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Der Maskenball ist zuende
Eine ungewöhnliche Betrachung zur Fastenzeit von Don Reto Nay
Selbsterkenntnis gefällig? Die Direttissima dorthin ist die Enthaltsamkeit
beim Essen, Trinken oder Schlafen. Das führt bei den meisten Frommen schon
nach wenigen Bußtagen zu entmutigenden Fastensymptomen. Je nach
Menschentyp sind das Schläfrigkeit, Gereiztheit, Kopfweh, Schwindelgefühl,
Magenstechen, Kältegefühl, Depression oder etwas ähnliches.
Schnell kommt mein 'wahres Ich' zum Vorschein. Ich muß mir nur die dreimal
heiligen und täglichen Tröstungen vom Küchentisch, die Matrazenmeditation,
die Zigaretten oder den Kaffee entziehen. Schon kommt der Psalm zu seinem
Recht: Ich bin ein Wurm und kein Mensch. Kaum ist die Made aus dem Speck,
schrumpft sie dahin wie eine Dörrfrucht.
Das Fasten ist der Katerstimmung ähnlich, die das Ende des Maskenballs
begleitet. Das ist der Augenblick, wenn vor Beginn des Aschermittwochs
nach durchtanztem Abend die Masken fallen und der Hirschenwirt enttäuscht
feststellt, daß er die ganze Zeit nicht die feschen Bankprokuristin,
sondern deren Bruder, den Dorfmetzger, am Arm geführt hat.
Der fastnächtliche Maskenball nimmt vorweg, was in der Fastenzeit
geschieht: Der Seele wird die Maske heruntergerissen: Faste und Du merkst,
wer Du bist. Selbsterkenntnis im Schnellverfahren. Fasten ist ein
großartiges Mittel, um nach dem elfmonatigen Maskenball des Lebens in
Hülle auf den festen Boden des Lebens in Fülle zu kommen. Dieser Boden ist
die menschliche Seele.
Was für den Bildhauer der Hammer, ist für den Frommen die Seele: das
Instrument, mit dem er den Kontakt zur Gott aufnimmt. Das hat inzwischen
auch der Teufel gemerkt. Darum führt er seine Angriffe schon länger nicht
mehr, indem er die Existenz Gottes leugnet, sondern indem er die
menschliche Seele im brüchigen Mörtel irdischer Lüste einbetoniert. Der
große Maskenball der Zementköpfe kann beginnen.
Für diese Festgesellschaft sind der heutige Aschermittwoch und die
anschließende Fastenzeit willkommene Spielverderber. Fasten bietet die
Gelegenheit, die Last der Masken herunterzureissen und dem versteinerten
Tanz der Vampire ein Ende in Schutt und Asche zu bereiten. Es naht die
Stunde der 'Volksfront zur Befreiung der Seele'. Danach folgen vierzig
Tage in Saus und Braus, denn die Engel tragen dick auf: den türkischen
Honig der Heiligen Kommunion, das braungebratene Backhuhn der Beichte, das
weiche Weißbrot des Wortes Gottes, die Marillenknödel der Meditation, den
Braten des Gebetes und die erlesenen Pralinen der Betrachtung.
Kein Arzt braucht vor den Folgen der Schlemmerei zu warnen, im Gegenteil.
Hier gilt die Regel des Schlaraffenlandes: Je mehr desto besser.
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Amici di Dio ]
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