gruppen und
der vielfältigen sozialen Strukturen. Es befarf jedoch einer bedeutsamen
Unterscheidung nach Grad und Modalität. Der Mensch ist zum Beispiel
gemeinsames Gut der Nation, der er angehört, oder des Staates, dessen
Bürger er ist; aber er ist es auf konkretere, einzigartige und
unwiederholbare Weise für seine Familie; er ist es nicht nur als zur Masse
der Menschen gehörendes Individuum, sondern als "dieser Mensch". Der
Schöpfergott ruft ihn "um seiner Selbst willen" ins Leben: und damit, daß
der Mensch zur Welt kommt, beginnt sein "großes Abenteuer", das Abenteuer
des Lebens. "Dieser Mensch" hat auf Grund seiner menschlichen Würde
jedenfalls Anspruch auf eigene Behauptung. Genau diese Würde bestimmt ja
den Platz der Person unter den Menschen und zunächst in der Familie. In
der Tat ist die Familie - mehr als jede andere menschliche Wirklichkeit -
der Bereich, in dem der Mensch durch die aufrichtige Selbsthingabe "um
seiner Selbst willen" existieren kann. Deshalb bleibt sie eine soziale
Institution, die man nicht ersetzen kann und nicht ersetzen darf: sie ist
"das Heiligtum des Lebens".
29
Die Tatsache, daß ein Mensch geboren wird,
daß "ein Mensch zur Welt gekommen ist" (Joh 16,21), stellt ein österliches
Zeichen dar. Davon spricht, wie der Evangelist Johannes berichtet, Jesus
selbst zu den Jüngern vor seinem Leiden und Tod, indem er die Traurigkeit
über seinen Weggang mit dem Schmerz einer gebärenden Frau vergleicht:
"Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert (d.h. sie leidet), weil
ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht
mehr an ihre Not über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist"
(Joh 16,21). Die "Stunde" des Todes Christi (vgl. Joh 13,1) wird hier mit
der "Stunde" der Frau in Geburtswehen verglichen; die Geburt eines neuen
Menschen findet ihre volle Entsprechung in dem von der Auferstehung des
Herrn gewirkten Sieg des Lebens über den Tod. Diese Gegenüberstellung gibt
Anlaß zu verschiedenen überlegungen. Wie die Auferstehung Christi die
Offenbarung des Lebens jenseits der Schwelle des Todes ist, so ist auch
die Geburt eines Kindes Offenbarung des Lebens, das durch Christus immer
zur "Fülle des Lebens" bestimmt ist, die in Gott selber liegt: "Ich bin
gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10).
Damit ist die wahre Bedeutung des Wortes des hl. Irenäus - "Gloria Dei
vivens homo" - in ihrem tiefgründigsten Wert enthüllt.
Es ist die evangelische Wahrheit der
Selbsthingabe, ohne die der Mensch nicht "vollkommen zu sich selbst
kommen" kann und die ihn erahnen läßt, wie tief diese äufrichtige Hingabe"
in der Hingabe Gottes des Schöpfers und Erlösers, in "der Gnade des
Heiligen Geistes", deren äusgießen" auf die Neuvermählten der Zelebrant
während der Trauungsfeier erbittet, verwurzelt ist. Ohne dieses äusgießen"
wäre es wirklich schwierig, das alles zu begreifen und als Berufung des
Menschen zu erfüllen. Jedoch viele Menschen erfassen es intuitiv! So viele
Männer und Frauen tun genau diese Wahrheit, wodurch sie zu der Erkenntnis
gelangen, daß sie nur in ihr "der Wahrheit und dem Leben" (Joh 14,6)
begegnen. Ohne diese Wahrheit vermag das Leben der Ehegatten und der
Familie keinen vollkommen menschlichen Sinn zu erlangen.
Darum wird die Kirche niemals müde, diese
Wahrheit zu lehren und zu bezeugen. Auch wenn sie mütterliches Verständnis
für die zahlreichen und komplizierten Krisensituationen, in die die
Familien verwickelt sind, sowie auch für die moralische Schwachheit jedes
Menschen bekundet, ist die Kirche der überzeugung, daß sie der Wahrheit
über die menschliche Liebe absolut treu bleiben müsse: andernfalls würde
sie sich selber verraten. Ein Abweichen von dieser heilbringenden Wahrheit
wäre in der Tat dasselbe, als würde sie "die Augen eures Herzens" (Eph
1,18) schließen, die hingegen stets offen bleiben müssen für das Licht,
mit dem das Evangelium die menschlichen Geschehnisse erleuchtet (vgl. 2
Tim 1,10). Das Bewußtsein jener aufrichtigen Selbsthingabe, durch die der
Mensch "sich selbst findet", wird nachdrücklich erneuert und ständig
gewährleistet angesichts der zahlreichen Widerstände, denen die Kirche
seitens der Befürworter einer falschen Zivilisation des Fortschritts
begegnet. 30
Die Familie bringt immer eine neue Dimension des Wohls für die Menschen
zum Ausdruck und ruft dadurch neue Verantwortung hervor. Es handelt sich
um die Verantwortung für jenes einzigartige gemeinsame Gut, in das das
Wohl des Menschen eingeschlossen ist: jedes Mitgliedes der
Familiengemeinschaft; ein sicherlich "schwieriges" ("bonum arduum"), aber
faszinierendes Gut.
Die verantwortliche Elternschaft
12. Beim Entwurf des vorliegenden
Schreibens an die Familien ist nun der Zeitpunkt gekommen, auf zwei
miteinander verknüpfte Fragen einzugehen. Die eine allgemeinere betrifft
die Zivilisation der Liebe; die andere spezifischere betrifft die
verantwortliche Elternschaft.
Wir haben bereits gesagt, daß die Ehe sich
an eine einzigartige Verantwortung für das gemeinsame Wohl wendet:
zunächst der Ehegatten, dann der Familie. Dargestellt wird dieses
gemeinsame Gut vom Menschen, vom Wert der Person und von allem, was das
Maß seiner Würde repräsentiert. Der Mensch bringt diese Dimension in jedes
soziale, wirtschaftliche und politische System mit. Im Bereich der Ehe und
Familie wird diese Verantwortung aus vielen Gründen noch "verbindlicher".
Nicht ohne Grund spricht die Pastoralkonstitution Gaudium et spes von
"Förderung der Würde der Ehe und der Familie". Das Konzil sieht diese
"Förderung" als Aufgabe der Kirche wie des Staates; doch sie bleibt in
jeder Kultur vor allem Pflicht der Personen, die ehelich vereint eine
bestimmte Familie bilden. Die "verantwortliche Elternschaft" bringt die
konkrete Aufgabe zum Ausdruck, diese Pflicht zu erfüllen, die in der
heutigen Welt neue Wesensmerkmale angenommen hat.
Diese betrifft insbesondere direkt den
Augenblick, wo der Mann und die Frau dadurch, daß sie sich "zu einem
Fleisch" vereinen, Eltern werden können. Es ist ein an besonderem Wert
reicher Augenblick, sei es für ihre interpersonale Beziehung, sei es für
ihren Dienst am Leben: sie können Eltern - Vater und Mutter - werden und
das Leben an ein neues menschliches Wesen weitergeben. Die beiden
Dimensionen der ehelichen Vereinigung, nämlich Vereinigung und Zeugung,
lassen sich nicht künstlich trennen, ohne die tiefste Wahrheit des
ehelichen Aktes selbst anzugreifen.
31
Das ist die ständige Lehre der Kirche, und
die "Zeichen der Zeit", deren Zeugen wir heute sind, bieten neue Gründe,
sie mit besonderem Nachdruck zu bekräftigen. Der den pastoralen
Erfordernissen seiner Zeit gegenüber so aufmerksame hl. Paulus verlangte
in Klarheit und Festigkeit, "dafür einzutreten, ob man es hören will oder
nicht" (vgl. 2 Tim 4,2), ohne jede Angst davor, daß "man die gesunde Lehre
nicht erträgt" (vgl. 2 Tim 4,3). Seine Worte sind allen gut bekannt, die
das Geschehen unserer Zeit zutiefst erfassen und erwarten, daß die Kirche
"die gesunde Lehre" nicht nur nicht aufgibt, sondern sie mit erneuerter
Kraft verkündet, indem sie in den aktuellen "Zeichen der Zeit" die Gründe
für ihre weitere und von der Vorsehung bestimmte Vertiefung erneut sucht.
Viele dieser Gründe finden sich bereits in
den Wissenschaften wieder, die sich aus dem alten Stamm der Anthropologie
zu verschiedenen Fachgebieten wie der Biologie, der Psychologie, der
Soziologie und deren weiteren Verzweigungen entwickelt haben. Alle kreisen
gewissermaßen um die Medizin, die zugleich Wissenschaft und Kunst ist (ars
medica): im Dienst des Lebens und der Gesundheit des Menschen. Aber die
Gründe, auf die hier hingewiesen wird, ergeben sich vor allem aus der
menschlichen Erfahrung, die vielfältig ist und die in gewissem Sinne der
Wissenschaft selbst vorausgeht und folgt.
Die Ehegatten lernen aus eigener Erfahrung,
was die verantwortliche Elternschaft bedeutet; sie lernen es auch dank der
Erfahrung anderer Ehepaare, die in ähnlichen Verhältnissen leben und auf
diese Weise aufgeschlossener für die Daten der Wissenschaften geworden
sind. Man könnte also sagen, die "Gelehrten" lernen gleichsam von den
"Eheleuten", um dann ihrerseits in der Lage zu sein, sie auf kompetentere
Weise über die Bedeutung der verantwortungsbewußten Zeugung und über die
Methoden ihrer Anwendung zu unterrichten.
Ausführlich wurde dieses Thema in den
Konzilsdokumenten behandelt, in der Enzyklika Humanae vitae, in den
"Vorschlägen" der Bischofssynode von 1980, in dem Apostolischen Schreiben
Familiaris consortio und in ähnlichen Dokumenten bis hin zu der von der
Glaubenskongregation herausgegebenen Instruktion Donum vitae. Die Kirche
lehrt die moralische Wahrheit über die verantwortliche Elternschaft und
verteidigt sie gegen heute verbreitete irrige Sichtweisen. Warum tut die
Kirche das? Etwa weil sie die Problemlage nicht zur Kenntnis nimmt, die
von allen beschworen wird, die in diesem Bereich zum Nachgeben raten und
die Kirche auch mit unrechtmäßigem Druck, wenn nicht manchmal geradezu mit
Drohungen, zu überzeugen suchen? Nicht selten wirft man dem kirchlichen
Lehramt in der Tat vor, es sei bereits überholt und verschließe sich den
Forderungen des modernen "Zeitgeistes"; es entfalte ein Vorgehen, das für
die Menschheit, ja für die Kirche selbst schädlich sei. Durch das
hartnäckige Verharren auf ihren Positionen würde die Kirche - so heißt es
- an Popularität verlieren, und die Gläubigen würden sich immer mehr von
ihr abwenden.
Doch wie kann man behaupten, die Kirche,
besonders die mit dem Papst vereinten Bischöfe, sei unempfindlich für
solch schwerwiegende und aktuelle Themen? Paul VI. erkannte gerade in
ihnen so lebensentscheidende Fragen, die ihn zur Veröffentlichung der
Enzyklika Humanae vitae veranlaßten. Das Fundament, auf das sich die Lehre
der Kirche von der "verantwortlichen Elternschaft" gründet, ist
umfassender und tragfähiger denn je. Das Konzil bringt das zunächst in der
Lehre über den Menschen zur Sprache, wenn es sagt, daß er äuf Erden die
einzige von Gott um seiner Selbst willen gewollte Kreatur ist" und "sich
nur durch die aufrichtige Hingabe seiner Selbst vollkommen finden kann".
32 Dies
deshalb, weil er als Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen und von dem
für uns und um unseres Heiles willen Mensch gewordenen, eingeborenen Sohn
des Vaters erlöst worden ist. Das Zweite Vatikanische Konzil, das dem
Problem des Menschen und seiner Berufung besondere Aufmerksamkeit widmete,
führt aus, daß die eheliche Vereinigung, das biblische "ein Fleisch", nur
dann vollkommen verstanden und erklärt werden kann, wenn man auf die Werte
der "Person" und der "Hingabe" zurückgreift. Jeder Mann und jede Frau
verwirklichen sich vollständig durch die aufrichtige Hingabe ihrer Selbst,
und der Augenblick der ehelichen Vereinigung stellt für die Eheleute davon
eine ganz besondere Erfahrung dar. Da werden der Mann und die Frau in der
"Wahrheit" ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit zu gegenseitiger Hingabe.
Das ganze Leben in der Ehe ist Hingabe; in einzigartiger Weise wird das
aber offenkundig, wenn die Ehegatten durch ihr gegenseitiges
Sich-Darbringen in der Liebe jene Begegnung vollziehen, die aus den beiden
"ein Fleisch" macht (Gen 2,24).
Sie erleben also auch wegen der mit dem
ehelichen Akt verbundenen Zeugungsfähigkeit einen Augenblick besonderer
Verantwortung. Die Ehegatten können in jenem Augenblick Vater und Mutter
werden, indem sie die Entstehung einer neuen menschlichen Existenz
hervorrufen, die sich dann im Schoß der Frau entwickeln wird. Wenn die
Frau als erste bemerkt, daß sie Mutter geworden ist, so erfährt durch ihr
Zeugnis der Mann, mit dem sie sich zu "einem Fleich" vereinigt hat,
seinerseits, daß er Vater geworden ist. Für die mögliche und in der Folge
tatsächliche Vater- bzw. Mutterschaft sind beide verantwortlich. Der Mann
muß das Ergebnis einer Entscheidung, die auch seine gewesen ist,
anerkennen und annehmen. Er kann sich nicht hinter Ausdrucksweisen
verstecken wie: "Ich weiß nichts", "ich will nicht", "du hast gewollt".
Die eheliche Vereinigung schließt auf jeden Fall die Verantwortung des
Mannes und der Frau ein, eine potentiell vorhandene Verantwortung, die zur
tatsächlichen wird, wenn die Umstände es auferlegen. Das gilt vor allem
für den Mann, der, obwohl auch er der erste Urheber der Einleitung des
Zeugungsprozesses ist, biologisch davon Abstand hat: denn das neue
Menschenwesen wächst in der Frau heran. Wie könnte der Mann davon
unberührt bleiben? Beide, der Mann und die Frau, müssen gemeinsam sich
selbst und den anderen gegenüber die Verantwortung für das von ihnen
hervorgerufene neue Leben übernehmen.
Diese Schlußfolgerung wird im wesentlichen
von den Humanwissenschaften geteilt. Man muß jedoch tiefer gehen und die
Bedeutung des ehelichen Aktes im Lichte der erwähnten Werte der "Person"
und der "Hingabe" analysieren. Das ist es, was die Kirche durch ihre
beständige Lehre, besonders auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, tut.
Im Augenblick des ehelichen Aktes sind der
Mann und die Frau dazu aufgerufen, die gegenseitige Hingabe ihrer Selbst,
die sie im ehelichen Bund geleistet haben, auf verantwortungsbewußte Weise
zu bestätigen. Nun zieht die Logik der totalen Selbsthingabe an den
anderen die potentielle Öffnung für die Zeugung nach sich: die Ehe ist
somit aufgerufen, sich als Familie noch vollkommener zu verwirklichen.
Sicher hat die gegenseitige Hingabe von Mann und Frau nicht als einziges
Ziel die Geburt von Nachwuchs, sondern ist in sich selbst die gegenseitige
Gemeinschaft der Liebe und des Lebens. Aber immer muß die innerste
Wahrheit dieser Hingabe gewährleistet sein. "Innerste" ist nicht
gleichbedeutend mit "subjektiver" Wahrheit. Es bedeutet vielmehr, daß sie
wesentlich mit der objektiven Wahrheit desjenigen bzw. derjenigen
verbunden ist, der oder die sich hingibt. Die Person darf niemals als
Mittel zur Erreichung eines Zweckes betrachtet werden; niemals vor allem
als Mittel des "Genusses". Sie ist und muß einzig das Ziel jedes Aktes
sein. Nur dann entspricht die Handlung der wahren Würde der Person.
Zum Abschluß unserer überlegungen zu diesem
so wichtigen und heiklen Thema möchte ich ein besonderes Wort der
Ermutigung zunächst an euch, liebe Eheleute, und an alle jene richten, die
euch helfen, die Lehre der Kirche über die Ehe, über die verantwortliche
Elternschaft zu verstehen und in die Praxis umzusetzen. Ich denke
insbesondere an die Seelsorger, an die vielen Gelehrten, Theologen,
Philosophen, Schriftsteller und Publizisten, die sich nicht dem
herrschenden Kulturkonformismus anpassen, sondern mutig bereit sind,
"gegen den Strom zu schwimmen". Darüber hinaus betrifft diese Ermutigung
eine ständig wachsende Gruppe von Experten, ärzten und Erziehern, wahren
Laienaposteln, für die die Förderung der Würde der Ehe und der Familie zu
einer wichtigen Lebensaufgabe geworden ist. Im Namen der Kirche sage ich
allen meinen Dank! Was könnten ohne sie die Seelsorger, die Priester, die
Bischöfe, ja selbst der Nachfolger Petri ausrichten? Davon habe ich mich
immer mehr überzeugt seit den ersten Jahren meines Priestertums, von der
Zeit an, als ich mich in den Beichtstuhl zu setzen begann, um die Sorgen,
ängste und Hoffnungen so vieler Eheleute zu teilen: ich bin schwierigen
Fällen von Auflehnung und Verweigerung begegnet, gleichzeitig aber
zahllosen, in großartiger Weise verantwortlichen und großzügigen Personen!
Während ich dieses Schreiben verfasse, habe ich alle diese Eheleute vor
Augen und umfange sie mit meiner Zuneigung und mit meinem Gebet.
Die zwei Zivilisationen
13. Liebe Familien, die Frage der
verantwortlichen Elternschaft ist eingeschrieben in die Gesamtthematik der
"Zivilisation der Liebe", über die ich jetzt zu euch sprechen will. Aus
dem bisher Gesagten ergibt sich klar, daß die Familie die Grundlage dessen
bildet, was Paul VI. als "Zivilisation der Liebe" bezeichnete,
33 ein
Ausdruck, der dann in die Lehre der Kirche Eingang gefunden hat und
bereits vertraut und gebräuchlich geworden ist. Heutzutage läßt sich kaum
ein Beitrag der Kirche oder über die Kirche denken, der von der Bezugnahme
auf die Zivilisation der Liebe absehen würde. Der Ausdruck steht in
Verbindung mit der Tradition der "Hauskirche" im Christentum der Anfänge,
besitzt aber auch einen klaren Bezug zur heutigen Zeit. Ethymologisch
leitet sich der Begriff "Zivilisation" von "civis", Staatsbürger, her und
unterstreicht die politische Dimension der Existenz jedes Individuums. Der
tiefere Sinn des Ausdrucks "Zivilisation" ist jedoch nicht so sehr
politisch als eigentlich mehr "humanistisch". Die Zivilisation gehört zur
Geschichte des Menschen, weil sie seinen geistigen und moralischen
Bedürfnissen entspricht: als Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen hat er
die Welt aus den Händen des Schöpfers mit dem Auftrag empfangen, sie nach
seinem Abbild und Gleichnis zu gestalten. Genau aus der Erfüllung dieser
Aufgabe entsteht die Zivilisation, die schließlich nichts anderes ist als
die "Humanisierung der Welt".
Zivilisation hat also in gewisser Hinsicht
dieselbe Bedeutung wie "Kultur". Man könnte daher auch sagen: "Kultur der
Liebe", obwohl es vorzuziehen ist, sich an den bereits vertraut gewordenen
Ausdruck zu halten. Die Zivilisation der Liebe im jetzigen Sinn des
Ausdrucks inspiriert sich an den Worten aus der Konzilskonstitution
Gaudium et spes "Christus ... macht ... dem Menschen den Menschen selbst
voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung".
34 Man kann
daher sagen, die Zivilisation der Liebe beginnt mit der Offenbarung
Gottes, der "die Liebe ist", wie Johannes sagt (1 Joh 4,8.16), und die von
Paulus im Hohenlied der Liebe im ersten Korintherbrief (13,1-13)
wirkungsvoll beschrieben wird. Diese Zivilisation ist eng verbunden mit
der Liebe, die äusgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist,
der uns gegeben ist" (Röm 5,5), und die wächst dank der beständigen
Kultivierung, von der die Allegorie aus dem Evangelium vom Weinstock und
von den Reben so einprägsam spricht: "Ich bin der wahre Weinstock, und
mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt,
schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie
mehr Frucht bringt" (Joh 15,1-2).
Im Lichte dieser und anderer Texte des
Neuen Testamentes vermag man zu erfassen, was man unter "Zivilisation der
Liebe" versteht und warum die Familie mit dieser Zivilisation organisch
verbunden ist. Wenn die Familie der erste "Weg der Kirche" ist, muß man
hinzufügen, daß auch die Zivilisation der Liebe "Weg der Kirche" ist, der
in der Welt verläuft und die Familien und die anderen nationalen und
internationalen gesellschaftlichen Institutionen eben wegen der Familie
und durch die Familien auf diesen Weg ruft. Denn die Familie hängt in
vielfacher Hinsicht von der Zivilisation der Liebe ab, in der sie die
Gründe ihres Seins als Familie findet. Und gleichzeitig ist die Familie
das Zentrum und das Herz der Zivilisation der Liebe.
Es gibt jedoch keine echte Liebe ohne das
Bewußtsein, daß Gott "die Liebe ist" - und daß der Mensch das einzige
Geschöpf Gottes auf Erden ist, das "um seiner Selbst willen" ins Leben
gerufen wurde. Der als Abbild und Gleichnis Gottes erschaffene Mensch kann
sich nur durch die aufrichtige Selbsthingabe in vollem Maße
"wiederfinden". Ohne einen solchen Begriff vom Menschen, von der Person
und von der "Gemeinsamkeit von Personen" in der Familie kann es die
Zivilisation der Liebe nicht geben; umgekehrt ist ohne die Zivilisation
der Liebe ein solcher Begriff von Person und Gemeinsamkeit von Personen
nicht möglich. Die Familie stellt die fundamentale "Zelle" der
Gesellschaft dar. Doch bedarf es Christi - des "Weinstocks", aus dem sich
die "Reben" nähren -, damit diese Zelle nicht der Bedrohung einer Art
kultureller Entwurzelung ausgesetzt ist, die sowohl von innen wie auch von
außen herrühren kann. Denn wenn auf der einen Seite die "Zivilisation der
Liebe" besteht, so ist auf der anderen Seite weiterhin die Möglichkeit zu
einer destruktiven änti-Zivilisation" gegeben, wie das in der Tat heute
von vielen Tendenzen und Situationen bestätigt wird.
Wer kann leugnen, daß unsere Zeit eine Zeit
großer Krisen ist, die sich an erster Stelle als eine tiefe "Krise der
Wahrheit" darstellt? Krise der Wahrheit bedeutet in erster Linie Krise von
Begriffen. Bedeuten die Begriffe "Liebe", "Freiheit", äufrichtige Hingabe"
und selbst die Begriffe "Person", "Rechte der Person" wirklich das, was
sie von ihrem Wesen her beinhalten? Deshalb hat sich die Enzyklika über
den "Glanz der Wahrheit" (Veritatis splendor) für die Kirche und für die
Welt - vor allem im Westen - als so kennzeichnend und bedeutsam erwiesen.
Nur wenn die Wahrheit über die Freiheit und die Gemeinsamkeit der Personen
in Ehe und Familie ihren Glanz zurückgewinnt, wird es wirklich den Aufbau
der Zivilisation der Liebe geben und dann möglich sein, wirksam - wie es
das Konzil tut - von "Förderung der Würde der Ehe und Familie"
35 zu
sprechen.
Warum ist der "Glanz der Wahrheit" so
wichtig? Er ist es vor allem aus Kontrast: Die Entwicklung der modernen
Zivilisation ist an einen naturwissenschaftlich-technologischen
Fortschritt gebunden, der sich oft als einseitig erweist und demzufolge
rein positivistische Wesensmerkmale aufweist. Der Positivismus hat
bekanntlich auf theoretischem Gebiet den Agnostizismus und auf praktischem
und sittlichem Gebiet den Utilitarismus zum Ergebnis. In unseren Tagen
wiederholt sich die Geschichte in gewisser Hinsicht. Der Utilitarismus ist
eine "Zivilisation" der Produktion und des Genusses, eine Zivilisation der
Dinge und nicht der "Personen", eine Zivilisation, in der von "Personen"
wie von "Dingen" Gebrauch gemacht wird. Im Zusammenhang mit der
Zivilisation des Genusses kann die Frau für den Mann zu einem Objekt
werden, die Kinder zu einem Hindernis für die Eltern, die Familie zu einer
hemmenden Einrichtung für die Freiheit der Mitglieder, die sie bilden. Um
sich davon zu überzeugen, braucht man nur manche Programme der
Sexualerziehung zu prüfen, die häufig trotz gegenteiliger Meinung und des
Protestes vieler Eltern in den Schulen eingeführt werden; oder die Neigung
zur Abtreibung, die sich vergeblich hinter dem sogenannten
"Selbstentscheidungsrecht" ("pro choice") von seiten beider Ehegatten, im
besonderen aber von seiten der Frau zu verstecken sucht. Das sind nur zwei
der vielen Beispiele, die man in Erinnerung rufen könnte.
Es leuchtet unmittelbar ein, daß sich in
einer solchen kulturellen Situation die Familie bedroht fühlen muß, weil
sie in ihren eigentlichen Grundfesten gefährdet ist. Alles, was gegen die
Zivilisation der Liebe ist, ist gegen die Wahrheit über den Menschen
insgesamt und wird für ihn zu einer Bedrohung: es erlaubt ihm nicht, zu
sich selbst zu finden und sich als Gatte, als Vater oder Mutter, als Kind
sicher zu fühlen. Die von der "technischen Zivilisation" propagierte
sogenannte "sichere Sexualität" ist im Hinblick auf die globalen
Erfordernisse der Person in Wirklichkeit ganz entschieden nicht sicher, ja
für die Person äußerst gefährlich. Denn hier befindet sich die Person in
Gefahr, so wie sich ihrerseits die Familie in Gefahr bringt. Worin besteht
die Gefahr? Es ist der Verlust der Wahrheit über sich selbst, zu der sich
das Risiko des Verlustes der Freiheit und demzufolge selbst des Verlustes
der Liebe hinzugesellt. "Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen - sagt
Jesus -, und die Wahrheit wird euch befreien" (Joh 8,32): die Wahrheit,
nur die Wahrheit wird euch auf eine Liebe vorbereiten, von der man sagen
kann, daß sie "schön" ist.
Die Familie unserer Zeit wie aller Zeiten
ist auf der Suche nach der "schönen Liebe". Eine Liebe, die nicht "schön"
ist oder die nur auf Befriedigung der Begierde (vgl. 1 Joh 2,16), auf
einen gegenseitigen "Gebrauch" des Mannes und der Frau verkürzt wird,
macht die Person zum Sklaven ihrer Schwächen. Bringen nicht manche moderne
"Kulturprogramme" diese Versklavung? Es sind Programme, die auf die
Schwächen des Menschen "niederrieseln" und ihn auf diese Weise immer
schwächer und schutzloser machen.
Die Zivilisation der Liebe ruft Freude
hervor: unter anderem Freude darüber, daß ein Mensch zur Welt kommt (vgl.
Joh 16,21), und folglich, weil die Gatten Eltern werden. Zivilisation der
Liebe bedeutet "sich an der Wahrheit freuen" (vgl. 1 Kor 13,6). Aber eine
Zivilisation, die sich an einer konsumistischen und geburtenfeindlichen
Gesinnung inspiriert, ist keine Zivilisation der Liebe und kann es niemals
sein. Wenn die Familie so wichtig für die Zivilisation der Liebe ist, so
ist sie es wegen der besonderen Nähe und Intensität der Bande, die in ihr
zwischen den Personen und Generationen entstehen. Sie bleibt jedoch
verwundbar und kann leicht den Gefahren ausgesetzt sein, die ihre Einheit
und Festigkeit schwächen oder sogar zerstören. Infolge solcher Gefahren
hören die Familien auf, Zeugnis zu geben für die Zivilisation der Liebe,
und können sogar zu ihrer Verneinung, zu einer Art Gegen-Zeugnis, werden.
Eine zerstörte Familie kann ihrerseits eine spezifische Form von
änti-Zivilisation" stärken, indem sie die Liebe in den verschiedenen
Ausdrucksformen zerstört, mit unvermeidlichen Auswirkungen auf das gesamte
soziale Leben.
Die Liebe ist anspruchsvoll
14. Jene Liebe, welcher der Apostel Paulus
im Brief an die Korinther sein Hoheslied gewidmet hat - jene Liebe, die
"langmütig und gütig ist" und älles erträgt" (1 Kor 13,4.7) -, ist gewiß
eine anspruchsvolle Liebe. Doch genau darin besteht ihre Schönheit: in der
Tatsache, daß sie anspruchsvoll ist, denn auf diese Weise baut sie das
wahre Gute des Menschen auf. Das Gute ist nämlich, sagt der hl. Thomas,
seiner Natur nach äuf Ausbreitung hin angelegt".
36 Die Liebe
ist wahr, wenn sie das Gute der Personen und der Gemeinschaften
hervorruft, es hervorruft und es an die anderen weitergibt. Nur wer im
Namen der Liebe an sich selbst Forderungen zu stellen vermag, kann auch
von den anderen Liebe verlangen. Denn die Liebe ist anspruchsvoll. Sie ist
es in jeder menschlichen Situation; sie ist es um so mehr für denjenigen,
der sich dem Evangelium öffnet. Ist es nicht dies, was Christus in
"seinem" Gebot verkündet? Es ist notwendig, daß die heutigen Menschen
diese anspruchsvolle Liebe entdecken, dennsie bildet in Wahrheit das
tragende Fundament der Familie, ein Fundament, das imstande ist, älles zu
ertragen". Nach dem Apostel ist die Liebe nicht fähig, alles "zu
ertragen", wenn sie "Neid und Mißgunst" nachgibt, wenn sie "prahlt", wenn
sie "sich aufbläht", wenn sie üngehörig handelt" (vgl. 1 Kor 13,4-5). Die
wahre Liebe, so lehrt der hl. Paulus, ist anders: "Sie erträgt alles,
glaubt alles, hofft alles, hält allem stand" (1 Kor 13,7). Genau diese
Liebe "wird alles ertragen". In ihr wirkt die starke Kraft Gottes selber,
der "die Liebe ist" (1 Joh 4,8.16). In ihr wirkt die starke Kraft Christi,
des Erlösers des Menschen und Heilands der Welt.
Mit unserer Meditation über das 13. Kapitel
des ersten Paulusbriefes an die Korinther begeben wir uns auf den Weg, der
uns am unmittelbarsten und augenfälligsten die volle Wahrheit über die
Zivilisation der Liebe begreifen läßt. Kein anderer biblischer Text drückt
diese Wahrheit einfacher und umfassender aus als das Hohelied der Liebe.
Die Gefahren, die der Liebe entgegenstehen,
stellen auch eine Bedrohung für die Zivilisation der Liebe dar, weil sie
begünstigen, was ihr wirksam zu widerstreiten vermag. Hier ist
insbesondere an den Egoismus gedacht, nicht nur den Egoismus des
einzelnen, sondern auch denjenigen des Ehepaares oder, in einem noch
weiteren Bereich, an den sozialen Egoismus, z.B. einer Klasse oder einer
Nation (Nationalismus). Der Egoismus, in jeder Form, widerspricht
unmittelbar und grundsätzlich der Zivilisation der Liebe. Will man etwa
behaupten, die Liebe werde einfachhin als änti-Egoismus" definiert? Das
wäre eine allzu armselige und nur negative Definition, auch wenn es wahr
ist, daß zur Verwirklichung der Liebe und der Zivilisation der Liebe
verschiedene Formen von Egoismus überwunden werden müssen. Richtiger ist
hier von ältruismus" zu sprechen, der die Antithese des Egoismus ist. Doch
noch reichhaltiger und vollständiger ist sodann der vom hl. Paulus
erläuterte Liebesbegriff. Das Hohelied der Liebe aus dem ersten
Korintherbrief bleibt die Magna Charta der Zivilisation der Liebe. In ihm
geht es nicht so sehr um einzelne äußerungen (sei es des Egoismus oder des
Altruismus), als um die radikale Annahme des Konzeptes des Menschen als
Person, die sich durch die aufrichtige Hingabe ihrer Selbst
"wiederfindet". Eine Hingabe ist natürlich "für die anderen" da: das ist
die wichtigste Dimension der Zivilisation der Liebe.
Wir betreten somit das Herzstück der
evangelischen Wahrheit über die Freiheit. Die Person verwirklicht sich
durch die Ausübung der Freiheit in der Wahrheit. Die Freiheit kann nicht
als Befugnis verstanden werden, alles Beliebige zu tun: sie bedeutet
Selbsthingabe. Mehr noch: sie bedeutet innere Disziplin der Selbsthingabe.
In den Begriff Hingabe ist nicht nur die freie Initiative des Subjektes,
sondern auch die Dimension der Pflicht eingeschrieben. Das alles
verwirklicht sich in der "Gemeinsamkeit der Personen". So befinden wir uns
hier im eigentlichen Herzen jeder Familie.
Wir befinden uns auch auf den Spuren des
Gegensatzes zwischen dem Individualismus und dem Personalismus. Die Liebe,
die Zivilisation der Liebe ist mit dem Personalismus verbunden. Warum
gerade mit dem Personalismus? Weil der Individualismus die Zivilisation
der Liebe bedroht? Den Schlüssel zur Antwort finden wir in dem Ausdruck
des Konzils: eine äufrichtige Hingabe". Der Individualismus setzt einen
Gebrauch der Freiheit voraus, indem das Subjekt macht, was es will und was
ihm nützlich erscheint, indem es selbst "die Wahrheit" dessen, was ihm
beliebt, "festlegt": Es duldet nicht, daß andere von ihm etwas im Namen
einer objektiven Wahrheit "wollen" oder fordern. Es will einem anderen
nicht auf der Grundlage der Wahrheit "geben", es will nicht zu einer
äufrichtigen" Hingabe werden. Der Individualismus bleibt somit
egozentrisch und egoistisch. Der Gegensatz zum Personalismus entsteht
nicht nur im Bereich der Theorie, sondern noch mehr in dem des "Ethos".
Das "Ethos" des Personalismus ist altruistisch: Es treibt die Person dazu
an, sich für die anderen hinzugeben und Freude in der Hingabe zu finden.
Es ist die Freude, von der Christus spricht (vgl. Joh 15,11; 16,20.22).
Darum müssen die menschlichen
Gesellschaften und in ihnen die Familien, die häufig in einem Umfeld des
Kampfes zwischen der Zivilisation der Liebe und ihren Gegensätzen leben,
ihr tragendes Fundament in einer richtigen Auffassung vom Menschen und
davon suchen, was über die volle "Verwirklichung" seines Menschseins
entscheidet. Sicher im Widerspruch zur Zivilisation der Liebe steht die
sogenannte "freie Liebe", die um so gefährlicher ist, weil sie gewöhnlich
als Frucht eines "echten" Gefühls hingestellt wird, während sie
tatsächlich die Liebe zerstört. Wie viele Familien sind gerade aus "freier
Liebe" in die Brüche gegangen! Dem "wahren" Gefühlsantrieb im Namen einer
von Auflagen "freien" Liebe auf jeden Fall zu folgen, bedeutet in
Wirklichkeit, den Menschen zum Sklaven jener menschlichen Instinkte zu
machen, die der hl. Thomas "Leidenschaften in der Seele" nennt.
37 Die
"freie Liebe" nützt die menschlichen Schwächen aus, indem sie ihnen mit
Hilfe der Verführung und mit dem Beistand der öffentlichen Meinungeinen
gewissen "Rahmen" von Vortrefflichkeit liefert. So sucht man durch die
Schaffung eines "moralischen Alibi" das Gewissen "zu beruhigen". Nicht
bedacht werden jedoch alle daraus erwachsenden Folgen, besonders wenn
diese außer dem Ehegatten die Kinder zu bezahlen haben, die des Vaters
oder der Mutter beraubt und dazu verurteilt werden, tatsächlich Waisen
lebender Eltern zu sein.
Dem sittlichen Utilitarismus liegt, wie man
weiß, die dauernde Suche nach dem "Maximum" an Glück zugrunde, aber eines
ütilitaristischen Glücks", das nur als Vergnügen, als unmittelbare
Befriedigung zum ausschließlichen Vorteil des einzelnen Individuums
verstanden wird, jenseits oder gegen die objektiven Forderungen des wahren
Guten.
Das dargestellte Programm des
Utilitarismus, das sich auf eine im individualistischen Sinne orientierte
Freiheit oder eine Freiheit ohne Verantwortung gründet, stellt die
Antithese zur Liebe dar, auch als Ausdruck der in ihrer Gesamtheit
betrachteten menschlichen Zivilisation. Wenn dieser Freiheitsbegriff in
der Gesellschaft Aufnahme findet und sich leicht mit den verschiedensten
Formen menschlicher Schwäche verbindet, wird er sich recht bald als
systematische und dauernde Bedrohung für die Familie entpuppen. In diesem
Zusammenhang ließen sich viele unheilvolle, auf statistischer Ebene
dokumentierbare Folgen anführen, auch wenn nicht wenige von ihnen als
schmerzliche und blutende Wunden in den Herzen der Männer und Frauen
verborgen bleiben.
Die Liebe der Ehegatten und der Eltern
besitzt die Fähigkeit, solche Wunden zu behandeln, wenn nicht die in
Erinnerung gebrachten Gefahren sie ihrer für die menschlichen
Gemeinschaften so wohltuenden und heilsamen Regenerationskraft berauben.
Diese Fähigkeit hängt von der göttlichen Gnade der Vergebung und der
Wiederversöhnung ab, die die geistige Kraft gewährleistet, immer aufs neue
zu beginnen. Deshalb haben es die Mitglieder der Familie nötig, Christus
in der Kirche durch das wunderbare Sakrament der Buße und der
Wiederversöhnung zu begegnen.
In diesem Zusammenhang wird man sich
bewußt, wie wichtig das Gebet mit den Familien und für die Familien,
insbesondere für die von der Trennung bedrohten Familien, ist. Wir müssen
dafür beten, daß die Ehegatten ihre Berufung auch dann lieben, wenn der
Weg schwierig wird oder enge und steile, scheinbar unüberwindbare Strecken
aufweist; beten, damit sie auch dann ihrem Bund mit Gott treu sind.
"Die Familie ist der Weg der Kirche". In
diesem Schreiben wollen wir diesen Weg bekennen und miteinander verkünden,
der über das Ehe- und Familienleben "zum Himmelreich führt" (vgl. Mt
7,14). Es ist wichtig, daß die "Personengemeinschaft" in der Familie zur
Vorbereitung auf die "Gemeinschaft der Heiligen" wird! Eben deshalb
bekennt und verkündet die Kirche die Liebe, die älles erträgt" (1 Kor
13,7), weil sie mit dem hl. Paulus in ihr die "größte" (1 Kor 13,13)
Tugend sieht. Der Apostel setzt für niemanden Grenzen. Lieben ist Berufung
aller, auch der Eheleute und der Familien. In der Kirche sind in der Tat
alle gleichermaßen zur Vollkommenheit der Heiligkeit berufen (vgl. Mt
5,48). 38
Das vierte Gebot: "Du sollst Vater und
Mutter ehren"
15. Das vierte der Zehn Gebote betrifft die
Familie, ihre innere Festigkeit und Geschlossenheit; wir könnten auch
sagen: ihre Solidarität.
Im Wortlaut des vierten Gebotes ist von der
Familie nicht ausdrücklich die Rede. Tatsächlich geht es aber um sie. Um
die Gemeinsamkeit zwischen den Generationen auszudrücken, hat der
göttliche Gesetzgeber kein passenderes Wort gefunden als: "Ehre ... " (Ex
20,12). Wir stehen hier vor einer anderen Form, das auszudrücken, was
Familie ist. Diese Formulierung ist keine "künstliche" Erhöhung der
Familie, sondern legt ihre Subjektivität und die daraus erwachsenden
Rechte an den Tag. Die Familie ist eine Gemeinschaft besonders intensiver
zwischenmenschlicher Beziehungen: zwischen Ehegatten, zwischen Eltern und
Kindern, zwischen den Generationen. Sie ist eine Gemeinschaft, die in
besonderer Weise garantiert wird. Und Gott findet keine bessere Gewähr
dafür als: "Ehre!"
"Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit
du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt" (Ex 20,12).
Dieses Gebot folgt auf die drei grundlegenden Gebote, die das Verhältnis
des Menschen und des Volkes Israel zu Gott betreffen: "Shema, Israel ...
", Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig" (Dtn 6,4). "Du
sollst neben mir keine anderen Götter haben" (Ex 20,3). Das ist das erste
und größte Gebot, das Gebot, Gott "über alle Dinge" zu lieben: er wird
"mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft" geliebt (Dtn
6,5; vgl. Mt 22,37). Es ist bezeichnend, daß sich das vierte Gebot gerade
in diesen Rahmen einfügt: "Ehre deinen Vater und deine Mutter", denn sie
sind für dich in gewissem Sinne die Bevollmächtigten des Herrn,
diejenigen, die dir das Leben geschenkt und dich in die menschliche
Existenz eingeführt haben: in einen Stamm, eine Nation, eine Kultur. Nach
Gott sind sie deine ersten Wohltäter. Wenn allein Gott gut, ja das Gute
selbst ist, so haben die Eltern in einzigartiger Weise an dieser seiner
erhabenen Güte teil. Und deshalb: Ehre deine Eltern! Hier besteht eine
gewisse Analogie zu der Verehrung, die Gott gebührt.
Das vierte Gebot steht in enger Verbindung
zum Gebot der Liebe. Das Band zwischen "ehre!" und "liebe!" ist tief. Die
Ehre ist in ihrem Wesenskern mit der Tugend der Gerechtigkeit verbunden,
doch läßt sich diese ihrerseits ohne Berufung auf die Liebe - Liebe zu
Gott und zum Nächsten - nicht vollständig erklären. Und wer ist mehr
Nächster als die eigenen Familienangehörigen, die Eltern und die Kinder?
Ist das vom vierten Gebot angezeigte
interpersonale System einseitig? Verpflichtet es dazu, nur die Eltern zu
ehren? Im buchstäblichen Sinn: ja. Indirekt können wir jedoch auch von der
"Ehre" sprechen, die den Kindern von seiten der Eltern gebührt. "Ehre"
heißt: erkenne an! Das heißt, laß dich von der überzeugten Anerkennung der
Person leiten, vor allem von der Person des Vaters und der Mutter und dann
von der anderer Familienmitglieder. Die Ehre ist eine ihrem Wesen nach
selbstlose Haltung. Man könnte sagen, sie ist "eine aufrichtige Hingabe
der Person an die Person", und in diesem Sinne trifft sich die Ehre mit
der Liebe. Wenn das vierte Gebot Vater und Mutter zu ehren verlangt, so
verlangt es das auch im Hinblick auf das Wohl der Familie. Eben deshalb
stellt es jedoch Anforderungen an die Eltern. Eltern, - daran scheint sie
das göttliche Gebot zu erinnern - handelt so, daß euer Verhalten die Ehre
(und die Liebe) von seiten eurer Kinder verdient! Laßt den göttlichen
Ehranspruch für euch nicht in ein "moralisches Vakuum" hineinfallen!
Schließlich handelt es sich also um eine wechselseitige Ehre. Das Gebot
"ehre deinen Vater und deine Mutter" sagt den Eltern indirekt: Ehrt eure
Söhne und eure Töchter! Sie verdienen das, weil sie existieren, weil sie
das sind, was sie sind: das gilt vom ersten Augenblick der Empfängnis an.
So macht dieses Gebot dadurch, daß es die innerste Familienbande zum
Ausdruck bringt, das Fundament ihrer inneren Geschlossenheit offenkundig.
Das Gebot fährt fort: "damit du lange lebst
in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt". Dieses "damit" könnte ein
ütilitaristisches" Kalkül nahelegen: ehren im Hinblick auf das künftige
lange Leben. Wir sagen indessen, daß das die essentielle Bedeutung des
seinem Wesen nach mit einer selbstlosen Haltung verbundenen Imperativs
"ehre" nicht mindert. Ehren bedeutet niemals: "ziehe die Vorteile in
Betracht". Dennoch fällt es schwer, nicht zuzugeben, daß aus der zwischen
den Mitgliedern der Familiengemeinschaft bestehenden Haltung
wechselseitiger Ehre auch Nutzen verschiedener Art erwächst. Die "Ehre"
ist sicher nützlich, so wie jedes wahre Gut "nützlich" ist.
Die Familie verwirklicht vor allem das Gut
des "Zusammenseins", das Gut im wahrsten Sinne des Wortes der Ehe (daher
ihre Unauflöslichkeit) und der Familiengemeinschaft. Man könnte es zudem
als Gut der Subjektivität bezeichnen. Denn die Person ist ein Subjekt, und
das ist auch die Familie, weil sie von Personen gebildet wird, die durch
ein tiefes Band der Gemeinschaft verbunden sind und so ein einziges
Gemeinschaftssubjekt bilden. Ja, die Familie ist mehr Subjekt als jede
andere soziale Institution: mehr als die Nation, der Staat, mehr als die
Gesellschaft und die internationalen Organisationen. Diese Gesellschaften,
besonders die Nationen, erfreuen sich deshalb einer eigenen Subjektivität,
weil sie sie von den Personen und ihren Familien erhalten. Sind das
lediglich "theoretische" überlegungen, formuliert, um die Familie in der
öffentlichen Meinung zu "erhöhen"? Nein, es handelt sich vielmehr um eine
andere Ausdrucksweise dessen, was Familie ist. Und auch sie läßt sich aus
dem vierten Gebot ableiten.
Dies ist eine Wahrheit, die vertieft zu
werden verdient: sie unterstreicht nämlich die Wichtigkeit dieses Gebots
auch für das moderne System der Menschenrechte. Die institutionellen
Anordnungen gebrauchen die Rechtssprache. Gott hingegen sagt: "Ehre!"
Sämtliche "Menschenrechte" sind letzten Endes hinfällig und wirkungslos,
wenn ihrer Grundlage der Imperativ "ehre!" fehlt; mit anderen Worten, wenn
die Anerkennung des Menschen durch die einfache Tatsache, daß er Mensch,
"dieser" Mensch ist, fehlt. Rechte allein genügen nicht.
Es ist daher nicht übertrieben zu
bekräftigen, daß das Leben der Nationen, der Staaten, der internationalen
Organisationen durch die Familie "hindurchgeht" und sich auf das vierte
Gebot des Dekalogs "gründet". Trotz der vielfachen Erklärungen rechtlicher
Art, die erarbeitet wurden, bleibt, als Ergebnis der äufklärerischen"
Prämissen, wonach der Mensch "mehr" Mensch ist, wenn er "nur" Mensch ist,
unsere heutige Zeit in beachtlichem Ausmaß von der "Entfremdung" bedroht.
Es ist nicht schwer zu erkennen, daß die Entfremdung von all dem,
was in verschiedener Form so sehr zum vollen Reichtum gehört, unsere Zeit
gefährdet. Und das zieht die Familie mit hinein. Denn die Bejahung der
Person ist in hohem Maße auf die Familie und infolgedessen auf das vierte
Gebot bezogen. In Gottes Plan ist die Familie in verschiedener Hinsicht
die erste Schule des Menschen. Sei Mensch! Dies ist der Imperativ, der in
ihr vermittelt wird: Mensch als Sohn oder Tochter der Heimat, als Bürger
des Staates und, so würde man heute sagen, als Bürger der Welt. Er, der
der Menschheit das vierte Gebot gegeben hat, ist ein dem Menschen
gegenüber "wohlwollender" Gott (philanthropos, wie die Griechen sagten).
Der Schöpfer des Universums ist der Gott der Liebe und des Lebens: Er
will, daß der Mensch das Leben habe und es in Fülle habe, wie Christus
sagt (vgl. Joh 10,10): daß er das Leben vor allem dank der Familie habe.
Hier zeigt sich klar, daß die "Zivilisation
der Liebe" eng mit der Familie verbunden ist. Für viele stellt die
Zivilisation der Liebe noch eine reine Utopie dar. Man meint in der Tat,
daß Liebe niemandem abverlangt und niemandem auferlegt werden könne: es
handele sich um eine freie Entscheidung, die die Menschen annehmen oder
zurückweisen können.
An all dem ist etwas Wahres. Und doch
bleibt die Tatsache bestehen, daß Jesus Christus uns das Gebot der Liebe
hinterlassen hat, so wie Gott auf dem Berg Sinai geboten hatte: "Ehre
deinen Vater und deine Mutter". Die Liebe ist daher nicht eine Utopie: sie
ist dem Menschen als eine mit Hilfe der göttlichen Gnade zu erfüllende
Aufgabe gegeben. Sie wird dem Mann und der Frau im Ehesakrament als
Prinzip und Quelle ihrer "Pflicht" anvertraut und wird für sie zum
Fundament der gegenseitigen Verpflichtung: zuerst der ehelichen, dann der
elterlichen. In der Feier des Sakraments schenken und empfangen die
Ehegatten sich gegenseitig, indem sie ihre Bereitschaft erklären, die
Kinder anzunehmen und zu erziehen. Hier liegen die Angelpunkte der
menschlichen Zivilisation, die nicht anders definiert werden kann denn als
"Zivilisation der Liebe".
Ausdruck und Quelle dieser Liebe ist die
Familie. Durch sie geht der Hauptstrom der Zivilisation der Liebe
hindurch, der in ihr ihre "sozialen Grundlagen" sucht.
Die Kirchenväter haben im Zuge der
christlichen überlieferung von der Familie als "Hauskirche", als "kleiner
Kirche" gesprochen. Sie bezogen sich somit auf die Zivilisation der Liebe
als auf ein mögliches System des Lebens und des menschlichen
Zusammenlebens. "Zusammensein" als Familie, einer für den anderen dasein,
einen gemeinschaftlichen Raum schaffen für die Bejahung jedes Menschen als
solchen, für die Bejahung "dieses" konkreten Menschen. Manchmal handelt es
sich um Personen mit physischen oder psychischen Behinderungen, von denen
sich die sogenannte "Fortschritts"-Gesellschaft lieber befreit. Auch die
Familie kann einer solchen Gesellschaft ähnlich werden. Sie wird es
tatsächlich, wenn sie sich auf schnellstem Wege von denen befreit, die alt
oder von Mißbildungen oder Krankheiten betroffen sind. Sie handelt so,
weil der Glaube an jenen Gott abnimmt, nach dessen Willen älle lebendig"
(Lk 20,38) und alle in Ihm zur Fülle des Lebens berufen sind.
Ja, die Zivilisation der Liebe ist möglich,
sie ist keine Utopie. Sie ist jedoch nur möglich durch einen ständigen und
lebendigen Bezug zu "Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, nach
dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird"
(vgl. Eph 3,14-15), von dem jede menschliche Familie hervorgeht.
Die Erziehung
16. Worin besteht die Erziehung? Um diese
Frage zu beantworten, werden zwei grundlegende Wahrheiten in Erinnerung
gebracht: die erste ist, daß der Mensch zum Leben in der Wahrheit und in
der Liebe berufen ist; die zweite Grundwahrheit besagt, daß sich jeder
Mensch durch die aufrichtige Hingabe seiner Selbst verwirklicht. Das gilt
sowohl für den Erzieher wie für den, der erzogen wird. Die Erziehung
stellt demnach einen einzigartigen Prozeß dar, in dem die gegenseitige
Gemeinsamkeit der Personen höchst bedeutsam ist. Der Erzieher ist eine in
geistigem Sinne "zeugende" Person. In dieser Sicht kann die Erziehung als
echtes und eigentliches Apostolat angesehen werden. Sie ist eine
lebenschaffende Verbindung, die nicht nur eine tiefgreifende Beziehung
zwischen Erzieher und zu Erziehendem herstellt, sondern diese beiden an
der Wahrheit und an der Liebe teilhaben läßt, dem Endziel, zu dem jeder
Mensch von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist berufen ist.
Die Elternschaft setzt die Koexistenz und
Interaktion autonomer, selbständiger Subjekte voraus. Das wird in höchstem
Maße an der Mutter offenkundig, wenn sie ein neues menschliches Wesen
empfängt. Die ersten Monate seiner Gegenwart im Mutterschoß schaffen eine
besondere Bindung, die bereits jetzt einen erzieherischen Wert annimmt.
Die Mutter baut bereits in der vorgeburtlichen Phase nicht nur den
Organismus des Kindes, sondern indirekt seine ganze Menschlichkeit auf.
Auch wenn es sich um einen Prozeß handelt, der sich von der Mutter auf das
Kind richtet, darf der besondere Einfluß, den das Ungeborene auf die
Mutter ausübt, nicht vergessen werden. An diesem wechselseitigen Einfluß,
der draußen nach der Geburt des Kindes offenbar werden wird, nimmt der
Vater nicht direkt teil. Er soll sich jedoch verantwortlich darum bemühen,
während der Schwangerschaft und, wenn möglich, auch bei der Niederkunft
seine Aufmerksamkeit und seinen Beistand anzubieten.
Für die "Zivilisation der Liebe" kommt es
wesentlich darauf an, daß der Mann die Mutterschaft der Frau, seiner
Ehefrau, als Geschenk empfindet: denn dies wirkt sich außerordentlich auf
den gesamten Erziehungsprozeß aus. Es hängt viel von der Bereitschaft ab,
in richtiger Weise an dieser ersten Phase des Geschenks des Menschseins
teilzunehmen und sich als Ehemann und Vater in die Mutterschaft der Frau
hineinversetzen zu lassen.
Die Erziehung ist in dem Augenblick vor
allem eine "Beschenkung" mit Menschlichkeit seitens beider Elternteile.
Sie vermitteln gemeinsam ihre reife Menschlichkeit an das Neugeborene, das
seinerseits ihnen die Neuheit und Frische der Menschlichkeit schenkt, die
es in die Welt mitbringt. Das geschieht auch im Fall von Kindern, die von
geistigen und körperlichen Behinderungen gezeichnet sind: ja, in diesem
Fall kann ihre Situation eine ganz besondere erzieherische Kraft
entfalten.
Mit Recht richtet daher die Kirche bei der
Brautmesse an das Brautpaar die Frage: "Seid ihr bereit, die Kinder, die
Gott euch schenken will, anzunehmen und sie im Geiste Christi und seiner
Kirche zu erziehen?"
39 Die
eheliche Liebe drückt sich in der Erziehung als wahre Elternliebe aus. Die
"Personengemeinschaft", die am Beginn der Familie als eheliche Liebe zum
Ausdruck kommt, vervollständigt und vervollkommnet sich mit der Erziehung,
die auf die Kinder ausgeweitet wird. Der potentielle Reichtum, den jeder
Mensch darstellt, der in der Familie geboren wird und heranwächst, wird
verantwortlich angenommen, so daß er nicht entartet und verlorengeht,
sondern sich im Gegenteil in einer immer reiferen Menschlichkeit
verwirklicht. Auch das ist ein wechselseitiger dynamischer Prozeß, in
welchem die Eltern als Erzieher ihrerseits gewissermaßen erzogen werden.
Als Lehrer ihrer Kinder in Menschlichkeit lernen sie auch von ihnen. Hier
wird die organische Struktur der Familie deutlich sichtbar, und es
offenbart sich die Grundbedeutung des vierten Gebotes.
Das "Wir" der Eltern, des Ehemannes und der
Ehefrau, entfaltet sich durch die Erziehung im "Wir" der Familie, die sich
in die voraufgehenden Generationen einfügt, aber offen ist für eine
schrittweise und fortschreitende Erweiterung. Eine besondere Rolle spielen
in diesem Zusammenhang einerseits die Eltern der Eltern und andererseits
die Kindeskinder.
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