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”Zeit zur Aussaat" Missionarisch Kirche sein
Die deutschen Bischöfe
26. November 2000
Herausgeber:
Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz
Kaiserstraße 163, 53113 Bonn
Inhalt
0. Zum Geleit 5
I. Die Welt, in der wir
leben 7
Wegmarkierungen
8
Die Botschaft vom
Leben 10
II. Die Hand, die aussät –
missionarische Spiritualität 11
Demütiges
Selbstbewusstsein 13
Gelassenheit
14
Gebet 15
III. Wie die Saat
aufgeht – Wege missionarischer Verkündigung 15
1. Zeugnis des Lebens
16
2. Zeugnis des Wortes
17
Bereitschaft zum
Zeugnis 18
Auskunftsfähigkeit 19
Sprachfähigkeit
19
Orte der
Verkündigung 20
Katechese und
Religionsunterricht 21
Medien, eine
unverzichtbare Hilfe 21
3. Zustimmung des
Herzens 23
Es geht um das
Leben der Menschen 23
Gewinnung der
Herzen ist Gottes Werk 24
4. Eintritt in eine
Gemeinschaft von Gläubigen 24
Biotope des
Glaubens 25
Sakramente und
Sendung 26
Lebensräume für
Menschen auf der Suche nach Sinn 26
5. Beteiligung am
Apostolat – selbst in die Sendung eintreten 29
Die Welt in Gott
gestalten und verändern 29
Dienst an
Hilfsbedürftigen 30
Eine Brücke vom
Evangelium zur Kultur 31
Sendung der Orden
32
Auch für andere
den Glaubensweg gehen 32
Rückblick und Ausblick
33
Brief eines Bischofs aus
den neuen Bundesländern über den Missionsauftrag der Kirche für
Deutschland 35
Abkürzungen 43
Zum Geleit
Ein Grundwort kirchlichen Lebens kehrt zurück: Mission.
Lange Zeit verdrängt, vielleicht sogar verdächtigt, oftmals verschwiegen,
gewinnt es neu an Bedeutung. In vielfachen Wortverknüpfungen zeigt es sich
im pastoralen und theologischen Gespräch, so z.B.: Mission und
Evangelisierung, missionarische Pastoral und missionarische Verkündigung,
das missionarische Zeugnis der Kirche.
Dem hier vorliegenden Text ist das Leitwort ”Zeit zur
Aussaat. Missionarisch Kirche sein’’ beigegeben worden. 25 Jahre nach dem
Schreiben von Papst Paul VI. ”Evangelii Nuntiandi”, das in seiner
Aktualität kaum etwas eingebüßt hat, entdecken die Christen in unserem
Land neu, wie grundlegend dieser nachkonziliare Text für das Leben der
Kirche ist. Zum Zeugnis des Lebens muss das Wort des Lebens hinzukommen.
Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hat im Dekret über das Apostolat
der Laien auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Es macht darauf aufmerksam,
dass ”nicht nur im Zeugnis des Lebens”, sondern gleichermaßen auch im
Zeugnis des Wortes das Apostolat seine Kraft entfaltet (vgl. Artikel 6).
Große Texte brauchen ihre Zeit. Wenn nicht alles
täuscht, drängen die vom Konzil formulierten Gedanken immer noch und immer
wieder anfragend und richtunggebend in die pastoraltheologischen
Überlegungen unseres Landes ein. Der Impuls, den das nachkonziliare
Schreiben ”Evangelii Nuntiandi” gegeben hat, wird aufgenommen und
praktiziert.
Drei Beobachtungen drängen sich auf:
1. Missionarisch Kirche sein heißt immer auch,
Bereitschaft zum missionarischen Zeugnis einzubringen. Dies gilt für
jeden, der getauft und gefirmt ist, und es gilt an allen Orten, an denen
Frauen und Männer als Christen leben. Wie das gemeinsame Priestertum der
Getauften alle zum Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft befähigt
(Communio), so sind auch alle in die Sendung (Missio) und damit zum
missionarischen Zeugnis gerufen. Dazu gibt der hier vorliegende Text viele
Hinweise und Anregungen und will helfen, die Auskunftsfähigkeit über das,
was unsere Hoffnung trägt, zu stärken (vgl. 1 Petr 3,15).
2. Zum missionarischen Kirchesein gehört ganz
sicher der Mut zum eigenen, unverwechselbaren Profil. Christliches
Leben gewinnt darin eine befreiende Kraft, die es befähigt zur
Solidarität. Ohne ein Minimum an Bereitschaft, widerständig und anders zu
sein gegen übliche Plausibilitäten, kann es schwerlich christlichen
Glauben geben. Ein unverwechselbares Profil des Christseins führt auch
immer zu den Fragen, die das Zeugnis des Wortes provozieren.
3. Missionarisch Kirche sein bedeutet nicht, eine
zusätzliche kirchliche Aktivität zu entfalten. Communio und Missio,
Gemeinschaft und Sendung, sind immer die zwei Seiten ein und derselben
Medaille. Alle kirchlichen Aktivitäten sind vor dem Hintergrund der
missionarischen Dimension der Kirche zu verstehen und daraufhin zu
stärken. Dies gilt für die Gemeinden wie für die Verbände, es gilt für die
geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften. Diesen Prozess will der
vorliegende Text unterstützen.
Neu ist sicher, dass dem Wort der Bischöfe der Brief
”Brief eines Bischofs aus den neuen Bundesländern über den Missionsauftrag
der Kirche für Deutschland” beigefügt ist. Der Bischof von Erfurt, Joachim
Wanke, ist Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen
Bischofskonferenz und ermutigt aus einer ganz besonderen Erfahrung
Christen hierzulande, ihre Berufung zum missionarischen Kirchesein und zum
missionarischen Zeugnis anzunehmen. Was in den neuen Bundesländern heute
Realität ist, Christsein als Minderheit, wird morgen auch die kirchliche
Realität in den anderen Regionen unseres Landes beeinflussen. Eine
nüchterne Analyse und den Mut, voraussehbare Entwicklungen anzuschauen,
dazu ermutigt der Text ”Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein”. Er
möchte einen Beitrag leisten zur Überwindung resignativer Strömungen und
erlebter Mutlosigkeit vor der Größe der Herausforderungen. Ich danke der
Pastoralkommission und besonders ihrem Vorsitzenden, Bischof Joachim
Wanke, für die Vorlage dieser Ausarbeitung, die die Deutsche
Bischofskonferenz sich gerne zu eigen gemacht hat. Sie füllt eine wichtige
Lücke. So hoffe ich, dass sie überall auf ein gutes Echo stößt.
Bonn/Mainz, 26. November 2000, Christkönigsfest
Bischof Karl Lehmann
Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz
I. Die Welt, in der wir leben
Wir leben in einer spannungsgeladenen Zeit, die voller
Widersprüche ist. Technik, Medizin und Wirtschaft lassen uns etwas von den
Möglichkeiten wahrnehmen, die sich heute den Menschen auftun. Die
realistische Sicht auf unsere Erde zeigt aber auch die Zerrissenheit und
die Kriege der Völker, ihr Elend und ihren Hunger. Auch die Länder Europas
stehen vor der Herausforderung, stabile Friedensordnungen und
wirtschaftliches Wohlergehen für die Zukunft zu sichern. In Deutschland
spüren wir Christen nicht zuletzt nach der wiedererlangten Einheit unseres
Landes eine weitere Herausforderung durch die vielen Menschen, die für
ihren Lebensentwurf den Glauben an Gott nicht als notwendig erachten.
Vielleicht ist ihnen noch nie Gottes Wort verkündet worden oder jedenfalls
nicht so, dass sie es zu hören vermochten. Die Christen im östlichen Teil
unseres Landes sind in einer deutlichen Minderheit und in den letzten
Jahrzehnten massiv bedrängt worden. Für manche ist es wie das Aufwachen
aus einem bösen, schweren Traum. Da heißt es zunächst einmal, sich
umzuschauen und die Welt und die Gesellschaft, in der man lebt, neu
wahrzunehmen.
Aber auch in den Regionen unseres Landes, in denen sich
der Glaube frei entfalten konnte, tun sich immer mehr Menschen schwer, die
Spuren Gottes in der Welt zu lesen. Ihnen scheint die Deutung des Lebens
ohne Gott realistischer und lebensnaher. Das Verlangen nach Trost im
Alltag, wenn Sinnkrisen das Leben erfassen, stillen sie zunehmend
außerhalb eines Gottesglaubens, wie ihn das in unserer Kultur beheimatete
Christentum anbietet. Dazu passen Beobachtungen, dass Themen, die mit
Glaube und Kirche zu tun haben, immer weniger öffentliches Interesse
finden. Solche Fragen, besonders die Gottesfrage, müssen vielfach erst neu
zum Thema gemacht werden.
Gleichzeitig ist zwar ein Bedürfnis nach Religion
vorhanden, doch es verdunkelt sich das Bild Gottes. Wir treffen immer
häufiger auf Menschen, die nicht nur in einem ausdrücklichen oder
praktischen, sondern auch in einem ”religionsförmigen Atheismus” leben.
Der Mensch bejaht zwar Religion, aber als eine Fähigkeit, die der Mensch
von sich aus, gleichsam selbstmächtig entwickelt. Diese Weise religiösen
Bewusstseins vermag den Menschen zu faszinieren und ihn trotz allen
technischen und wissenschaftlichen Fortschritts zu ”verzaubern”. Er
befriedigt seine Sinnsuche damit, geheimnisvollen Energien, Kräften und
Mächten in der Welt, im Kosmos oder im Innersten des Menschen
nachzuspüren.
Die Christen haben Anteil an diesen Prozessen. Sie
stehen in diesen Wandlungen, werden von ihnen erfasst und herausgefordert,
Menschen auf der Suche nach ”sinnvollen” Antworten in dieser Welt, Gottes
barmherziges Handeln in Jesus Christus glaubwürdig zu verkünden. Wie aber
kann der Weg markiert werden, den Christen in unserer Zeit gehen können,
und wie können sie andere zur ”Weg-Gemeinschaft” im christlichen
Gottesglauben einladen? Eine grundlegende Voraussetzung besteht darin,
dass Christen selbst neu ”lernen”, Jesus Christus als den Weg, die
Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6) anzunehmen. Glaubenserneuerung und
Glaubensvertiefung sind notwendig, um andere auf dem Glaubensweg begleiten
zu können.
Wegmarkierungen
Das Bedürfnis nach Religion ist vielgestaltig und
mancherlei Wandlungen unterworfen. Es gehört zum Menschen und ist in sein
Innerstes eingestiftet. Wir können beobachten, dass viele Menschen sich
durchaus religiös orientieren wollen und in den vielfältigen Angeboten
einer sich rasch wandelnden Gesellschaft ihr Religions-bedürfnis sättigen.
Freilich, immer weniger halten sich die Einzelnen an vorgegebene Muster.
Sie entwerfen ihr Leben selbst. Die sogenannten ”Patchwork-Biografien”
haben ihr Gegenstück in den selbst ”gebastelten” Religionen, die aus ganz
unterschiedlichen Elementen wie bei einem
Flickenteppich zusammengefügt werden. Der religiöse Glaube, in welcher
Weise auch immer, wird als eine ausschließlich private Angelegenheit
betrachtet. Umso mehr liegt es an den Christen, die Spuren von Gottes
Gegenwart in ihrem Leben und in der Welt aufzuspüren und die Mitmenschen
darauf hinzuweisen.
In den christlichen Kirchen wächst die Überzeugung,
dass es derzeit eine neue Herausforderung zu missionarischer Verkündigung
gibt. Wenn auch diesbezüglich manchmal Selbstzweifel und Resignation
Einzelne und Gemeinden erfassen, so zeigt sich doch auch immer stärker,
dass die missionarische Verkündigung des Reiches Gottes den Christen
hilft, ihre eigene Situation mit ihren Licht- und Schattenseiten
anzunehmen und in den Sendungsauftrag Jesu einzubetten. Veränderungen in
unserem Leben gehören zum Wesen des Mensch-Seins. Sie sind Teil unserer
Geschichte und fordern Christen heraus, ihre eigenen, vielleicht manchmal
schon erstarrten Formen des Glaubens neu zu befragen und nach zeitgemäßen
Antworten zu suchen.
Das ist eine Erfahrung, die auch die ersten Christen
gemacht haben. Sie sahen sich einer Welt gegenüber, der die Botschaft des
Evangeliums ebenfalls schwer verständlich war. Dennoch gelang es ihnen,
die heidnische Welt mit dem Sauerteig der Frohen Botschaft zu durchsäuern.
In ihrer
Begeisterung für die Botschaft Christi fanden sie Wege
zu den Herzen suchender Menschen. Und diese suchenden Menschen gibt es
auch heute. Ungeachtet der vielen angenehmen Seiten des Lebens macht sich
deutlich auch eine gewisse Ratlosigkeit breit. Es scheint, dass eine neue
Nachdenklichkeit in der Gesellschaft einkehrt. Angesichts der Bedrohtheit
des Lebens und Überlebens stehen wir neuen Ängsten gegenüber. Menschen
fragen besorgt, wie kann und wie wird es mit der Welt und den Menschen
weiter gehen? Das ist ein Ansatzpunkt, auf eine größere Dimension des
menschlichen Lebens hinzuweisen. Doch noch wichtiger scheint die folgende
Beobachtung:
Das missionarische Zeugnis der Kirche insgesamt und des
einzelnen Christen wird durch eine Entwicklung begünstigt, die auf den
ersten Blick für missionarische Pastoral belastend erscheint. Inmitten
einer pluralen, vieles nivellierenden und ”gleich-gültig” machenden
Gesellschaft findet das profilierte Zeugnis einer Minderheit durchaus neue
Aufmerksamkeit. Je mehr ”alle Katzen grau sind”, desto interessanter wird
das ”Unterscheidende”! Ein profilierter Lebensentwurf, eine dem Zeitgeist
widerständige Haltung, ein aus tiefer und glaubwürdiger Überzeugung
gesetztes Zeichen – all das findet gerade im Zeitalter der
Massenkommunikation vielleicht gerade deshalb Beachtung. Zudem scheint es
ein Urgesetz menschlicher Kommunikation zu sein, dass Personen, zumal
authentisch wirkende Personen (weniger Institutionen, die eher dem
Verdacht ausgesetzt sind ”vereinnahmen” zu wollen!) immer attraktiv sind.
Das bedeutet, dass katholische Kirche sich noch stärker als bisher
”personalisieren” muss, aber nicht nur in ihren Amtsträgern und
”Spitzenvertretern”, sondern in der Breite ihrer Berührungsmöglichkeiten
mit der heutigen Gesellschaft. Der Gedanke des Apostolats der Laien, wie
er vom Konzil entworfen wurde, dass jeder Christ am eigenen Ort in der
Gesellschaft, in Beruf und Familie erkennbar Zeugin und Zeuge des Glaubens
sein kann und sein soll, gewinnt hier brennende Aktualität. Denn die
Kirche lebt in ihren Zeugen. Dabei ist es tröstlich zu wissen: ”Gott war
schon vor dem Missionar da!” Er gibt sich auch heute in vielfacher Weise
zu erkennen. Die unterschiedlichen Räume, in denen Menschen leben, sind
voller Spuren, die auf Gott hinweisen. Sie zu entdecken und mit der
Botschaft des Evangeliums zu verbinden, ist Aufgabe einer zeitgemäßen
christlichen Verkündigung (vgl. dazu Teil III, 2).
Die Botschaft vom Leben
Im Neuen Testament findet sich ein Gleichnis aus der
bäuerlichen Welt, in der wir so nicht mehr leben. Es ist das Bild vom
Sämann (vgl. Mk 4,3-9). Dieses Bild, das aus einer für viele fremden Welt
kommt, hat nichts von seiner Faszination und Eindringlichkeit eingebüßt.
Es ist das Bild vom Wachsen und Reifen des Gottesreiches. Das Gleichnis
Jesu erzählt von einem Sämann, der großzügig und vertrauensvoll seinen
Samen auf den Acker wirft, wohl wissend, dass nicht alles auf fruchtbaren
Boden fällt. Manche Körner verlieren sich auf dem Weg und werden
zertreten. Andere geraten auf felsigen Grund und können keine Wurzeln
treiben, wieder andere ersticken unter Disteln und Dornen. Doch ungeachtet
solcher Ausfälle wagt der Sämann immer neu die Aussaat.
Es ist ein eindringliches Bild. Die Hand des Sämanns greift in den Beutel,
geübt und kraftvoll, scheinbar ohne große Anstrengung wirft er die Körner
über den Acker, wo dann das Wunder des Wachsens und Reifens beginnt. Es
ist dieses Wissen um das Wachsen und Reifen der Frucht, das der Kirche die
Zuversicht vermittelt, im Vertrauen auf Gottes Handeln das Samenkorn der
Botschaft vom Reich Gottes unter die Menschen auszusäen.
Mit dem Bild der Aussaat und des Wachsens beschreibt
das Evangelium das verborgene, aber unaufhaltsame Wachsen des
Gottesreiches. Damit ist zugleich der Weg der Kirche in der Geschichte
beschrieben. Im Glauben an Gottes Verheißung und im Vertrauen auf Jesu
Beistand sieht sie das Reich Gottes wachsen, auch in ihrer weltweiten
Glaubensgemeinschaft, in der sich die Reich-Gottes-Anwärter sammeln. Der
auferstandene Herr hat seinen Jüngern verheißen, dass er mit ihnen
verbunden bleiben wird und sie zur Fülle des Lebens führen will (vgl. Joh
10,10). Aus dieser Sicht sind Gott und sein Reich das Glück und das Heil
für den Menschen. Diesen Kerninhalt christlicher Verkündigung darf und
soll die Kirche den Menschen lebensnah vermitteln. Dabei ist die der
Verkündigung des Evangeliums verheißene ”Fülle” in zwei Richtungen hin
auszulegen: Der Glaube an Gott gibt zum einen Orientierung und Kraft zu
einem sinnerfüllten Leben hier auf Erden. Er zeigt dem Menschen sein
Lebensziel in der bleibenden Gemeinschaft mit Gott über den irdischen Tod
hinaus.
Dieser Gott hat sich in Jesus Christus auf eine Weise
mitgeteilt, die überraschend, aber zutiefst menschenfreundlich ist. Ein
konkretes Menschenleben, das Leben, Leiden und Sterben Jesu von Nazaret,
wird zum ”Modell”, ja zur Wirkursache eines erneuerten Menschseins. Gott
führt den Menschen, der dieses Lebensmodell Jesu zu seinem eigenen macht,
aus aller Selbsttäuschung und Verblendung, vor allem aber aus der
Schuldverhaftung heraus und eröffnet ihm eine neue Lebensperspektive. Er
schenkt ihm eine Existenzerneuerung, die nicht in den eigenen menschlichen
Möglichkeiten ihren Grund hat, sondern in der Verbundenheit der Glaubenden
mit Jesus Christus oder, wie der Apostel Paulus sagen kann, in der
”Angleichung” an ihn (vgl. Röm 6,5). Dazu ”anzustiften” und anzuleiten ist
Aufgabe der Kirche. Sie erfüllt damit den Auftrag Jesu Christi: ”Geht zu
allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!” (Mt 28,19).
Welche Haltung, welche ”Spiritualität” braucht es, um
in der heutigen Zeit diesem Auftrag Jesu zu entsprechen? Im 2. Teil dieses
Schreibens soll das Gleichnis vom Sämann zur Beantwortung dieser Frage
herangezogen werden. Im 3. Teil geht es um die einzelnen Schritte im
Prozess der Evangelisierung, die gleichsam die Grundelemente einer
missionarischen Arbeit der Kirche bilden. In diesem Abschnitt wird das
Apostolische Schreiben ”Evangelii nuntiandi” von Papst Paul VI. unsere
Überlegungen leiten (bes. EN 21-24).
II. Die Hand, die aussät – missionarische Spiritualität
Das biblische Bild vom Sämann steht neben anderen nicht
weniger eindrücklichen Bildern: so dem Gleichnis vom Schatz, der im Acker
verborgen liegt und den es mit dem Einsatz des eigenen Vermögens zu
erwerben gilt (vgl. Mt 13,44). Ebenso finden wir das Bild von der
kostbaren Perle, für die es sich lohnt, alles einzusetzen (vgl. Mt
13,45f). Im Lukas-Evangelium wird uns von einer Frau erzählt, die ihre
Münze wiederfinden will und dazu bereit ist, ihr ganzes Haus ”auf den Kopf
zu stellen” (vgl. Lk 15,8-10). All diesen Bildern ist eines gemeinsam: Es
geht um eine Haltung, die bereit ist, alles einzusetzen, ohne ängstlich
oder halbherzig zu sein. Im Bild vom Sämann wird das besonders deutlich.
Ohne Bedenken wird das Korn ausgesät: Im Vertrauen auf eine gesunde Erde,
die wohlwollende Natur und den Segen von oben, der die Saat wie von selbst
wachsen lässt (vgl. Mk 4,26-29).
Solche Erfahrungen prägen die Haltung der Christen.
Deshalb kann, wer sich von Gott angesprochen weiß, dies nicht für sich
behalten. Jede und jeder Einzelne fühlt sich dann verpflichtet, die Freude
am Glauben mit anderen zu teilen. Es entspricht dieser Erfahrung, dass der
Glaube keine private Angelegenheit allein ist. Vielmehr wird die
Gemeinschaft im Glauben wie im Leben zum Erkennungszeichen der Christen,
von dem uns schon die Apostelgeschichte berichtet: ”Und alle, die gläubig
geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam”
(Apg 2,44). Das Miteinander in der Kirche und der Gemeinden untereinander
ist also weit mehr als ein Miteinander nach der Art eines Sozialverbandes.
Es ist schwesterliche und brüderliche Gemeinschaft, ”Communio”, die
getragen und geprägt ist vom Heiligen Geist.
Christen glauben an den dreifaltigen Gott, der in
seinem Wesen Gemeinschaft ist. Sie wissen sich berufen, diesen ”Gott des
Gesprächs” in die Welt hineinzutragen. In unvorstellbarer Weise hat Gott
sich den Menschen gegenüber großzügig erwiesen. Er ”schenkt” der Welt
seinen Sohn, ohne nach Garantien für das Gelingen seines Heilplanes zu
fragen. Gottes Handeln in Jesus Christus entspricht ganz dem biblischen
Bild von der Aussaat: alles auszusäen, ungeachtet aller Widerstände der
Menschen. Im Lebensbeispiel Jesu Christi verstanden Menschen, dass Gott es
mit ihnen gut meint und sie zu einem Leben aus dem Evangelium beruft.
Christen, die untereinander die Gemeinschaft mit Gott leben, vermögen
deshalb deutlich zu machen, wie der Glaube das Leben verändern kann. Die
Kirche darf der Raum sein, in dem das geheimnisvolle Wachsen der Saat, des
Wortes Gottes, für die Menschen sichtbar wird.
Selbstverständlich wissen die Christen, dass sie
unvollkommen und sündhaft sind und dass manches ausgesäte Korn durch
schuldhaftes Handeln auf harten Boden oder unter Dornen fällt. Papst
Johannes Paul II. hat in seinem Schuldbekenntnis zum Heiligen Jahr 2000
viele dieser Realitäten zur Sprache gebracht. Wiewohl diese schmerzlichen
Erfahrungen manchmal Mutlosigkeit auslösen, bekennen wir doch die eine,
heilige, katholische und apostolische Kirche. Indem Christen das
Glaubensbekenntnis sprechen, bekennen sie die Kirche als Gemeinschaft
einer Glaubensüberlieferung, die Christen aller Zeiten und aller Völker
trägt, die Generationen, Kontinente und Kulturen zu verbinden vermag. Nach
der Aussage des II. Vatikanischen Konzils soll die Kirche ”Zeichen und
Werkzeug für die innigste Gemeinschaft der Menschen mit Gott und
untereinander” sein (LG 1). Mag auch die Scham über das eigene Versagen
Christen belasten, so lautet der missionarische Auftrag Jesu, großzügig
das Wort Gottes gegen alle äußeren und inneren Widerstände in der Welt
”auszusäen”.
Demütiges Selbstbewusstsein
Was aber bedeutet diese Berufung zur ”Aussaat” heute?
Wie ist der Glaube weiterzusagen, um Menschen für die Nachfolge Jesu zu
gewinnen? Wie und wo findet das Evangelium in einer Gesellschaft, die
manchmal durch die Überfülle von Angeboten und Bedürfnissen, Gütern und
Wünschen geprägt ist, den guten Boden, um zu wachsen, zu reifen und Frucht
zu bringen (vgl. Mk 4,1-20)? Bleiben denn in dieser ständig sich
verändernden Welt noch Raum und Zeit für ”das eine Notwendige” (vgl. Lk
10,42), für den ”Schatz im Acker” und die ”kostbare Perle”?
Papst Paul VI. betont in ”Evangelii nuntiandi” die
Notwendigkeit einer neuen Evangelisierung des ursprünglich christlich
geprägten Abendlandes. Durch diese neue Evangelisierung will die Kirche
nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen oder Mission als Indoktrination
und Vereinnahmung betreiben. Sie will Menschen, die bereits Christen sind,
auf eine neue Art ansprechen und so ein persönliches, überzeugendes
Glaubensleben fördern. Es geht aber auch um Menschen, die zum ersten Mal
dem Evangelium begegnen. Die Aufforderung Papst Pauls VI. spricht von
einer neuen Evangelisierung in den Ländern mit christlicher Geschichte.
Dort finden sich eigene Anknüpfungspunkte für einen solchen
missionarischen Auftrag. Diesen stehen manchmal weniger gute Erfahrungen
mit der Kirche entgegen. Die Verkündigung wird die Menschen nur dann
erreichen, wenn sie in den Zeugen des Glaubens ein deutliches Bemühen
wahrnehmen können, dem Wort des Evangeliums im eigenen Leben zu
entsprechen. Wenn die Christen sich auch immer wieder von Sünde und Schuld
belastet wissen und mancher Widerspruch zum Evangelium in ihrem Leben
deutlich wird, so wird ihr Wort, wenn es denn mit demütigem
Selbstbewusstsein gesprochen ist, dem Samen aus der Erzählung des
Evangeliums gleichen, der auf gutem Boden kraftvoll wächst.
Angesichts vielfältiger Möglichkeiten und Angebote, dem
eigenen Leben Sinn zu geben, werden Christen gefragt: ”Was bringt mir der
Glaube?” Vermögen die Religion und der Glaube das Leben zu deuten und zu
gestalten? Unsere Antworten, die wir zu geben versuchen, werden geprüft
werden an der Glaubwürdigkeit, mit der unser Leben die ”Aussaat” des
Wortes begleitet. Die Verkündigung des Glaubens ist immer mehr als Predigt
und Katechese, mehr als Wissens- und Kenntnisvermittlung. Sie geschieht in
den unterschiedlichen Räumen des Lebens und sucht den Menschen dort auf,
wo er zu Hause ist. Gott will das Heil aller Menschen und gibt seiner
Kirche den missionarischen Auftrag, die Menschen aufzusuchen und ihnen
mitzuteilen, dass sie von Gott geliebt und in sein Reich berufen sind. In
der Haltung der Großzügigkeit und im Ringen um Glaubwürdigkeit gehört die
Glaubensverkündigung zu den anspruchsvollsten Aufgaben von Kirche und
Gemeinde. Das ist eine Aufgabe, die weit über notwendige organisatorische
Überlegungen hinausreicht. So gesehen kann man Kirche letztlich nicht
organisieren. Sie wächst im Heiligen Geist – oder sie stirbt. Somit sollte
alles kirchliche Handeln geistlich bestimmt sein und ihrem missionarischen
Auftrag entsprechen.
Gelassenheit
Die Gelassenheit des Sämanns im biblischen Gleichnis,
sein Vertrauen in die Kraft des ausgestreuten Samenkorns und schließlich
seine Bereitschaft, sich nicht durch Bedenken oder mangelnde
Erfolgsaussichten vom Werk der Aussaat abbringen zu lassen, weisen auf
eine weitere grundlegende Haltung missionarischer Spiritualität hin.
Vielfach versteht man heute ”Spiritualität” in einer ganz weiten
Bedeutung, als eine religiöse Grundhaltung im Gegensatz zu einer
säkularen. Manche engen den Begriff auf spezielle religiöse Übungen ein,
so z.B. auf Meditation, Gebet und besondere geistliche Handlungen. In
unserem Text soll ”Spiritualität” in einem dritten Sinn gebraucht werden,
nämlich als die Summe allen Bemühens um eine lebendige Beziehung zu Gott,
aus der eine Grundhaltung im Alltagsleben erwächst.
Die Ruhe und Gelassenheit in aller Widersprüchlichkeit
des Lebens wird zu einer Grundhaltung, die die Christen dazu befähigt, in
kritische Distanz zu allem zu treten, was man gemeinhin glaubt und lebt,
was aber eine breitere und tiefere Sicht des Lebens zu behindern droht.
Die Gelassenheit prägt auch die Souveränität des Sämanns, der aussät ohne
Erfolg oder Misserfolg, Ernte oder Missernte vorauszuwissen. Das Wachsen
und Gedeihen besorgt Gott selbst. Wer sich von diesem Geist der
Gelassenheit beseelen lässt, wird deshalb auch nicht durch Misserfolge
entmutigt werden.
So verstanden hat ”Spiritualität” mit dem Leben aus dem
Bewusstsein heraus zu tun, dass Gottes Geist den Boden für die
Verkündigung bereitet und den Reifungsprozess des Wortes bewirkt. Deshalb
braucht eine ”Spiritualität” der missionarischen Verkündigung auch Zeiten
der Ruhe, die nicht ausgefüllt sind mit irgendwelchen Aktivitäten. Auf
diese Weise vermag der Mensch hellhörig zu werden für das, was Gott hat
ausrichten lassen. Diese Art der ”Spiritualität” ist auf den Dialog hin
angelegt. Sie lässt sich von der Botschaft Jesu ansprechen und erwägt
betend seine Heilstaten. Indem der Mensch den Alltag immer wieder
unterbricht, gewinnt er Abstand gegenüber dem, was ihn zu vereinnahmen
droht.
Doch darf dabei die kritische Distanz nicht zu einer
Realitätsferne entarten. Eine Frömmigkeit, die die Tatsachen nicht mehr
wahrnimmt, befördert die Sendung Jesu Christi nicht. Der christliche
Glaube will die Grundhaltung des Lebens befruchten, wobei er selber durch
das konkrete Leben immer wieder auf seine Tragfähigkeit hin getestet wird.
Fällt beides auseinander, gerät der Glaube in die Gefahr, zur Ideologie zu
werden, und das Leben selbst wird glaubenslos.
Gebet
Wir werden fragen müssen, wie die Saat aufgeht und wie
die Wege missionarischer Verkündigung zu gehen sind. Die Haltungen, in
denen dieser Weg beschritten werden muss, brauchen eine Quelle, aus der
sie sich speisen können. Diese Quelle ist das Gebet. Wenn Menschen sich an
Gott wenden, dann geschieht das immer nach der gleichen Grundform: Sie
hören, was ihnen von Gott gesagt wird, und drücken dann ihre eigenen
Empfindungen in Lob und Dank, Klage und Bitte aus. Besondere Bedeutung hat
für Christen das gemeinsame Gebet entsprechend dem Wort Jesu: ”Wo zwei
oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen”
(Mt 18,20). Dieses gemeinsame Hintreten vor Gott ist Gottesdienst, der in
der Eucharistiefeier seine Mitte und seinen Höhepunkt hat. Aus der Kraft
dieser Feier, wo all das, was Christus erlösend geschenkt hat, gegenwärtig
und wirksam wird, bildet sich die Gemeinschaft der Glaubenden. Dann kann
es geschehen, dass Menschen zum Zeichen und Werkzeug des Heils werden
(vgl. LG 1). Innerlichkeit und Öffnung zum Nächsten, Sammlung und Sendung
schließen einander nicht aus, sondern ein.
III. Wie die Saat aufgeht – Wege missionarischer
Verkündigung
In ”Evangelii nuntiandi” werden die verschiedenen
Stufen beschrieben, in denen ein erwachsener Mensch als Christ heranreift.
Das ist für die Kirche in Deutschland ungewohnt, weil in unserem Land nach
wie vor die Kindertaufe vorherrschend ist. Es zeigt sich aber auch immer
deutlicher, dass erwachsene Christen, von der Botschaft des Glaubens
berührt, Wege zum Christwerden suchen. In diesem Zusammenhang werden wir
im ”Allgemeinen Direktorium für die Katechese” darauf aufmerksam gemacht,
dass ”das Modell jeder Katechese ... der Taufkatechumenat” ist, der Weg
also , auf dem Erwachsene zum Glauben und zur Taufe finden (AKD 59).
In ”Evangelii nuntiandi” werden Schritte für eine
Evangelisierung angezeigt. Es sind dies das Zeugnis des Lebens und des
Wortes, die Zustimmung des Herzens, der Eintritt in die Gemeinschaft der
Glaubenden und die Feier der Sakramente sowie das Apostolat des Glaubens.
Wir werden uns in den folgenden Überlegungen an dieser
Schrittfolge orientieren. Dabei geht es nicht nur um eine bloße Abfolge
von Schritten, sondern ebenso um die Elemente, die immer mitgegeben sind,
wenn das Evangelium verkündet wird und Menschen zum Glauben finden. Das
Zeugnis des Wortes, das zur Zustimmung des Herzens und damit zur
Glaubenszustimmung führt, vermag seine Kraft nur zu entfalten, wenn es vom
Zeugnis des Lebens mitgetragen wird. Der Glaube, der zum Eintritt in die
Gemeinschaft der Glaubenden und zum Empfang der Sakramente führt, findet
seine Gestalt im Zeugnis des Wortes, in einer missionarischen
Verkündigung, die dem Apostolat des Glaubens entspricht.
Die ”Stufen auf dem Glaubensweg” durchdringen sich also
und stehen in enger Beziehung zueinander. Wir können das besonders am
Bekehrungsweg der Heiligen erkennen.
1. Zeugnis des Lebens
In den Begegnungen und Beziehungen der Menschen
untereinander ist das gelebte Zeugnis immer eindrucksvoll. Wenn Menschen
aus dem Glauben leben und dadurch erkennen lassen, wie ernst der Glaube im
Leben genommen wird, dann weckt dieses ”Zeugnis ohne Worte” den Wunsch,
mehr von diesem Glauben erfahren zu dürfen. Dabei werden zentrale Fragen
gestellt: ”Warum verhalten sich Christen so? Warum leben sie auf diese
Weise? Was – oder wer – ist es, von dem sie beseelt sind?” Es ist eine
”stille, aber sehr kraftvolle und wirksame Verkündigung der Frohbotschaft”
zu der ”alle Christen aufgerufen” sind (EN 21). Denn der erste Schritt zum
Christwerden gründet in einer Erfahrung, Menschen kennen gelernt zu haben,
die als überzeugte Christen leben.
Die Kirche sucht, in dem was sie tut und wie sie sich
darstellt, ihr Leben aus dem Glauben zu bezeugen. Das drückt sich
besonders durch das Zeugnis der Nächstenliebe aus, wie wir es in
persönlicher und amtlicher Caritas wahrnehmen dürfen, in der Sorge für
Arme, Kranke, Alte, Alleinstehende und Fremde, durch Hausbesuche von Laien
und Priestern. Dabei wird das Zeugnis des Lebens durch Haltungen
verdeutlicht, aus denen Christen leben. Ehrfurcht und Staunen,
Selbstbegrenzung und Maß, Mitleid und Fürsorge, Gerechtigkeit und
Solidarität sollen hier beispielhaft benannt sein. An der Weise also, wie
Christen miteinander umgehen, sich Menschen öffnen, vermögen andere sie
als Christen zu erkennen und dem Inhalt der christlichen Botschaft Glauben
zu schenken.
Das Christentum hat die Umgangsformen in unserem
gesellschaftlichen Umfeld nicht unerheblich mitgeprägt. Selbst dort, wo
der Glaube nicht mehr bewusst gelebt wird, vermag man noch die
christlichen Lebensprägungen auszumachen. Es ist dies eine indirekte
Verkündigung:
– durch die Art, wie Christen Menschen wahrnehmen und
Kontakte pflegen,
– durch entgegenkommende Umgangsformen,
– durch kulturelles und sozialcaritatives Engagement,
– durch die Bereitschaft, das öffentlichen Leben
mitzugestalten,
– durch christliche Gastfreundschaft.
Besonders die Haltung und Offenheit der
Gastfreundschaft gehören zu den starken Zeichen des Lebens. Ein
Kirchenlehrer im 3. Jahrhundert nach Christus wurde gefragt, wie jemand
Christ werden könne, und er erwiderte: ”Ich nehme ihn ein Jahr als Gast in
mein Haus auf.” Die freundliche Aufnahme in unseren Gemeinden,
Bildungshäusern und in vielen anderen kirchlichen Einrichtungen kann
Besuchern und Besucherinnen Mut machen, nach dem Grund der Hoffnung zu
fragen, die die Christen beseelt (vgl. 1 Petr 3,15). Verkündigung
geschieht also wie von selbst, wenn Menschen nach dem Evangelium leben und
handeln.
2. Zeugnis des Wortes
Wenn andere von unserem ”Zeugnis des Lebens” angerührt
sind, dann dürfen wir ihnen das ”Zeugnis des Wortes” nicht vorenthalten.
Dabei ist zu bedenken, dass es gerade im religiösen Bereich so etwas wie
eine natürliche Zurückhaltung im Sprechen, eine Art sprachlicher
Feinfühligkeit gibt und geben muss, die es zu respektieren gilt. Der
Gottesglaube gehört zu den intimsten Dingen des menschlichen Lebens.
Deshalb müssen wir Formen und Räume finden und gestalten, in denen
einerseits diese Intimität des Religiösen nicht verletzt, aber
andererseits doch auch das ”Wort des Lebens” dem ”Zeugnis des Lebens”
erklärend und deutend hinzugefügt werden kann. Die Aufgabe einer neuen
Evangelisierung, in der die Menschen eingeladen werden, ihr Leben nach dem
Evangelium zu ge-
stalten, bedarf auch der Rechenschaft über den eigenen
Glauben. ”Es gibt keine wirksame Verkündigung, keine wirkliche
Evangelisierung, wenn nicht auch der Name und die Lehre, das Leben und die
Verheißung, das Reich und das Geheimnis von Jesus von Nazaret, des Sohnes
Gottes, ausdrücklich verkündet wird” (EN 22). Vor seinen Anklägern bekennt
deshalb der Apostel Petrus, dass den Menschen kein anderer Name unter dem
Himmel gegeben wurde, durch den sie gerettet werden können, außer dem
Namen Jesu Christi (vgl. Apg 4,12).
Bereitschaft zum Zeugnis
Vielen Christen fällt es schwer, mit dem eigenen Wort
zeugnishaft für den Glauben einzustehen. Es gibt eine verbreitete Scheu,
religiöse Themen offen anzusprechen oder sich als religiös zu bekennen. Es
scheint fast ein Tabu zu sein, das zu verletzen man sich außer Stande
sieht. In der Vergangenheit waren Worte wie ”Mission’ und
‘Evangelisierung” häufig negativ besetzt. Mit ihnen verband man
Erfahrungen der Intoleranz und des aufdringlichen Bekehrungseifers. In der
theologischen Diskussion wurde das Wort von der neuen Evangelisierung auch
als ”Re-Christianisierung” oder ”Re-Katholisierung” missverstanden, so als
ginge es darum, zu einer vergangenen Gestalt des Glaubens zurückzukehren.
Darüber hinaus fühlen sich manche auch damit überfordert, den eigenen
Glauben anderen gegenüber ins Wort zu bringen, weil sie es sich nicht
zutrauen, ”das Zeugnis des Wortes” angemessen weiterzugeben. Wir bedürfen
also einer wirklichen Ermutigung zum missionarischen Zeugnis und werden
diese nur in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche finden. Wenn die Zeichen
der Zeit nicht trügen, dann dürfen wir hoffen, dass in den christlichen
Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eine starke Bereitschaft wächst,
sich mit dem ”Zeugnis des Wortes” in das Ringen und Suchen der Menschen
einzubringen.
Auskunftsfähigkeit
Im Neuen Testament werden wir aufgefordert, stets
bereit zu sein, einem jeden Rede und Antwort zu stehen, der nach der
Hoffnung fragt, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Wir werden ermutigt,
Auskunft zu geben und werden damit auch angefragt, ob wir auskunftsfähig
sind. Was unser eigenes Leben aus dem Glauben trägt und erfüllt, was wir
aus dem Glauben heraus an Stärke und Zuversicht erfahren, darüber dürfen
wir nicht schweigen. Wie könnten wir das, was uns leben lässt, mit anderen
nicht teilen? Die Fragen, die sich allem ehrlichen Suchen nach Wahrheit
immer wieder aufdrängen, sind sehr alte Fragen, die in jeder Zeit nach
neuen Antworten rufen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was gibt im
Leben Grund, Halt und Richtung? Eine neue Evangelisierung in unserem Land
wird auskunftsfähig auf diese Fragen hin sein müssen, damit das ”Zeugnis
des Wortes” zu einer glaubwürdigen Antwort werden kann.
Sprachfähigkeit
Auskunftsbereitschaft setzt Sprachfähigkeit voraus. In
besonderer Weise gilt das für die Verkündigung in und durch die Kirche. Es
wird nur das den Menschen erreichen, was überzeugend gesagt wird. Dabei
ist zu beachten, dass heute nicht nur die theologische Fachsprache,
sondern auch einfache, einst allgemein geläufige Ausdrücke und Bilder
selbst von vielen Katholiken nur noch schwer verstanden werden. Deshalb
muss das Bemühen dahin gehen, die Verkündigung in Bildern und Vergleichen
zu leisten, die aus der Erfahrungswelt der Zuhörerinnen und Zuhörer
stammen. Dass dabei besonders darauf zu achten ist, nicht in den Bereich
des Trivialen oder Gekünstelten abzugleiten, versteht sich von selbst. Die
Verkündigung braucht – ähnlich der Sprache in Literatur und Dichtung –
einen erfinderischen, klaren und aussagestarken Sprachstil. Insbesondere
bei der Predigt als gestaltender Rede müssen Sprachform und sprachliches
Können dem großen Inhalt der Botschaft angemessen sein.
Die immer wieder von Christen beklagte eigene
Unfähigkeit, ihrem Glauben eine ”Sprachgestalt” zu geben, mag mit ein
Grund dafür sein, dass der missionarische Auftrag der Kirche behindert
wird. Daran kann eine vergangene Praxis ihren Anteil haben, die auf eine
”kirchenamtlich” korrekte Sprache in religiösen Dingen hin angelegt war
und daher weithin dem Amtsträger allein zukam. Angesichts einer Neigung
zum religiösen Subjektivismus und zur Schwärmerei mag die verbreitete
Sprachnot einerseits durchaus verständlich sein. Andererseits muss wohl
angesichts der ”Sprachlosigkeit” vieler Christen – auf Worte, Zeichen und
Tathandlungen bezogen – in der Breite unserer Gemeinden eine neue
religiöse Sprach- und Zeichenkompetenz erworben werden.
In allen Schwierigkeiten, den Glauben zu bezeugen und
weiterzusagen, machen wir dennoch die Erfahrung, dass dort, wo sachlich
begründet, verantwortet und redlich gesprochen wird, das Evangelium
Interesse weckt. Es geht nicht darum, Menschen zu einer Zustimmung zu
verführen. Menschen lassen sich aber ansprechen, wenn ihnen die Botschaft
des Evangeliums in einer einfachen, lebensnahen Sprache vermittelt wird.
Dazu braucht es Mut, weil diese einfache Sprache uns zwingt, das sachlich
Verantwortbare und das persönlich Gelebte in Beziehung zu setzen.
Orte der Verkündigung
Der wichtigste Ort der Verkündigung ist die
Eucharistiefeier am Sonntag. Auch dann, wenn manchmal die belastende
Erfahrung einer immer leerer werdenden Kirche gemacht werden muss, darf
nicht übersehen werden, wie viele Christen Sonntag für Sonntag den
Gottesdienst besuchen, nicht zuletzt deshalb, weil sie von der Predigt
Impulse für den Alltag erwarten. Für die Seelsorger ist es ein Geschenk
und eine Herausforderung zugleich, das Wort Gottes verkünden zu dürfen.
Die Sonntagspredigt wird sich in der Regel an den Lesungen und an den im
Kirchenjahr gefeierten Festen orientieren. Die Zeit aber, die der Predigt
zukommt, ist im Gottesdienst begrenzt. Es bedarf deshalb ergänzender
Angebote der Glaubensunterweisung und Glaubensvertiefung. Dafür gibt es
ermutigende Erfahrungen, etwa die häufig von jungen Menschen gestalteten
Früh- und Spätschichten, Andachten und Wallfahrten. Nicht zuletzt ist die
Feier des Stundengebets bedeutsam, denn die Liturgie selbst ist ein Ort
von Verkündigung und Glaubensvertiefung.
Wichtig sind auch die vielfältigen Angebote in
Gesprächs- und Arbeitskreisen, Bibelkreisen (”Bibel teilen”),
Glaubenskursen und -seminaren, die u.a. von Gemeinden, Verbänden,
geistlichen Gemeinschaften und von den Bildungswerken veranstaltet werden.
Hier besteht die Möglichkeit zum Dialog, denn Menschen wollen zu Wort
kommen, ihre Fragen und Bedenken anbringen und so den Glauben vertiefen.
Die Familie verstand sich in der frühen Kirche als
Hauskirche (vgl. LG 11), in der über den Glauben gesprochen und gemeinsam
gebetet wurde. Es ist heute nicht einfach, als christlich geprägte Familie
zu leben. Doch die Erfahrungen mit dem Familiengebet als einer
”Hausliturgie”, die an bestimmten Tagen und zu einer festgesetzten Stunde
in einer ganzen Diözese gefeiert wird, verweisen auf die Familie als einen
besonderen Ort der Glaubensverkündigung.
Bedeutsam für viele Menschen sind die Begegnungen mit
der Kirche und ihrer Verkündigung bei besonderen Anlässen, bei der Taufe,
Trauung oder bei Beerdigungen. Die Liturgie und die Predigt finden in
diesen sehr sensiblen Lebensmomenten bei den Menschen einen hohen Grad an
Offenheit.
Katechese und Religionsunterricht
Die Gemeindekatechese ist ein großes geistliches
Geschenk für unsere Pfarreien. Die Katechese ist im Leben der Kirche neben
dem Gottesdienst die wichtigste Form der Verkündigung. Sie will ”ein
lebendiges, ausdrückliches und sich in Taten auswirkendes Bekenntnis des
Glaubens … fördern” (AKD 66). Sie wird vor allem dann wirksam sein, wenn
ihr die Erfahrung einer gelebten Glaubensgemeinschaft vorausgeht. Deshalb
wird die Sakramentenkatechese allein kaum ausreichen, bleibend zu
einem Leben nach dem Evangelium zu ermutigen. Wir
müssen neu nach dem Stellenwert und der Bedeutung einer umfassenden
Erwachsenenkatechese fragen.
In Deutschland hat der schulische Religionsunterricht
eine große Bedeutung. Anders als in einer katechetischen Situation kann im
Religionsunterricht die vorausgehende ”Zustimmung des Herzens” als
tragendes Element nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden. Darin
liegt eine besondere Chance, auch Kinder und Jugendliche ansprechen zu
können, die sonst mit Glaube und Kirche kaum Kontakt haben. Immer mehr
Jugendliche und Erwachsene sind getauft, aber noch nicht voll in die
Kirche eingeführt und sind Adressaten für die ”Erstverkündigung”. Diese
Erstverkündigung bedarf einer nachfolgenden ”Basiskatechese”. Dafür
geeignete Formen, Anlässe und auch Methoden zu suchen und auszugestalten,
wird immer dringlicher.
Medien, eine unverzichtbare Hilfe
Zunehmende Bedeutung für Glaubensinformation und
Verkündigung erhalten die Medien, nicht zuletzt deshalb, weil sie auch
Menschen erreichen, die der Kirche fremd sind. Nach ”Evangelii nuntiandi”
kann die Kirche ”in unserer Zeit, die von den Massenmedien oder sozialen
Kommunikationsmitteln geprägt ist, bei der ersten Bekanntmachung mit dem
Glauben … und bei der weiteren Vertiefung des Glaubens auf diese Mittel
nicht verzichten.” Ja, sie ”würde vor ihrem Herrn schuldig, wenn sie nicht
diese machtvollen Mittel nützte, die der menschliche Verstand immer noch
weiter vervollkommnet” (EN 45).
Medien haben für viele Menschen heute eine umfassende
Orientierungsfunktion. Regelmäßige Sendezeiten im Fernsehen und Hörfunk
gliedern oftmals den Tagesablauf wie einst Gebetszeiten. Manche Sendungen
verbergen kaum ihren pseudoreligiösen Charakter, so dass man heute von
einer ”Medienreligion” spricht.
Eine Berichterstattung, die sich am christlichen
Glauben orientiert, sowie erzählende Formen und Unterhaltungsbeiträge in
Hörfunk und Fernsehen, die vor dem Hintergrund einer gläubigen Einstellung
geschaffen wurden, bewirken oft mehr als ein ausdrücklicher
Verkündigungsbeitrag. Untersuchungen über die sogenannten ”Schwarzen
Serien” – Fernsehreihen, die über den Alltag eines Pfarrers oder einer
Gemeindeschwester berichten – bestätigen dies eindrücklich. Medien können
somit auch als Räume indirekter Verkündigung verstanden werden. Zugleich
sind die religiösen Sendungen der Kirche, (Morgen-)Ansprachen,
Gottesdienstübertragungen u. a. ein unverzichtbarer Bestandteil heutiger
Glaubensverkündigung. Viele Menschen, Gläubige und andere warten täglich
auf sie. Für Alte und Kranke sind sie oft der einzig mögliche
Berührungspunkt mit Glaube und Kirche. Es ist erfreulich, dass auch
Redaktionen der Hörfunk- und Fernsehanstalten auf die Dimension der
ausdrücklichen Glaubensverkündigung als selbstverständlichen Programmteil
nicht verzichten wollen.
Selbst säkulare Zeitschriften, Zeitungen und
elektronische Medien bieten religiöse Information und setzen sich mit
Fragen von Religion und Kirche auseinander. Doch ungeachtet vielfacher
Konkurrenz durch die neuen Medien bleibt das Buch für die religiöse
Bildung und geistliche Anregung unverzichtbar.
Eine besondere Herausforderung stellt das Internet dar.
Wir wissen, dass vornehmlich junge Menschen darin eine Möglichkeit sehen,
sich kommunikativ weltweit zu vernetzen. In der Wahrnehmung der Bedeutung
dieses Mediums stehen wir sicher noch am Anfang. Aber Erfahrungen, z.B.
der Katholischen Glaubensinformation, zeigen, dass die christliche
Botschaft über dieses Medium weit über den Kirchenraum hinaus bekannt
gemacht werden kann.
3. Zustimmung des Herzens
Im Zentrum aller pastoralen Bemühungen steht die Sorge
um Glaubenserneuerung und Glaubensvertiefung als eine Hilfe, dem Gott des
Lebens zu begegnen. Dazu gehört eine persönlich verantwortete, in eigener
Erfahrung verwurzelte Glaubensentscheidung. Das gilt
nicht nur für die Getauften. Die Verkündigung des Evangeliums will alle
Menschen erreichen, jene, denen das Evangelium noch nicht bekannt ist, und
jene, die aus verschiedenen Gründen zögern und die Zustimmung zum Glauben
noch nicht geben. Die Botschaft des Evangeliums will gehört, aufgenommen
und angeeignet werden, sie sucht die Zustimmung der Herzen der Menschen
zur Wahrheit des Glaubens. Das meint sicher ”die Zustimmung zu den
Wahrheiten, die der Herr aus Barmherzigkeit geoffenbart hat”, aber es
meint mehr noch die Zustimmung zum ”Programm eines verwandelten Lebens”
(EN 23). Das Evangelium öffnet für einen neuen Blick auf die Welt, den
Zustand der Gesellschaft, die Lage der Dinge, das Leben und das
Zusammenleben der Menschen. Die Glaubenszustimmung ist Zustimmung zur
Wahrheit und Wirklichkeit des von Gott geschenkten neuen Lebens.
Es geht um das Leben der Menschen
In der Verkündigung des Evangeliums geht es immer um
das Leben des Menschen und um die Wahrheit seines Lebens, von der Geburt
bis zum Tod und über den Tod hinaus. In unserer Zeit nehmen wir eine
abnehmende Kirchlichkeit wahr und werden gleichzeitig Zeugen eines paradox
anmutenden Phänomens wachsender Religiosität. Die Suche nach Religion,
nach Sinn und Lebensdeutung, ist unübersehbar. Vielfach wird von einer
Wiederkehr der Religion oder neuer Religiosität gesprochen. Gerade diese
Beobachtung lädt dazu ein, mutig und unbefangen gegen völlig unbegründete
Berührungsängste das Religiöse wieder in der säkularen Welt zu entdecken
und das Evangelium weiterzusagen.
Das Denken und Empfinden der Menschen unserer Tage wird
manchmal unter den Stichworten ”Verlust von Einheit und Identität” und
”Suche nach Halt und Mitte” beschrieben. Darin zeigen sich Markierungen,
die einer missionarisch orientierten Kirche den Weg weisen. Es ist wohl an
der Zeit, das Wort des Evangeliums allen Menschen guten Willens zu sagen.
Dabei geht es nicht um eine neutrale Darstellung des Glaubens, sondern um
die engagierte Einladung, Jesus Christus als der Mitte unseres Glaubens
die Zustimmung des Herzens zu geben.
Die Einladung zum Glauben klingt vor allem dann
kraftvoll und überzeugend, wenn die Zustimmung der Herzen derer zu spüren
ist, die vom Glauben sprechen. Das Zeugnis des Lebens und des Wortes sowie
die Zustimmung des Herzens, von denen hier die Rede ist, sind zunächst
etwas, was im Leben der Getauften und in der Gemeinde geschehen muss. Die
Verwandlung der Herzen ist eine Voraussetzung, das Evangelium glaubwürdig
zu bezeugen.
Nicht selten sind es die ”Schlüsselereignisse” eines
Lebens, die für neue Erfahrungen empfänglich machen. Das können
Begegnungen mit Personen sein, die aus dem Strom des Lebens herausragen.
Wendepunkte in unserem Leben können Gespräche sein, Höhen und Tiefen,
Gipfelpunkte unseres Lebens und Erfahrungen von Existenznot. Die
Verkündigung des Evangeliums wird die Zustimmung der Herzen bei den
Menschen dann erreichen, wenn unsere Botschaft diese Wendepunkte und
Schlüsselereignisse zu deuten vermag.
Gewinnung der Herzen ist Gottes Werk
Nicht menschliches Tun bewirkt den Durchbruch der
Gnade. Allein Gottes freies Handeln kann das Menschenherz gewinnen. Aber
es ist sicher auch richtig, dass das Handeln der Kirche und damit aller
Getauften den Raum bereiten kann, dass Gottes Einladung angenommen wird.
Dabei brauchen Christen sich nicht zu ängstigen im Blick auf die eigene
Schwäche, Unvollkommenheit und ihr Verzagtsein. Wichtig ist, dass sie zum
Zeugnis des Wortes und der Tat die Zustimmung ihres eigenen Herzens geben.
Wie im Gleichnis vom Sämann beschrieben, wird eine Haltung der
Großzügigkeit dazu beitragen, die Frohe Botschaft unverkrampft und
freimütig weiterzusagen.
4. Eintritt in eine Gemeinschaft von Gläubigen
Die Glaubenszustimmung oder ”Zustimmung des Herzens”
führt in eine Gemeinschaft, die dem Glauben entsprechende Gestalt zu geben
vermag: die Gemeinschaft der Kirche. ”Eine solche Zustimmung, die nicht
abstrakt und körperlos bleiben kann, offenbart sich konkret durch einen
sichtbaren Eintritt in eine Gemeinschaft von Gläubigen”. Sie selbst ist
ein ”Zeichen der Umwandlung” und ein ”Zeichen des neuen Lebens”, das
”sichtbare Sakrament des Heiles” (EN 23). Die Kirche bekennt Jesus als den
”Urheber und Vollender des Glaubens” (Hebr 12,2).
Biotope des Glaubens
Kirche wird konkret erfahren in der Gemeinschaft der
Gläubigen. Das verpflichtet uns als Kirche zur Glaubwürdigkeit in unserem
Verhalten und in unserer Lehre. Und es zwingt zu großer Aufmerksamkeit in
heutigen Lebenssituationen, die manchmal verwirrend ”bunt” und
vielgestaltig sind. Es gibt deshalb einen missionarischen Sinn, neue
”Glaubensmilieus” zu entdecken und Biotopen gleich zu gestalten.
Diese ”Biotope gelebter Christlichkeit” können Räume
der Einübung, der Erprobung und Bewährung des christlichen Glaubensweges
werden. Dies ist nicht neu, sondern ein Vorgang der Glaubensweitergabe von
den Tagen der Urkirche an. Daher kann man auf beispielhafte Modelle in der
Geschichte der Seelsorge zurückgreifen, in der immer wieder, der heutigen
Zeit vergleichbare Situationen zu bewältigen waren. Aber es gilt auch
kreativ zu werden, um an heutige Formen von Gruppenbildungen anzuknüpfen,
besonders solche, die auf Solidarität, Selbsthilfe, Partizipation,
Austausch und Vernetzung hin angelegt sind.
Christliche Gemeinden, Gemeinschaften und die neuen
geistlichen Bewegungen bieten den Menschen einen Lebensraum an. Sie helfen
dem Menschen, der nach Sinn sucht, in einem Netz von Beziehungen den
Glauben zu erfahren und zu leben. Dabei geht es nicht um ghettoartige
Fluchtburgen in einer pluralistischen Welt. Vielmehr werden die
geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen gerade im Kontakt zu anderen
Initiativen in der Kirche der missionarischen Verkündigung dienen. Die
Vielfalt der Gemeinschaften und Bewegungen hilft suchenden Menschen, auf
eine ihnen jeweils entsprechende Weise die Antwort des Glaubens zu finden.
Für Menschen, die nach einem intensiven und erfüllenden Glaubensleben
streben, ist das besondere Profil einer solchen Gruppe wichtig.
Sakramente und Sendung
Die ”Zustimmung zur Kirche” verbindet sich mit dem
”Empfang der Sakramente”, die ”diese Zustimmung durch die Gnade, die sie
vermitteln, bezeugen und bekräftigen” (EN 23).
Eine lebendige und persönliche Zustimmung schärft das
Verständnis für das, was die Sakramente in der Kirche zum Ausdruck bringen
wollen, nämlich Zeichen des Heils zu sein. Getaufte Christen
veranschaulichen in diesem Sinn, was allen Menschen im Glauben verheißen
ist. Gefirmte Christen tragen dieses Zeugnis so in die Welt, dass suchende
Menschen auf die Früchte des Christusglaubens in der Kirche aufmerksam
werden. Christen, die aus der Eucharistie leben, finden in diesem
Sakrament immer wieder neu die Kraft, ihrer Berufung treu zu bleiben. Die
Sakramente bergen in sich eine missionarische Kraft. Deshalb würde eine
Kirche, die sich nur selbst genügte, ihre Türen nicht öffnen, sondern
verschließen. Christliche Gemeinden und Gemeinschaften sind gerufen, den
Glauben auf den ”Marktplätzen dieser Welt” zu verkünden und das Wort
auszusäen.
Für die Erweckung eines ”missionarischen Bewusstseins”
und auch für eine vertiefte Taufidentität in den Pfarrgemeinden ist der
Katechumenat von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Katechumenat ist
ein Glaubensweg für Erwachsene, an dessen Ende das Glaubensbekenntnis
steht und die Aufnahme in die Kirche erfolgt. Auf diesem Weg zum
Christwerden begleitet die Gemeinde den suchenden und fragenden Menschen.
Hier sind es besonders die Laien, getaufte und gefirmte Christen, die zu
Begleiterinnen und Begleitern werden. In einer Reihe von deutschen
Diözesen werden mit dieser Pastoral bereits ermutigende Erfahrungen
gemacht, die zeigen, dass eine qualifizierte Begleitung Erwachsener auf
dem Weg zum Glauben positive Rückwirkungen auf das Gemeindeleben hat. Für
die Kirche in Deutschland insgesamt ist die Zunahme von Taufbitten
Erwachsener und Jugendlicher ein ermutigendes Zeichen für das Wirken des
Geistes in unserer Zeit und für die bleibende Fruchtbarkeit des Glaubens.
Lebensräume für Menschen auf der Suche nach Sinn
Neben denen, die in der vollen sakramentalen
Gemeinschaft stehen, gibt es aber auch viele, die mehr oder weniger am
Rande des Christentums leben. Der blutflüssigen Frau im Evangelium gleich
berühren sie ”nur” den Saum des Mantels Jesu (Mt 9,20 ff). Auch in
engagierten gesellschaftlichen Gruppen kann Gottes Geist wirksam werden.
Wo sich die Mitglieder solcher Initiativen dessen bewusst werden, wachsen
sie auch in die Christusgemeinschaft hinein. Eine missionarische Kirche
wird nach Kontaktmöglichkeiten suchen, diese Menschen auf ihrem Weg zu
begleiten.
Besonders im Bereich der sogenannten Citypastoral und
in kirchlichen Bildungshäusern gibt es ein Umfeld, in dem zeitlich kurze,
aber unter Umständen sehr berührende religiöse Erfahrungen möglich sind,
die oft gerade Fernstehende ansprechen.
In der Liturgie verfügt die Kirche über einen großen
Schatz an Riten, Symbolen und Feiern, welche – angemessen gestaltet – auch
Fernstehende ansprechen. In stilvoll gestalteter Feier und Festlichkeit
kann fast unmittelbar die Welt des Transzendenten und des Heiligen erlebt
werden. Gerade Kirchen im City-Bereich unserer Städte bieten sich an,
durch qualifizierte musikalische Gestaltung, Predigten, Meditationen u.ä.,
durch das Angebot persönlicher Aussprache und Beichte (vgl. Umkehr und
Versöhnung 4.5.1), aber auch als Räume der Stille und des Gebets
”Zaungäste” anzuziehen.
Jesus selbst hat seinen Glauben und seine Verkündigung
nicht anders gelebt. Er wollte alle Menschen für ein Leben in der Freiheit
des Glaubens gewinnen. Viele haben ermutigende Begegnungen mit ihm gehabt
und daraus eine neue Zuversicht und neue Orientierung gewonnen. Einige –
die Frauen und Männer im Jüngerkreis und die Apostel – haben sich von ihm
so sammeln lassen, dass ihre Gemeinschaft mit dem Herrn zum Abbild für das
wurde, was Kirche als Sakrament für die Welt ausmacht. In dieser
Gemeinschaft hat Jesus ausgesprochen und getan, was allen Menschen für
alle Zeiten im Glauben verheißen ist. Aus der Sammlung beim Herrn haben
die Apostel Kraft und Auftrag empfangen, ”zu allen Völkern zu gehen…” (Mt
28,19f). Aus dieser Dynamik sammelte sich nach Ostern die weltweite
Kirche. Hierin besteht das Abenteuer des Glaubens auch heute, in einer
Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der kirchlichen Neuorientierung.
Es bedarf des Vertrauens und der Offenheit, um als Kirche wieder
missionarischer zu werden.
Die Tatsache einer zwar noch kleinen, aber stetig
wachsenden Zahl von Erwachsenentaufen in Deutschland macht darauf
aufmerksam, dass bei einer schon länger anhaltenden Entfremdung von Kirche
und christlicher Lebenspraxis auch mit einem neuen Fragen nach Christentum
und Kirche zu rechnen ist. Je größer die Entfremdung, um so unbefangener
und unbelasteter kann ein neuer Zugang zu dem möglich sein, was tragender
kultureller Grund für die Gesellschaft auch morgen bleiben wird. Es
scheint, als ob dies in den neuen Bundesländern deutlicher zu spüren ist
als in den noch ”christentümlich” geprägten Regionen Deutschlands.
Die Pfarrgemeinden (bzw. Pfarrverbände oder generell
Zusammenschlüsse und Kooperationen von Pfarrgemeinden) sind als Raum einer
Gemeinschaft von Gemeinschaften unverzichtbar. Was hier geschieht, hat
stets auch eine missionarische Dimension. Denn alle Dienste und
Aktivitäten dienen gleichermaßen der Sammlung (Communio) und der Sendung
(Missio). Dies gilt für den Gottesdienst ebenso wie für alle anderen
pastoralen Angebote.
Dabei ist nicht zu übersehen, dass gegenwärtig viele
Pfarrgemeinden auf Grund von Umstrukturierungen eine Zeit der Krise
erleben. Zu der Frage, was von bisherigen Aufgaben noch leistbar sein
wird, kommt die nicht minder drängende Frage, was zu tun ist, um Menschen
mit der christlichen Botschaft überhaupt in Berührung zu bringen. Bei
allen Strukturfragen ist also die missionarische Dimension mitzubedenken.
Über den Bereich der Pfarrgemeinde hinaus wird es eine
Vielzahl an Möglichkeiten geben müssen, von denen einige hier nur
aufgezählt sein sollen:
– kategoriale Seelsorgebereiche,
– Verbände und ihre Einrichtungen,
– neue geistliche Gemeinschaften und Bewegungen,
– christliche Dritte-Welt-Gruppen,
– kirchliche Bildungs- und Begegnungsstätten,
– spezialisierte Angebote in Klöstern, Beichtkirchen,
Innenstadtpfarreien und Wallfahrtsorten,
– Orte des Kontaktes in der City- und
Passantenpastoral,
– Angebote an der Schnittfläche von Kirche und Kunst,
– Zwischenräume und Vorräume der Begegnungen und des
Gesprächs,
– gesellschaftlich-caritative Einsätze,
– Besuchsdienste (bei Neuzugezogenen, an Geburtstagen,
in Krankenhäusern).
Im Blick auf diese Möglichkeiten, dürfen wir
feststellen, dass es bereits viele gute Erfahrungen gibt, die Mut zu
missionarischer Seelsorge machen.
5. Beteiligung am Apostolat – selbst in die Sendung
eintreten
”Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.”
Dieses Wort aus dem Evangelium (Mt 12,34) gilt gerade für den religiösen
Bereich. Wer erfüllt ist vom Reichtum der frohen Botschaft, fühlt sich
gedrängt, ihn mit anderen zu teilen. ”Wir können unmöglich schweigen über
das, was wir gesehen und gehört haben”, beteuern die Apostel vor dem Hohen
Rat (Apg 4,20). Die Möglichkeiten, vom Glauben zu sprechen, sind so bunt
und vielfältig wie die Situationen unseres Lebens, in die wir gestellt
sind. Auf das Zeugnis des Lebens und des Wortes wurde bereits hingewiesen.
”Evangelii nuntiandi” nennt noch ausdrücklich die Verpflichtung der
Christen ”zu neuem Apostolat”. Hier wiederholt sich gewissermaßen der
Zirkel von Lebenszeugnis und Zeugnis des Wortes: Aus dem Eintritt in die
Gemeinschaft der Kirche und dem Empfang der Sakramente resultiert erneut
der Auftrag zum Apostolat. Aus der Sammlung wird erneut Sendung.
Die Welt in Gott gestalten und verändern
In vielfältiger Weise, in den sozialen wie in den
kulturellen Bereichen des Lebens, also in Beruf und Freizeit, wird der
Christ selbst zum ”Apostel”, zum Gesandten Christi (vgl. 2 Kor 5,20);
jeder persönlich in seinem eigenen Lebensbereich, aber auch gemeinsam mit
anderen. Christen sind ja mitverantwortlich für die Atmosphäre, die in der
heutigen Gesellschaft herrscht, damit menschengerechte Verhältnisse
entstehen können und die Art, wie wir miteinander umgehen,
menschenfreundlicher wird.
Unersetzlich sind die vielen Frauen und Männer, die
sich für einen Dienst in der Pfarrgemeinde zur Verfügung stellen. Ohne
ihre Hilfe im Pfarrgemeinderat, in den Ausschüssen, in der Mitgestaltung
der Gottesdienste, als ”Tischeltern” bei der Vorbereitung auf
Erstkommunion und Gruppenbegleiterinnen und -begleiter bei der Firmung und
ohne die vielfältigen Einsätze vom Kirchenchor bis zum Altardienst wäre
ein Pfarrleben nicht denkbar. Somit sind alle ein lebendiges Zeugnis des
Glaubens und künden von der Botschaft Jesu, der gekommen ist, den Menschen
zu dienen.
Einen besonderen Reichtum kirchlichen Lebens in
Deutschland stellen die Verbände dar, die ihren Ort am Schnittpunkt von
Kirche und Gesellschaft haben. Dies gibt ihnen insbesondere die
Möglichkeit, den christlichen Weltauftrag spezialisiert wahrzunehmen.
Indem die Verbände Überzeugungen des christlichen Glaubens und seine
Wertvorstellungen in die verschiedenen Räume von Staat, Kultur und
Gesellschaft durch Wort und Tat einbringen, sind sie und mit ihnen die
Kirche missionarisch geprägt. Selbst, wenn die Mitgliederzahlen eines
Verbandes abnehmen, dürfen wir hoffen, dass auch profilierte Minderheiten
in der Gesellschaft wahrgenommen werden und Einfluss nehmen können. Wer
sich der Bedeutung des christlichen Beitrags für die Gesellschaft bewusst
wird, verliert Ängstlichkeit und Kleinmut. Christliche Werte der
Solidarität und Geschwisterlichkeit sind gerade in einer Welt des
Konkurrenzkampfes, der Vereinsamung und Vermassung von besonderer
Bedeutung, soll die Gesellschaft als humaner Lebensraum erhalten bleiben.
Dass Solidarität und soziale Gerechtigkeit heute globale Fragen sind, wird
durch das
Engagement von Verbänden und Dritte-Welt-Gruppen
vielfach bewusst gemacht.
Dienst an Hilfsbedürftigen
In jeder Epoche haben Frauen und Männer in christlicher
Verantwortung die Gesellschaft verändert. Christlich geprägte soziale
Bewegungen bemühen sich um den unterdrückten und ausgenutzten Menschen und
setzen sich für mehr soziale Gerechtigkeit ein. Zahlreiche
Ordensgemeinschaften versuchen, die auch heute vorhandene vielfältige Not
zu lindern.
Eine große Gabe und Aufgabe der Kirche ist die Caritas.
Hier wird ihr in der Gesellschaft Kompetenz zugestanden, weit über den
kirchlichen Bereich hinaus. Die Caritas bringt eine Fülle von Diensten in
die Gesellschaft ein und hat ein Netz von Hilfeleistungen für
Notsituationen geknüpft, die von der öffentlichen Hand nicht mehr
aufgefangen werden. Darin liegt die Chance, deutlich zu machen, dass
Gottes Liebe zu den Menschen diese Welt gestalten und verändern will und
kann.
Kirchliche Caritas erfüllt ihre Aufgabe auf zweierlei
Weise. Die organisierten und professionell ausgestatteten Einrichtungen
christlicher Hilfsbereitschaft sind ebenso unverzichtbar wie die
caritativen Aktivitäten der Pfarrgemeinden, Gemeinschaften und Verbände,
Nachbarschaften, Familien und einzelner Christen. Es braucht offene Augen,
Spontaneität und direkte Zuwendung, um die Nöte der Menschen zu entdecken
und aufzufangen. Es ist eine wichtige Aufgabe aller, sich der Menschen in
Not in besonderer Weise anzunehmen. Letztlich gilt die allen Menschen
erwiesene Hilfe und Liebe Jesus Christus selbst (vgl. Mt 25,31-46).
Eine Brücke vom Evangelium zur Kultur
Neben der Caritas gilt es daran mitzuwirken, die
Lebensräume der Menschen zu gestalten, also die Kultur zu prägen. Der
Begriff ”Kultur” wird hier in einem weiteren ”anthropologischen” Sinn
verstanden als Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte
und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als
Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat.
In diesem umfassenden Sinn von Kultur bezeichnet Paul
VI. den ”Bruch zwischen Evangelium und Kultur” als ”das Drama unserer
Zeitepoche”: ”Man muss … alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer
die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die
Begegnung mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden” (EN 19).
Die Frohbotschaft betrifft also das Lebensgefühl, das Selbstverständnis
der Menschen einer Zeit und alle Formen der Lebensgestaltung. Kultur ist
der Raum, den das Evangelium prägen soll, in den es sich ”inkulturiert”.
Das Evangelium fordert die Kultur einer Zeit heraus,
bestätigt sie in dem, was wertvoll ist, korrigiert sie dort, wo sie
inhuman zu werden droht. Im Letzten geht es darum, dass Menschen erfahren,
wie die Frohbotschaft ihren Lebensentwürfen Sinn und Hoffnung vermittelt.
Die Botschaft, dass Gott uns Raum gibt und dass er gekommen ist, um bei
uns Raum zu finden, ist letztlich Sinn und Hoffnung jeder menschlichen
Kulturleistung.
Eine exemplarische Bedeutung in der Gestaltung des
kulturellen Lebens kommt den katholischen Schulen zu, in denen junge
Menschen herangebildet werden, die durch ihre christliche Überzeugung, wo
immer sie tätig sein werden, die Gesellschaft nachhaltig mitprägen können.
Aber auch in den staatlichen Ausbildungsstätten vermögen überzeugte
katholische Lehrer und Lehrerinnen wie ein Sauerteig zu wirken.
Manchmal wird das christliche Brauchtum in Familie und
Gemeinde übersehen oder man schätzt es gering. Und doch wird dort
erlebnismäßig vertieft, was unser Glaube ist. Die Kirche will die
Botschaft des Evangeliums und die Geheimnisse des Glaubens im Laufe des
Jahreskreises immer neu erlebbar machen. Sie führt Menschen aller
Bildungsstufen und Gesellschaftsschichten, Erwachsene wie Kinder, durch
große und kleine Feste in das Geheimnis der Erlösung ein. Besonders die
Lesungen aus der Heiligen Schrift geben im Verlauf des Kirchenjahres bzw.
mehrerer Lesejahre einen umfassenden Einblick in die Heilsgeschichte
Gottes mit seinem Volk. Die lebendige Mitfeier des Kirchenjahres ist eine
bewährte Einführung ins Christentum und eine hilfreiche Begleitung im
Glauben.
Dieser Gang durch das Kirchenjahr lässt auch das Leben
im Alltag miteinschwingen. Die Gläubigen werden angeregt, in Familie und
Nachbarschaft das, was sie im Gottesdienst erfahren haben, weiter zu
feiern und zu vertiefen. Dabei wird das profane Leben beeinflusst. Auf
diese Weise kann sich dann aus der Verbindung von Glaube und Leben eine
christliche Alltagskultur entwickeln, die Menschen prägt und die sogar
noch gepflegt wird, wenn die Bindung an Glaube und Kirche lockerer wird.
Hier böten sich geeignete Anknüpfungspunkte, auf die Wurzeln dieser Riten
und
Gebräuche zu verweisen und zu einer neuen Begegnung mit
der Kirche einzuladen. Umfassende Verkündigung kann dazu beitragen, dass
sich neues, der Zeit und den gesellschaftlichen Gegebenheiten
entsprechendes Brauchtum, zu entwickeln vermag. Denn eine lebendige
religiöse Kultur und Volksfrömmigkeit ist eine Stütze im Glaubensleben
einer Gemeinschaf (vgl. EN 48).
Sendung der Orden
In den Zeiten großer pastoraler Herausforderungen
nehmen Frauen und Männer den Ruf Gottes in besonderer Weise auf, das
Evangelium zu leben und zu lehren. Auf diese Weise entstehen apostolisch
und kontemplativ geprägte Ordensgemeinschaften, und sie verstehen sich als
eine Antwort auf den Ruf Gottes zu missionarischem Dienst. Sie stellen
sich der Herausforderung, ihr Charisma unter den jeweiligen Bedingungen
von Kirche und Gesellschaft auszuprägen. In der missionarischen Sendung
der Kirche kann sich an ihrem Leben die Werteordnung des Evangeliums
ablesen lassen. Sie stehen nicht am Rand der Kirche, sondern sind
sichtbare Zeichen gelebten Evangeliums. Ein Prozess ständiger Erneuerung
aus den Quellen ihrer Spiritualität unter den Bedingungen unserer Zeit ist
ihnen aufgetragen.
Auch für andere den Glaubensweg gehen
Wer glaubt, wer betet, wer den Weg des Glaubens geht
und wer anderen dazu verhilft, diesen Weg mitzugehen, tut das nicht
allein. Wir können ein solches Leben nur leben in der Verbundenheit mit
Jesus Christus und seiner Kirche. Es ist für den glaubenden Menschen
lebensnotwendig, Eucharistie zu feiern, Gott zu loben, ihm zu danken und
ihn zu bitten, auch wenn wir dabei feststellen müssen, als Christen einer
Minderheit anzugehören. Diese Erfahrung machen nicht wenige auch in ihrem
engeren Lebenskreis der Familie und im Freundeskreis. Diejenigen, die sich
zu einem Leben in der Kirche entschieden haben, leben ihr Christsein nicht
nur für sich selbst, sondern immer auch für andere. Ihre Weggemeinschaft
in der Kirche wird zur Stellvertretung für die, die ihnen anvertraut sind
und die diesen Weg nicht mitgehen wollen oder können. Dies gilt für die
Einzelnen, für die Pfarrgemeinden und für alle Gemeinschaften von
Christen. Stellvertretung im Lob Gottes und im Gebet für die Menschen ist
eine erste und grundlegende Form missionarischer Sendung. Wie Christus auf
seinem Weg vom Vater in die Welt und aus der Welt zum Vater grundsätzlich
alle einbezogen hat, so sind auch die Christen aufgerufen, ihren
christlichen Weg mit allen und für alle Menschen zu gehen. Für die
christlichen Eltern, die miterleben müssen, wie ihre Kinder sich vom
Glauben entfernen, mag es ein Trost sein zu wissen, dass durch das
unermüdliche Gebet und unaufdringliche Zeugnis des Lebens die Einladung
zum Glauben lebendig bleibt.
Rückblick und Ausblick
”Ein Sämann ging aufs Feld um zu säen”. Ein längerer
Weg wurde abgeschritten, um die in diesem biblischen Bild angedeutete
Dimension einer missionarischen Verkündigung in den Blick zu bekommen.
Vieles konnte nur angedeutet werden, anderes ist unausgesprochen
geblieben. Dennoch hat das biblische Gleichnis geholfen, die drei
wesentlichen Aspekte des Vorgangs ”Mission” zu bedenken: Das Ackerfeld,
auf dem der Same ausgestreut werden muss; die innere Einstellung des
Sämanns, der in Gelassenheit und mit Zuversicht das Samenkorn diesem Acker
anvertraut; und schließlich den Vorgang des Wachsens und Reifens der Saat,
der den Gedanken des Weges und Sich-Entwickelns mit einbezieht, ohne den
missionarische Verkündigung weder früher noch heute vorstellbar ist.
Vermutlich verliert in unserer Generation eine Gestalt
des Christwerdens ihre Dominanz: die vornehmlich pädagogisch vermittelte
Gestalt der Weitergabe des christlichen Glaubens, die seit dem Beginn der
Reformationszeit bzw. der Gegenreformation bestimmend gewesen ist, ähnlich
wie seit frühmittelalterlichen Zeiten die ”soziale” Gestalt der
Glaubensvermittlung vorherrschend gewesen war. Wir treten jetzt in eine
Zeit ein, in der christlicher Glaube missionarisch-evangelisierend in der
Generationenabfolge weitergegeben werden muss. Damit nähern wir uns –
freilich in einem völlig anderen gesellschaftlichen Umfeld – in
bemerkenswerter Weise wieder der Situation des Christentums in den ersten
drei Jahrhunderten seines Bestehens an. Dort trafen die Menschen, die sich
einer christlichen Gemeinde anschlossen, in der Regel die Entscheidung für
Taufe und Nachfolge Christi eigenständig. Selbst wenn schon sehr früh auch
Kleinstkinder (im Rahmen der antiken Großfamilie) getauft wurden, so war
der Anschluss an die christliche Kirche für den Einzelnen eben doch nicht
selbstverständlich. Angesichts der ”Fremdheit” des Christlichen in einer
religionsgesättigten Welt der Spätantike – übrigens eine interessante
Parallele zum heutigen ”Religionsboom” in einer nachchristlichen
Gesellschaft – waren die Interessierten immer wieder neu herausgefordert,
sich bewusst für den ”Mehrwert” des Christlichen zu entscheiden. Dahin
wird sich wohl auch die Pastoral in Zukunft entwickeln.
Das Thema ”missionarische Pastoral” liegt in der Luft.
Allenthalben – nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch im
ökumenischen Umfeld – spürt man das drängender werdende Fragen nach der
missionarischen Kraft des Evangeliums. Auch aus anderen Ortskirchen, in
Europa und weltweit, kommen wichtige Anstöße zur Erneuerung einer
missionarischen Pastoral. Dieses drängende Thema darf nicht nur Einzelnen
oder wenigen Gruppen in den Kirchen überlassen bleiben. Das vorliegende
Schreiben versteht sich als ein Beitrag zu diesem immer aktueller
werdenden Gespräch.
Brief eines
Bischofs aus den neuen Bundesländern über den Missionsauftrag der Kirche
für Deutschland
Liebe katholische Mitchristen!
Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas.
Es ist nicht das Geld. Es sind auch nicht die Gläubigen.
Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die
Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können.
Das ist ihr derzeit schwerster Mangel. In unseren
Gemeinden, bis in deren Kernbereiche hinein, besteht die Ansicht, dass
Mission etwas für Afrika oder Asien sei, nicht aber für Hamburg, München,
Leipzig oder Berlin.
Im Normalfall vertrauen wir als Mittel der
”Christenvermehrung” auf die Taufe der Kleinstkinder. Dagegen ist im
Grunde auch nichts zu sagen. Es ist freilich heutzutage nicht das
Selbstverständlichste von der Welt – weder in Thüringen noch in Bayern –,
dass alle als Kleinstkinder Getauften auch wirklich ”nachhaltig” Christen
werden. Manche katholische Eltern spüren das selbst sehr schmerzlich, wenn
sie sehen, wie sich ihre Kinder trotz allen Bemühens von der Kirche
entfernen. Wir trösten uns dann schnell mit dem Spruch: ”Die Verhältnisse
heute sind eben so!” Und von manchen wird noch nachgeschoben: ”Die Kirche
ist ja z.T. selbst daran schuld!”, wobei gemeint ist, dass sie sich eben
nicht genug heutigen Lebenseinstellungen und Gewohnheiten anpasse.
Es ist eine Tatsache, dass religiöse Vorgaben,
überhaupt gesellschaftliche Gepflogenheiten heute nicht mehr so fraglos
übernommen werden wie in vergangenen Generationen. Darüber zu klagen ist
wenig sinnvoll. Es ist einfach so, und wir beobachten solches Verhalten
auch an uns selbst.
Dies bringt, so meine ich, eine entscheidende Chance
mit sich: Der christliche Glaube wird wieder neu zu einer echten
persönlichen Entscheidung. Das Traditionschristentum wandelt sich mehr und
mehr zu einem Wahlchristentum. Damit rücken wir wieder an die
Ursprungszeit des Christentums heran, in der der Taufe die persönliche
Bekehrung voranging – ohne dass die ständige Umkehr nach der Taufe unnötig
wurde!
Nun wissen wir: Bekehrungen sind nicht zu ”machen”. Sie
stellen sich nicht auf Befehl ein. Nur Gott allein kann Menschen zu Umkehr
und Lebenserneuerung bewegen. Doch ist – und dieser Gedanke bewegt mich zu
diesem Brief – diese Aussage kein Alibi dafür, die Hände in den Schoß zu
legen und auf das göttliche Wunder einer automatischen
”Christenvermehrung” zu warten.
Wir alle stehen in der Sendung Jesu. Er verstand sich
als der ”Bote Gottes”, als ”Evangelist” für sein Volk und die Menschen
seiner Zeit. Er hat die Jünger, und somit auch uns eindringlich
aufgefordert, selbst seine Boten für die Zeitgenossen zu werden. ”Macht
alle Menschen zu meinen Jüngern!”, ruft der auferstandene Herr auch der
Kirche unserer Tage zu. Und das ist durchaus programmatisch gemeint.
Wie antworten wir auf diese Aufforderung? Sagen wir wie
die Jünger nach erfolglosem Fischfang: ”Meister, wir haben die ganze Nacht
gearbeitet und nichts gefangen”? Ein Pfarrer sagte mir einmal halb ernst,
halb scherzhaft: ”Ich habe hier an meinem Ort mit ,fortlaufendem Erfolg’
gearbeitet!” Und er meinte damit, dass sich die Katholikenzahl in den
letzten 20 Jahren seines Wirkens um die Hälfte verringert hat. Die Jünger
belassen es bekanntlich nicht bei ihrem resignativen Stoßseufzer. Petrus,
als ihr Sprecher, rafft sich in dieser biblischen Szene auf und fügt
hinzu: ”Doch wenn Du es sagst, werde ich (noch einmal) die Netze
auswerfen!” Das klang zwar auch nicht sonderlich begeistert, aber es war
immerhin ein Anfang!
Ich habe die Vision einer Kirche in Deutschland, die
sich darauf einstellt, wieder neue Christen willkommen zu heißen. Diese
Vision wird hier und da schon Realität. Im Jahr 1998 wurden in allen
deutschen Diözesen 248000 Kleinstkinder getauft, aber auch 3500
Jugendliche bzw. Erwachsene. Je mehr sich Menschen, zum Teil schon in der
zweiten und dritten Generation von der Kirche entfernt haben, desto mehr
wird es Einzelne geben, die sich aufgrund persönlicher Entscheidung Gott
und der Kirche zuwenden wollen. Es wird in Zukunft Frauen und Männer
geben, die – obwohl getauft, aber später nicht voll in die Kirche
eingegliedert – das Verlangen haben, als Erwachsene diese ”Einführung in
das Christ-Sein” nachzuholen. Es gibt nicht nur Menschen, die die Kirche
(in der sie oft gar nicht richtig verwurzelt waren) verlassen. Es gibt
zunehmend auch Zeitgenossen, die nach dem ”Eingang” fragen, der in die
Kirche hineinführt. Es ist entscheidend, wen sie in diesem Eingangsbereich
treffen. Es wird wichtiger werden als bisher, wie sie dort empfangen
werden.
Liebe Mitchristen!
Was muss geschehen, damit die katholische Kirche in
unserem nun geeinten Deutschland wieder Mut fasst, ihren ureigensten
Auftrag anzugehen. Die Kirche ist nicht um ihrer selbst willen da. Sie
soll Gottes Wirklichkeit bezeugen und möglichst alle Menschen mit Jesus
Christus, mit seinem Evangelium in Berührung bringen.
Eine verdrossene und von Selbstzweifeln geplagte Kirche
kann das freilich nicht; auch nicht eine Kirche, die sich vornehmlich mit
sich selbst beschäftigt. Was ist zu tun?
Aus Verdrossenheit und Selbstzweifeln kommt man am
schnellsten heraus, wenn man sich einer lohnenden Aufgabe zuwendet, noch
besser: wenn man sich einem Mitmenschen zuwendet. Auf unsere Kirche,
besonders in den neuen Bundesländern, aber eben nicht nur dort, wartet
eine solche lohnende Aufgabe. Es warten Menschen auf unser Lebenszeugnis.
Sie warten darauf zu erfahren, was Jesus Christus für uns im Alltag
unseres Lebens bedeutet. Sie warten nicht nur darauf, sie sind schon
dabei, dies unauffällig, aber kritisch-interessiert zu beobachten.
”Zuwendung zu den Menschen” – natürlich geschieht das
immer schon in unseren Diözesen, Tag für Tag, durch tausende Frauen und
Männer – ausdrücklich im Auftrag der Kirche oder einfach als Mensch unter
Mitmenschen. Auf diese Präsenz unserer Kirche mitten in der Gesellschaft –
im Geist und in der Gesinnung Jesu – bin ich stolz. Das ist der
eigentliche Reichtum der Kirche.
Meine Frage lautet: Wäre dieses ”Kapital” nicht zu
nutzen? Ist in dieser Zuwendung zu den Menschen nicht angelegt, was wir
”Mission” und ”Evangelisierung” nennen? Ich gebe zu: Diese Begriffe haben
für manche Zeitgenossen, auch für manche Katholiken einen Unterton, der
nach Belehrung, ja nach Indoktrination riecht. Wir sollten daher bei ihrem
Gebrauch vorsichtig sein. ”Mission” heißt für mich
schlicht: Das weitersagen, was für mich selbst geistlicher Lebensreichtum
geworden ist. Und ”Evangelisieren” meint: Dies auf die Quelle
zurückführen, die diesen Reichtum immer neu speist: auf das Evangelium,
letztlich auf Jesus Christus selbst und meine Lebensgemeinschaft mit ihm.
Nicht die Begriffe sind wichtig. Es geht um die gemeinte Sache.
Um es einmal in einem Bild zu sagen:
Wer zu einem Fest einladen will, wird sich um drei
Dinge zu sorgen haben:
1. dass seine Einladung glaubwürdig ist;
2. dass sie wirklich ”ankommt” und
3. dass sie Vorfreude weckt.
Ich wage diesen Vergleich im Umfeld des Themas
”missionarische Kirche” heranzuziehen, weil Jesus selbst in seinen
Gleichnissen häufig das Bild vom ”Gastmahl” benutzt hat. Damit hat er
Gottes Absichten mit uns Menschen verständlich zu machen gesucht.
Von diesem Bild ”Einladung zu einem Fest” ausgehend,
skizziere ich drei Herausforderungen für eine ”missionarische und
evangelisierende Kirche” in Deutschland:
I. Neu entdecken, dass der Glaubensweg in der Nachfolge
Jesu freisetzt und das Leben reich macht.
Am Beginn jeder Evangelisierung der Welt steht unsere
”Selbstevangelisierung”. Wir sind als Christenmenschen auf einem Weg. Wir
stehen nicht am Anfang. Wir haben schon vom Evangelium ”geschmeckt”. Wir
haben schon gute Erfahrungen mit Gott und dem Christsein gemacht. Und
genau diese, durchaus anfanghaften und scheinbar so unbedeutenden eigenen
Erfahrungen sind die Grundlage für unsere Befähigung, das Evangelium für
andere interessant werden zu lassen.
Für mich kann ich bezeugen: Die geistige Armut des
alten ideologischen Systems im Osten Deutschlands hat mich meinen
katholischen Glauben als Bereicherung erfahren lassen: sein Menschenbild,
seine Welt- und Lebensdeutung, seine sittlichen Grundsätze und kulturellen
Ausprägungen. Ich habe mich als katholischer Christ in den DDR-Jahren
”freigesetzt” gefühlt, nicht: ”kirchlich gebunden”. Nach zehn Jahren
Erfahrung mit der ”Nachwende-Gesellschaft” und ihren (zugegeben!)
andersartigen ”Torheiten” habe ich bis heute noch keinen Grund gefunden,
diese Einschätzung zu revidieren. Sind ähnliche Erfahrungen nicht auf
andere Weise auch ”im Westen” gemacht worden?
Meine Erfahrung ist: Nichtkirchliche Zeitgenossen
reagieren dort sehr aufmerksam, wo Christen in Gesprächen, in
Alltagsbegegnungen mit eigenen Lebenserfahrungen ”herausrücken”.
Persönliches interessiert immer! ”Wie hast Du das gepackt?” ”Wie ist es
Dir damit ergangen?” Christen, die andere an ihrem Leben teilhaben lassen,
gerade auch, wenn es nicht glatt und problemlos verläuft, sind für ihre
Umwelt interessant. Unser eigener, ganz persönlicher Gottesglaube, auch
mit seinen Zweifeln und Fragen, muss ”sprechend” werden – in Worten und
Taten. Wer die Höhen und Tiefen seines eigenen Lebens mit österlichen
Augen ansehen und deuten kann, kann auch anderen helfen, die eigene
Biographie in neuem Licht zu sehen.
Wo dieses ”Zeugnis des Lebens” gegeben wird, da öffnen
sich Türen und Herzen. Da bekommen andere Mut, ebenfalls christliches
Verhalten zu ”erproben”. Da erhalten alte Worte auf einmal wieder neuen
Glanz, Worte etwa wie: Ehrfurcht und Staunen, Mitleid und Fürsorge,
Selbstbegrenzung und Maß, um nur einige christliche Grundhaltungen zu
nennen, die derzeit wieder hochaktuell sind. Wir sind reicher als wir
meinen. Christen wissen um Hoffnungsgüter, von denen die Zukunft leben
wird.
Das führt mich zu einer zweiten Herausforderung für uns
Katholiken in Deutschland:
II. Häufiger, selbstverständlicher und mit ”demütigem
Selbstbewusstsein” von Gott zu anderen sprechen
Ist das ein zu verwegener Gedanke? Mir ist bewusst: Die
Menschen sind heute gegenüber Werbung, zumal wenn diese sich zu
aufdringlich gibt, kritisch. Das gilt auch gegenüber religiöser Werbung.
Die Menschen wollen nicht das Gefühl haben, als ”Mitglieder”, womöglich
für eine Großorganisation, angeworben, gleichsam ”vereinnahmt” zu werden.
Vielen Zeitgenossen erscheint unsere Kirche als eine
Art ”Großkonzern”, als eine Art ”global player”, dem es durchaus mit
Respekt, aber eben auch mit der nötigen Vorsicht zu begegnen gilt. Anders
ist es, wenn Menschen von der Kirche ”Gesichter” sehen. Und das sollte
möglichst nicht nur der Papst sein. Mein Standardbeispiel für dieses
Verlangen ist der Ausruf
eines Kranken, den der Gemeindepfarrer nach längerer
Zeit nun doch besuchen kam, und der den Seelsorger mit dem freudigen Satz
begrüßte: ”Das ist aber schön, Herr Pfarrer, dass die Kirche (!) einmal
nach mir schaut!” Wir sind für mehr Leute ”Kirche” als wir ahnen!
Gibt es für uns alle nicht tausend Möglichkeiten, so
nach den Menschen zu schauen – mit den Augen Jesu, mit der Bereitschaft,
wie er in Wort und Tat zu sagen: ”Bruder, Schwester, komm – steh auf!”
”Lass Dir sagen: Du bist nicht allein! Du bist angenommen! Du bist
gewollt! Du bist geliebt!” In solchen Worten ist für mich das ganze
Evangelium auf den Punkt gebracht. Denn es sind Worte, die eben nicht wir
sprechen, sondern die durch uns Christus, der Herr, zu den Menschen
spricht.
Es gibt in unseren gesellschaftlichen Breiten die
verständliche Scheu, vorschnell religiöse Vokabeln zu gebrauchen. Doch
darf diese Scheu nicht dazu führen, dass wir geistlich ”stumm” werden.
Folgende Erfahrung sollte uns Mut machen: Wirklich Authentisches hat auch
heute seine Faszination! Wer einen anderen wirklich gern hat, wer ihm von
Herzen gut sein will, der wird die rechte Art und Weise finden, ihn auch
mit Gott und seiner Liebe in Berührung zu bringen. Und zwar
”ausdrücklich”, denn unser Gott hat ein ”Gesicht” und einen Namen, den man
anrufen kann.
Wer einmal Pfarrgemeinden in der sogenannten ”Dritten
Welt” oder auch in Osteuropa besucht hat, der hat dort u.U. eine
Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit des Christseins kennen gelernt,
die hierzulande kaum noch anzutreffen sind. Mit Freude, ja mit Stolz
”zeigen” dort die Menschen ihr Christsein. Sie, die oftmals materiell sehr
arm sind, können uns mit ihrer ungekünstelten Freude und Einfachheit
wirklich ”reich” machen. Nach solchen Begegnungen spüre ich deutlicher als
jetzt am Schreibtisch, was uns Katholiken in Deutschland fehlt.
Und eine dritte Herausforderung sollte einer
”missionarischen Kirche” vor Augen stehen, oder besser gesagt: Wir
brauchen als Kirche eine Vision:
III. Die Vision des ”Festes”, zu dem Gott uns alle
einladen will. Wir brauchen die Vision Jesu vom Gottesreich, das schon
hier und jetzt, mitten unter uns da ist.
Etwa in der Art und Weise, wie wir jetzt Gottesdienst
feiern, wie wir uns begegnen, wie wir miteinander und mit unseren
Problemen umgehen, wie wir anderen, nichtkirchlichen Zeitgenossen
begegnen. In all diesen scheinbar alltäglichen Dingen kann sich ”Reich
Gottes” ankündigen, auch wenn wir durchaus realistisch unsere menschliche
Unzulänglichkeit und erbsündliche Gebrochenheit mit in Rechnung stellen.
Noch kürzer gesagt: Wer mit Kirche zum ersten Mal in
Berührung kommt, sollte damit rechnen dürfen, willkommen zu sein. Das
”Bodenpersonal Gottes” darf nicht kleinlich sein, wenn Gott selbst
großzügig ist. Kirche ist zwar nicht für alles, aber doch ”für alle” da.
Die Kerngemeinde muss beispielsweise lernen, auch mit den kirchlich nicht
ganz ”Stubenreinen” gut umzugehen. Hier tun wir uns bekanntlich sehr
schwer. Auch unabhängig von der Frage nach der Zulassung zu den
Sakramenten müssen die Menschen spüren: Wir sind in der Gemeinde
willkommen. Zeichen des ”Willkommen-Seins” sind ja nicht nur die
Sakramente. Der ganze Bereich der außersakramentalen Zeichen, die ja auch
”Gottesberührungen” sind, wird zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gerade auf
diesem Feld hat unsere katholische Kirche eine reiche Erfahrung. Diese
gilt es zu nutzen und weiterzuentwickeln.
Wir brauchen in unseren Ortskirchen ”Biotope des
Glaubens”, existentiell glaubwürdige ”Lernfelder”, in denen christliche
Lebenshaltungen eingeübt werden können. Das werden vornehmlich unsere
Pfarrgemeinden mit ihren Lebenszellen sein, etwa kleinere Gruppen, in
denen z.B. erwachsene Taufbewerber begleitet werden. Aber wir müssen im
Blick auf die ”bunten” Lebenssituationen der Menschen uns vermutlich noch
andere christliche ”Milieu-Formen” in dieser postmodernen Gesellschaft
einfallen lassen.
Ich denke an die vielen Ungläubigen und
”Halbgläubigen”, die in Zukunft vermehrt mit der Kirche Berührung suchen
werden, etwa beim festlichen Weihnachtsgottesdienst, bei der Einschulung
ihrer Kinder, bei der Beerdigung eines Angehörigen, in eigener Krankheit
oder manch anderen Situationen. Es gibt Erwartungen an die Kirche, die wir
nicht leichthin abtun sollten. Wir sind nicht nur für die
”Hundertprozentigen” da. Wir sind es ja bekanntlich selbst nicht!
Es muss sich in unserem ortskirchlichen Umfeld
herumsprechen: ”Da bei der Kirche gibt es Leute, da kannst du einmal
hingehen!” ”Dort wirst du gut behandelt! Da hat man für dich und deine
Anliegen ein Ohr!” Die Pfarrgemeinde, das Pfarrhaus, die Verbandsgruppe,
andere kleine Lebensgruppen von Gläubigen müssen als ”Orte” gelebter
Christlichkeit, als ”Orte” des Erbarmens, möglicher menschlicher
”Annahme”, der mitmenschlichen Nähe bekannt sein. Derzeit ist die Kirche
leider mehr im Verdacht, die Menschen zu verschrecken und ihnen das Leben
zu vermiesen, als sie für Gott und füreinander freizusetzen. Diesem
Grundverdacht muss energisch entgegengewirkt werden. Dass aus einer
derartigen ”Kirche-Berührung” dann auch eigene Lebensumkehr folgen muss,
steht auf einem anderen Blatt. Umkehr erwächst freilich aus Annahme, nicht
umgekehrt. Und jede ”Annahme”, auch jene, die Anforderungen stellt und
einen Neuanfang in den Blick nimmt, ist heute für die Menschen wie ein
Fest inmitten einer oft harten und unmenschlichen Welt.
Liebe Mitchristen!
Sie werden sagen: Der Bischof hat gut reden. Kennt er
wirklich die Probleme? Weiß er, wie heute von Kirche und Papst, von Gott
und Christentum geredet wird? Hat er die ”Stacheldrahtverhaue” und
”Minenfelder” im Blick, die heutzutage eine Erwachsenentaufe nahezu zu
einem Wunder machen?
Ich antworte: Ja und Nein. Manches an Anfechtungen habe
ich auf meinem eigenen Glaubensweg in den DDR-Zeiten erlebt. Manches
erfahre ich in meiner eigenen Verwandtschaft, in der junge Leute zur
Kirche auf Distanz gehen. Anderes wissen Sie, liebe Mitchristen,
vermutlich noch besser!
Ich lade Sie ein, in Ihrem Gemeinde- und Lebensumfeld
über diesen Brief zu sprechen und mir ggf. ein schriftliches ”Echo” zu
geben.* Sind die Zielvorgaben, die ich hier vorgetragen habe, für die
katholische Kirche in Deutschland realistisch? Wo sehen Sie konkrete
Möglichkeiten, ihnen näher zu kommen? Gibt es Hoffnung, neu oder noch
überzeugender unsere Kirche zu einer Kirche des ”Willkommens” für die
Menschen zu machen?
Dass eine Ortskirche nicht wächst, mag auszuhalten
sein, dass sie aber nicht wachsen will, ist schlechthin unakzeptabel.
Teilen Sie dieses Urteil? Wenn ja, dann muss uns Katholiken in Deutschland
zum Thema ”missionarische Kirche” mehr einfallen als bisher.
In der Zuversicht, dass dies möglich ist, grüßt Sie
Bischof Joachim Wanke aus Erfurt.
Abkürzungen:
AKD Allgemeines Direktorium für die Katechese vom 15.
August 1997 (= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 130).
EN Apostolisches Schreiben ”Evangelii nuntiandi” vom
8. Dezember 1975, jetzt in: Texte zu Katechese und
Religionsunterricht (= Arbeitshilfen 66).
LG Kirchenkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils
”Lumen gentium”.
Umkehr und Umkehr und Versöhnung im Leben der Kirche.
Orientierungen zur Bußpastoral vom 1. Oktober 1997 (= Die deutschen
Bischöfe 58).
* Bischof Joachim Wanke, Postfach 100662, 99006 Erfurt,
oder: zspastoral@dbk.de |
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