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Katechismus

der Katholischen Kirche
(Siehe auch das Kompendium des Katechismus)

 

 

Erster Teil:

Das Glaubensbekenntnis

Erster Abschnitt

„Ich Glaube" – „Wir Glauben"

26 Wenn wir unseren Glauben bekennen, sagen wir zu Beginn: „Ich glaube" oder „wir glauben". Bevor wir den Glauben der Kirche darlegen, wie er im Credo bekannt, in der Liturgie gefeiert, im Befolgen der Gebote und im Gebet gelebt wird, fragen wir uns also, was „glauben" bedeutet. Der Glaube ist die Antwort des Menschen an Gott, der sich dem Menschen offenbart und schenkt und ihm so auf der Suche nach dem letzten Sinn seines Lebens Licht in Fülle bringt. Wir betrachten folglich zunächst dieses Suchen des Menschen (erstes Kapitel), sodann die göttliche Offenbarung, durch die Gott dem Menschen entgegenkommt (zweites Kapitel), und schließlich die Antwort des Glaubens (drittes Kapitel).

Erstes Kapitel

Der Mensch ist „gottfähig"

I Das Verlangen nach Gott

27 Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht:

„Ein besonderer Grund für die menschliche Würde liegt in der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott wird der Mensch schon von seinem Ursprung her eingeladen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt" (GS 19,1).

28 Von jeher geben die Menschen durch ihre Glaubensanschauungen und religiösen Verhaltensweisen (wie Gebet, Opfer, Kult und Meditation) ihrem Suchen nach Gott mannigfach Ausdruck. Diese Ausdrucksweisen können mehrdeutig sein, sind aber so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann:

Gott „hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, oh sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17, 26–28).

29 Diese „innigste und lebenskräftige Verbindung mit Gott" (GS 19,1) kann jedoch vom Menschen vergessen, verkannt, ja ausdrücklich zurückgewiesen werden. Solche Haltungen können verschiedenste Ursachen haben [Vgl. GS 19-21.]:

Auflehnung gegen das Übel in der Welt, religiöse Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, irdische Sorgen und Reichtum [Vgl. Mt 13,22.], schlechtes Beispiel der Gläubigen, religionsfeindliche Denkströmungen und schließlich die Neigung des sündigen Menschen, sich aus Angst vor Gott zu verbergen [Vgl. Gen 3,8-10.]und vor dem Ruf des Herrn zu fliehen [Vgl. Jona 1,3].

30 „Alle, die den Herrn suchen, sollen sich von Herzen freuen" (Ps 105,3). Mag auch der Mensch Gott vergessen oder zurückweisen, hört Gott doch nicht auf, jeden Menschen zu rufen, damit dieser ihn suche und dadurch lebe und sein Glück finde. Dieses Suchen fordert aber vom Menschen die ganze Anstrengung des Denkens und die gerade Ausrichtung des Willens, „ein auf richtiges Herz", und auch das Zeugnis anderer, die ihn lehren, Gott zu suchen.

„Groß bist du, Herr, und überaus lobwürdig; groß ist deine Stärke und unermeßlich deine Weisheit. Und loben will dich der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist, der Mensch, der seine Sterblichkeit mit sich herumträgt und in ihr das Zeugnis seiner Sündhaftigkeit und das Zeugnis, daß du den Stolzen widerstehst. Und dennoch will er dich loben, der Mensch, der selbst ein Teilchen deiner Schöpfung ist. Du treibst uns an, so daß wir mit Freuden dich loben, denn du hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir" (Augustinus, conf. 1,1,1).

II Die Wege zur Gotteserkenntnis

31 Da der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen und dazu berufen ist, Gott zu erkennen und zu lieben, entdeckt er auf der Suche nach Gott gewisse „Wege", um zur Erkenntnis Gottes zu gelangen. Man nennt diese auch „Gottesbeweise", nicht im Sinn naturwissenschaftlicher Beweise, sondern im Sinn übereinstimmender und überzeugender Argumente, die zu wirklicher Gewißheit gelangen lassen.

Diese „Wege" zu Gott haben die Schöpfung – die materielle Welt und die menschliche Person – zum Ausgangspunkt.

32 Die Welt. Aus der Bewegung und dem Werden, aus der Kontingenz, der Ordnung und der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen.

Der hl. Paulus behauptet von den Heiden: „Was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit" (Röm 1,19–20)[Vgl. Apg 14,15.17; 17,27–28; Weish 13,1-9.]

Und der hl. Augustinus sagt: „Frage die Schönheit der Erde, frage die Schönheit des Meeres, frage die Schönheit der Luft, die sich ausdehnt und sich verbreitet, frage die Schönheit des Himmels frage alle diese Dinge. Alle antworten dir: Schau, wie schön wir sind! Ihre Schönheit ist ein Bekenntnis [confessio]. Wer hat diese der Veränderung unterliegenden Dinge gemacht, wenn nicht der Schöne [Pulcher], der der Veränderung nicht unterliegt?" (serm. 241,2).

33 Der Mensch. Mit seiner Offenheit für die Wahrheit und Schönheit, mit seinem Sinn für das sittlich Gute, mit seiner Freiheit und der Stimme seines Gewissens, mit seinem Verlangen nach Unendlichkeit und Glück fragt der Mensch nach dem Dasein Gottes. In all dem nimmt er Zeichen seiner Geist - Seele wahr. „Da sich der Keim der Ewigkeit, den er in sich trägt, nicht auf bloße Materie zurückführen läßt", (GS 18,1) [Vgl. GS 14,2.], kann seine Seele ihren Ursprung nur in Gott haben.

34 Die Welt und der Mensch bezeugen, daß sie weder ihre erste Ursache noch ihr letztes Ziel in sich selbst haben, sondern daß sie am ursprungslosen und endlosen Sein schlechthin teilhaben. Auf diesen verschiedenen „Wegen" kann also der Mensch zur Erkenntnis gelangen, daß eine Wirklichkeit existiert, welche die Erstursache und das Endziel von allem ist, und diese Wirklichkeit „wird von allen Gott genannt" (Thomas v. A., s. th. 1,2,3).

35 Die Fähigkeiten des Menschen ermöglichen ihm, das Dasein eines persönlichen Gottes zu erkennen. Damit aber der Mensch in eine Beziehung der Vertrautheit mit Gott eintreten könne, wollte dieser sich dem Menschen offenbaren und ihm die Gnade geben, diese Offenbarung im Glauben annehmen zu können. Die Beweise für das Dasein Gottes können indes zum Glauben hinführen und zur Einsicht verhelfen, daß der Glaube der menschlichen Vernunft nicht widerspricht.

III Die Gotteserkenntnis nach der Lehre der Kirche

36 „Die heilige Mutter Kirche hält fest und lehrt, daß Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiß erkannt werden kann" (1. Vatikanisches K.: DS 3004) [Vgl. DS 3026; DV 6.]. Ohne diese Befähigung wäre der Mensch nicht imstande, die Offenbarung Gottes aufzunehmen. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit, weil er „nach dem Bilde Gottes" erschaffen ist [Vgl. Gen 1,26.].

37 In den geschichtlichen Bedingungen, in denen sich der Mensch befindet, ist es jedoch für ihn recht schwierig, Gott einzig mit dem Licht seiner Vernunft zu erkennen.

„Wenn auch die menschliche Vernunft, um es einfach zu sagen, durch ihre natürlichen Kräfte und ihr Licht tatsächlich zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der die Welt durch seine Vorsehung schützt und leitet, sowie des natürlichen Gesetzes, das vom Schöpfer in unsere Herzen gelegt wurde, gelangen kann, so hindert doch nicht weniges, daß dieselbe Vernunft diese ihre angeborene Fähigkeit wirksam und fruchtbar benütze. Was sich nämlich auf Gott erstreckt und die Beziehungen angeht, die zwischen den Menschen und Gott bestehen, das sind Wahrheiten, die die Ordnung der sinnenhaften Dinge gänzlich übersteigen; wenn sie auf die Lebensführung angewandt werden und diese gestalten, verlangen sie Selbstaufopferung und Selbstverleugnung. Der menschliche Verstand aber ist sowohl wegen des Antriebes der Sinne und der Einbildung als auch wegen der verkehrten Begierden, die aus der Ursünde herrühren, beim Erwerb solcher Wahrheiten Schwierigkeiten unterworfen. So kommt es, daß die Menschen sich in solchen Dingen gerne einreden, es sei falsch oder wenigstens zweifelhaft, von dem sie selbst nicht wollen, daß es wahr sei" (Pius XII., Enz. „Humani Generis": DS 3875).

38 Deshalb ist es nötig, daß der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über „das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist", damit es „auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann" (ebd.:DS 3876) [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3005; DV 6; Thomas].

IV Wie von Gott sprechen?

39 Die Kirche vertritt die Überzeugung, daß die menschliche Vernunft Gott zu erkennen vermag. Damit bekundet sie ihre Zuversicht, daß es möglich ist, zu allen Menschen und mit allen Menschen von Gott zu sprechen. Diese Überzeugung liegt ihrem Dialog mit den anderen Religionen, mit der Philosophie und den Wissenschaften, aber auch mit den Ungläubigen und den Atheisten zugrunde.

40 Da unsere Gotteserkenntnis begrenzt ist, ist es auch unser Sprechen von Gott. Wir können nur von den Geschöpfen her und gemäß unserer beschränkten menschlichen Erkenntnis- und Denkweise von Gott sprechen.

41 Alle Geschöpfe weisen eine gewisse Ähnlichkeit mit Gott auf insbesondere der Mensch, der nach Gottes Bild, ihm ähnlich erschaffen ist. Darum widerspiegeln die vielfältigen Vollkommenheiten der Geschöpfe (ihre Wahrheit, ihre Güte, ihre Schönheit) die unendliche Vollkommenheit Gottes. Daher können wir von den Vollkommenheiten seiner Geschöpfe her über Gott Aussagen machen, „denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe läßt sich auf ihren Schöpfer schließen" (Weish 13,5).

42 Gott ist über jedes Geschöpf erhaben. Wir müssen deshalb unser Sprechen von ihm unablässig von allem Begrenztem, Bildhaftem, Unvollkommenem läutern, um nicht den „unaussagbaren, unbegreiflichen, unsichtbaren, unfaßbaren" Gott (Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus, Hochgebet) mit unseren menschlichen Vorstellungen von ihm zu verwechseln. Unsere menschlichen Worte reichen nie an das Mysterium Gottes heran.

43 Wenn wir auf diese Weise von Gott sprechen, drückt sich unsere Sprache zwar menschlich aus, bezieht sich aber wirklich auf Gott selbst, ohne ihn jedoch in seiner unendlichen Einfachheit zum Ausdruck bringen zu können. Wir müssen uns bewußt sein: „Zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, daß zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre" (4. K. im Lateran: DS 806). „Wir können von Gott nicht erfassen, was er ist, sondern bloß, was er nicht ist und wie sich die anderen Wesen auf ihn beziehen" (Thomas v. A., s. gent. 1,30).

Kurztexte

44 Der Mensch ist seiner Natur und Berufung nach ein religiöses Wesen. Da er von Gott kommt und zu Gott geht, lebt der Mensch nur in freiwilliger Verbindung mit Gott ein vollmenschliches Leben.

45 Der Mensch ist dazu geschaffen, in Gemeinschaft mit Gott zu leben, in dem er sein Glück findet: „Wenn ich dir anhängen werde mit meinem ganzen Wesen, dann wird mich kleinerlei Schmerzt und Trübsal mehr bedrüken, und mein ganz von dir erfülltes Leben wird erst wharhaftiges Leben sein" (Augustinus, conf. 10, 28, 39).

46 Wenn der Mensch auf die Botschaft der Geschöpfe und die Stimme seines Gewissens hört, kann er zur Gewißheit gelangen, daß Gott als Ursache und Ziel von allem existiert.

47 Die Kirche lehrt, daß sich der einzige und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, dank dem natürlichen Licht der Vernunft aus seinen Werken mit Gewißheit erkennen läßt. [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3026.]

48 Wir können wirklich von Gott sprechen, wenn wir von den vielfältigen Vollkommenheiten der Geschöpfe ausgehen, durch die sie dem unendlich vollkommenen Gott änhlich sind. Unsere begrenzte Sprache vermag aber sein Mysterium nicht auszuschöpfen.

49 „Das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts" (GS 36). Darum wissen sich die Glaubenden durch die Liebe Christi gedrängt, denen, die ihn nicht kennen oder zurückweisen, das Licht des lebendigen Gottes zu bringen.


 

Zweites Kapitel

Gott geht auf den Menschen zu

50 Durch seine natürliche Vernunft kann der Mensch Gott aus dessen Werken mit Gewißheit erkennen. Es gibt jedoch noch eine andere Erkenntnisordnung, zu der der Mensch nicht aus eigenen Kräften zu gelangen vermag: diejenige der göttlichen Offenbarung [Vgl. 1. Vatikanisches K.: DS 3015.]. Durch einen ganz freien. Entschluß offenbart und schenkt sich Gott dem Menschen, indem er sein innerstes Geheimnis enthüllt, seinen gnädigen Ratschluß, den er in Christus für alle Menschen von aller Ewigkeit her gefaßt hat. Er enthüllt seinen Heilsplan vollständig, indem er seinen geliebten Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, und den Heiligen Geist sendet.

Artikel 1

Die Offenbarung Gottes

I Gott offenbart seinen „gnädigen Ratschluß"

51 „Es hat Gott in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens bekannt zu machen, daß die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig werden" (DV 2).

52 Gott, „der in unzugänglichem Licht wohnt" (1 Tim 6,16), will die Menschen, die er in Freiheit erschaffen hat, sein eigenes göttliches Leben mitteilen, um sie in seinem einzigen Sohn als Söhne anzunehmen [Vgl. Eph 1,4–5.]. Indem Gott sich offenbart, will er die Menschen befähigen, ihm zu antworten, ihn zu erkennen und ihn weit mehr zu lieben, als sie von sich aus imstande wären.

53 Der göttliche Offenbarungsratschluß verwirklicht sich „in Taten und Worten, die innerlich miteinander verknüpft sind" und einander erhellen (DV 2). In ihm liegt eine eigenartige göttliche „Erziehungsweisheit": Gott teilt sich dem Menschen stufenweise mit; er bereitet ihn etappenweise darauf vor, seine übernatürliche Selbstoffenbarung aufzunehmen, die in der Person und Sendung des fleischgewordenen Wortes Jesus Christus gipfelt.

Der hl. Irenäus von Lyon spricht unter dem Bild der gegenseitigen Angewöhnung Gottes und des Menschen wiederholt von dieser göttlichen Pädagogik:

„Das Wort Gottes wohnte im Menschen und wurde zum Menschensohn, damit der Mensch sich gewöhne, Gott aufzunehmen, und Gott sich gewöhne, im Menschen zu wohnen nach dem Wohlgefallen des Vaters" (hær. 3,20,2) [ Vgl. z.B. hær. 3,17,1; 4,12,4; 4,21,3].

II Die Stufen der Offenbarung

Gott läßt sich von Anfang an erkennen

54 „Gott, der durch das Wort alles erschafft und erhält, gewährt den Menschen in den geschaffenen Dingen ein ständiges Zeugnis von sich und hat, weil er den Weg des übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, darüber hinaus sich selbst schon von Anfang an den Stammeltern kundgetan" (DV 3). Er hat sie zu einer innigen Gemeinschaft mit sich berufen, indem er sie mit strahlender Gnade und Gerechtigkeit umkleidete.

55 Diese Offenbarung wurde durch die Sünde unserer Stammeltern nicht abgebrochen. Denn Gott hat sie nach „ihrem Fall ... durch die Verheißung der Erlösung zur Hoffnung auf das Heil [wieder]aufgerichtet und ohne Unterlaß für das Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die in der Beharrlichkeit des guten Werkes nach dem Heil streben"(DV 3).

Als der Mensch „im Ungehorsam deine Freundschaft verlor und der Macht des Todes verfiel, hast du ihn dennoch nicht verlassen ... Immer wieder hast du den Menschen deinen Bund angeboten" (MR, Viertes Hochgebet 118).

Der Bund mit Noach

56 Als durch die Sünde die Einheit des Menschengeschlechtes zerbrochen war, suchte Gott die Menschheit zunächst auf dem Weg über jedes einzelne Bruchstück zu retten. Im Bund, den er nach der Sintflut mit Noach schloß [Vgl. Gen 9,9.], äußert sich der göttliche Heilswille gegenüber den „Völkern", das heißt gegenüber den Menschen, die „in ihren verschiedenen Ländern ..., jedes nach seiner Sprache und seinen Sippenverbänden", geordnet sind (Gen 10, 5). [Vgl. Gen 10,20–31.].

57 Die zugleich kosmische, gesellschaftliche und religiöse Ordnung der Vielzahl der Völker [Vgl. Apg 17,26–27], die von der göttlichen Vorsehung der Obhut der Engel anvertraut wurde [Vgl. Din 4,19; 32,8 LXX.] soll den Stolz einer gefallenen Menschheit dämpfen, die in einmütiger Schlechtigkeit [Vgl. Weish 10,5] sich selbst zu einer Einheit in der Art von Babel [Vgl. Gen 11,4-6.] machen möchte. Doch infolge der Sünde [Vgl. Röm 1,18–25.]droht diese vorläufige Ordnung immer wieder in die heidnische Abwegigkeit der Vielgötterei und der Vergötzung des Volkes und seines Führers abzugleiten.

58 Der Bund mit Noach bleibt so lange in Kraft, wie die Zeit der Völker dauert [Vgl. Lk2l,24.], bis zur Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt. Die Bibel verehrt einige große Gestalten der „Völker": „Abel den Gerechten", den Priesterkönig Melchisedek [Vgl. Gen 14,18.] als ein Abbild Christi [Vgl. Hebr 7,3.], die gerechten „Noach, Danel und Ijob" (Ez 14,14). So bringt die Schrift zum Ausdruck, zu welch hoher Heiligkeit die gelangen können, die dem Noachbund entsprechend darauf harren, daß Christus kommt, „die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln" (Joh 11,52).

Gott erwählt Abraham

59 Um die versprengte Menschheit wieder zur Einheit zusammenzuführen, erwählt Gott Abram und ruft ihn aus seinem Land, von seiner Verwandtschaft und aus seinem Vaterhaus [Vgl. Gen 12,1.], um ihn zu Abraham, das heißt zum „Stammvater einer Menge von Völkern" (Gen 17,5) zu machen: „In dir sollen gesegnet werden alle Völker der Erde" (Gen 12,3 LXX). [ 10 Vgl. Gal 3,8.]

60 Das aus Abraham hervorgegangene Volk wird zum Träger der den Patriarchen gemachten Verheißung, zum auserwählten Volk [Vgl. Röm l1,28.], das dazu berufen ist, die Sammlung aller Kinder Gottes in der Einheit der Kirche [Vgl. Joh 11,52; 10,16.] vorzubereiten. Dieses Volk wird zum Wurzelstock, dem die gläubig gewordenen Heiden eingepfropft werden [Vgl. Röm 11,17-18.24.].

61 Die Patriarchen, die Propheten und weitere große Gestalten des Alten Testamentes wurden und werden in allen liturgischen Traditionen stets als Heilige verehrt.

Gott bildet sich sein Volk Israel heran

62 In der Zeit nach den Patriarchen machte Gott Israel zu seinem Volk. Er befreite es aus der Sklaverei in Ägypten, schloß mit ihm den Sinaibund und gab ihm durch Mose sein Gesetz, damit es ihn als den einzigen, lebendigen und wahren Gott, den fürsorglichen Vater und gerechten Richter anerkenne, ihm diene und den verheißenen Erlöser erwarte [Vgl. DV 3].

63 Israel ist das priesterliche Volk Gottes [Vgl. Ex 19,6.], über dem „der Name des Herrn ... ausgerufen ist" (Dtn 28,10). Es ist das Volk derer, „zu denen Gott zuerst gesprochen hat" (MR, Karfreitag 13: große Fürbitte 6), das Volk der „älteren Brüder" im Glauben Abrahams.

64 Durch die Propheten bildet Gott sein Volk heran in der Hoffnung auf das Heil, im Harren auf einen neuen, ewigen Bund, der für alle Menschen bestimmt ist [Vgl. Jes 2,2–4.] und in die Herzen geschrieben wird [Vgl. Jer 31,31–34; Hebr 10,16.]. Die Propheten künden eine radikale Erlösung des Gottesvolkes an, die Reinigung von allen seinen Vergehen [Vgl. Ez 36], ein Heil, das alle Völker umfassen wird [Vgl. Jes 49,5–6; 53,11.]. Vor allem die Armen und Demütigen des Herrn [Vgl. Zef 2,3.]werden zu Trägern dieser Hoffnung. Heilige Frauen wie Sara, Rebekka, Rahel, Mirjam, Debora, Hanna, Judit und Ester erhalten die Heilshoffnung Israels lebendig; deren reinste Gestalt ist Maria. [Vgl. Lk l,38.]

III Christus Jesus – der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung

In seinem Wort hat Gott alles gesagt

65 „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn" (Hebr 1,1–2). Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist das vollkommene, unübertreffbare, eingeborene Wort des Vaters. In ihm sagt der Vater alles, und es wird kein anderes Wort geben als dieses. Das bringt der hl. Johannes vom Kreuz in seiner Auslegung von Hebr 1,1–2 lichtvoll zum Ausdruck:

„Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles zumal in diesem einen Worte gesprochen ... Denn was er ehedem nur stückweise zu den Propheten geredet, das hat er nunmehr im ganzen gesprochen, indem er uns das Ganze gab, nämlich seinen Sohn. Wer demnach jetzt noch ihn befragen oder von ihm Visionen oder Offenbarungen haben wollte, der würde nicht bloß unvernünftig handeln, sondern Gott geradezu beleidigen, weil er seine Augen nicht einzig auf Christus richten würde, ohne jegliches Verlangen nach anderen oder neuen Dingen" (Carm. 2,22).

Es wird keine andere Offenbarung mehr geben

66 „Daher wird die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und nun endgültige Bund, niemals vorübergehen, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der glorreichen Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus" (DV 4). Obwohl die Offenbarung abgeschlossen ist, ist ihr Inhalt nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach ihre ganze Tragweite zu erfassen.

67 Im Laufe der Jahrhunderte gab es sogenannte „Privatoffenbarungen", von denen einige durch die kirchliche Autorität anerkannt wurden. Sie gehören jedoch nicht zum Glaubensgut. Sie sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi zu „vervollkommnen" oder zu „vervollständigen", sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben. Unter der Leitung des Lehramtes der Kirche weiß der Glaubenssinn der Gläubigen zu unterscheiden und wahrzunehmen, was in solchen Offenbarungen ein echter Ruf Christi oder seiner Heiligen an die Kirche ist.

Der christliche Glaube kann keine „Offenbarungen" annehmen, die vorgeben, die Offenbarung, die in Christus vollendet ist, zu übertreffen oder zu berichtigen, wie das bei gewissen nichtchristlichen Religionen und oft auch bei gewissen neueren Sekten der Fall ist, die auf solchen „Offenbarungen" gründen.

Kurztexte

68 Gott hat sich aus Liebe dem Menschen geoffenbart und geschenkt. Er gibt so eine übberreiche und endgültige Antwort auf die Fragen nach dem Sinn und Ziel des Lebens, die sich der Mensch stellt.

69 Gott offenbarte sich dem Menschen dadurch, daß er ihm sein Mysterium stufenweise durch Taten und Worte mitteilte.

70 Über seine Selbstbezeugung in den geschaffenen Dingen hinaus hat sich Gott selbst unseren Stammeltern kundgetan. Er sprach zu ihnen; nach dem Sündenfall verhieß er ihnen das Heil [Vgl. Gen 3,15. – 2 Vgl. Gen 9,16.– Vgl. Joh 14,6.] und bot ihnen seinen Bund an.

71 Gott schloß mit Noach einen ewigen Bund, einen Bund zwischen sich und allen lebenden Wesen [Vgl. Gen 9,16.]. Solange die Welt dauert, dauert auch dieser Bund.

72 Gott erwälte Abraham und schloß mit ihm und seiner Nachkommenschaft einen Bund. Aus ihr bildete er sich ein Volk heran, dem er durch Mose das Gesetz offenbarte. Er bereitete dieses Volk durch die Propheten darauf vor, das für die ganze Menschheit bestimmte Heil zu empfangen.

73 Gott offenbarte sich ganz, indem er seinen eigenen Sohn sandte, in welchem er seinen Bund für immer schloß. Christus ist das endgültige Wort des Vaters, so daß es nach ihm keine weitere Offenbarung mehr geben wird.

Artikel 2

Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung

74 Gott „will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4), das heißt zur Erkenntnis Jesu Christi [Vgl. Joh 14,6.]. Deshalb muß Christus allen Völkern und Menschen verkündet werden und die Offenbarung bis an die Grenzen der Erde gelangen.

„Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, das sollte – so hat er in seiner großen Güte verfügt – auf ewig unversehrt fortdauern und allen Geschlechtern weitergegeben werden" (DV 7).

I Die apostolische Überlieferung

75 „Christus, der Herr, in dem die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet, hat den Aposteln den Auftrag gegeben, das Evangelium, das, vordem durch die Propheten verheißen, er selbst erfüllt und mit eigenem Munde verkündet hat, als die Quelle aller heilsamen Wahrheit und Sittenlehre allen zu predigen und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen" (DV 7).

Die apostolische Predigt ...

76 Dem Willen des Herrn entsprechend geschah die Weitergabe des Evangeliums auf zwei Weisen:

– mündlich „durch die Apostel, die in mündlicher Predigt, durch Beispiel und Einrichtungen das weitergaben, was sie entweder aus Christi Mund, im Umgang mit ihm und durch seine Werke empfangen oder unter der Eingebung des Heiligen Geistes gelernt hatten";

– schriftlich „durch jene Apostel und apostolischen Männer, die unter der Inspiration desselben Heiligen Geistes die Botschaft vom Heil niederschrieben" (DV 7).

... weitergeführt in der apostolischen Sukzession

77 „Damit aber das Evangelium in der Kirche stets unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel als ihre Nachfolger Bischöfe zurückgelassen, denen sie ihr eigenes Lehramt übergaben" (DV 7). Denn es mußte „die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern in besonderer Weise ausgedrückt wird, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden" (DV 8).

78 Diese lebendige Weitergabe, die im Heiligen Geist geschieht, wird – als von der Heiligen Schrift verschieden, aber doch eng mit ihr verbunden –„Überlieferung" genannt. „So setzt die Kirche in ihrer Lehre, ihrem Leben und ihrem Kult fort und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt" (DV 8). „Die Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebendigmachende Gegenwart dieser Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen" (DV 8).

79 So bleibt die Selbstmitteilung des Vaters durch sein Wort im Heiligen Geist in der Kirche zugegen und wirksam: „Und so ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlaß im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und läßt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen" (DV 8).

II Die Beziehung zwischen der Überlieferung und der Heiligen Schrift

Eine gemeinsame Quelle....

80 „Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu" (DV 9). Beide machen in der Kirche das Mysterium Christi gegenwärtig und fruchtbar, der versprochen hat, bei den Seinen zu bleiben „alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20).

... zwei verschiedene Arten der Weitergabe

81 „Die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet worden ist."

„Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus, dem Herrn, und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten" (DV 9).

82 „So ergibt sich, daß die Kirche", der die Weitergabe und Auslegung der Offenbarung anvertraut ist, „ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. Daher sind beide mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht anzunehmen und zu verehren" (DV 9).

Apostolische Überlieferung und kirchliche Überlieferungen

83 Die Überlieferung [oder Tradition], von der wir hier sprechen, kommt von den Aposteln her und gibt das weiter, was diese der Lehre und dem Beispiel Jesu entnahmen und vom Heiligen Geist vernahmen. Die erste Christengeneration hatte ja noch kein schriftliches Neues Testament, und das Neue Testament selbst bezeugt den Vorgang der lebendigen Überlieferung.

Die theologischen, disziplinären, liturgischen oder religiösen Überlieferungen [oder Traditionen], die im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden, sind etwas anderes. Sie stellen an die unterschiedlichen Orte und Zeiten angepaßte besondere Ausdrucksformen der großen Überlieferung dar. Sie können in deren Licht unter der Leitung des Lehramtes der Kirche beibehalten, abgeändert oder auch aufgegeben werden.

III Die Auslegung des Glaubenserbes

Das Glaubenserbe ist der Kirche als ganzer anvertraut

84 Das in der Heiligen Überlieferung und in der Heiligen Schrift enthaltene „heilige Erbe" [Vgl. Tim 6,20; 2Timl‘12–14.] des Glaubens [depositum fidei] ist von den Aposteln der Kirche als ganzer anvertraut worden. „Ihr anhängend verharrt das ganze heilige Volk, mit seinen Hirten vereint, ständig in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel, bei Brotbrechen und Gebeten, so daß im Festhalten am überlieferten Glauben, in seiner Verwirklichung und in seinem Bekenntnis ein einzigartiger Einklang zwischen Vorstehern und Gläubigen zustande kommt" (DV 10).

Das Lehramt der Kirche

85 „Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes authentisch auszulegen, ist allein dem lebendigen Lehramt der Kirche" – das heißt den Bischöfen in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, dem Bischof von Rom – „anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird" (DV 10).

86 „Das Lehramt steht also nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nur lehrt, was überliefert ist, da es ja dieses [Wort Gottes] nach göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes ehrfürchtig hört, heilig bewahrt und treu erklärt und all das, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Erbe des Glaubens schöpft" (DV 10).

87 Die Gläubigen rufen sich das Wort Christi an die Apostel ins Gedächtnis: „Wer euch hört, der hört mich" (Lk 10,16) [Vgl. LG 20.] und nehmen die Lehren und Weisungen, die ihnen ihre Hirten in verschiedenen Formen geben, willig an.

Die Dogmen des Glaubens

88 Das Lehramt der Kirche setzt die von Christus erhaltene Autorität voll ein, wenn es Dogmen definiert, das heißt, wenn es in einer das christliche Volk zu einer unwiderruflichen Glaubenszustimmung verpflichtenden Form Wahrheiten vorlegt, die in der göttlichen Offenbarung enthalten sind, oder auch wenn es auf endgültige Weise Wahrheiten vorlegt, die mit diesen in einem notwendigen Zusammenhang stehen.

89 Unser geistliches Leben und die Dogmen stehen in organischer Verbindung. Die Dogmen sind Lichter auf unserem Glaubensweg, sie erhellen und sichern ihn. Umgekehrt werden durch ein rechtes Leben unser Verstand und unser Herz geöffnet, um das Licht der Glaubensdogmen aufzunehmen [Vgl. Joh 8,31-32.].

90 Die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Dogmen und ihr innerer Zusammenhang sind in der Offenbarung des Mysteriums Christi als ganze zu finden [Vgl. 1. Vatikanisches K.: „nexus mysteriorum": DS 3016; LG 25.]. Es gibt „eine Ordnung oder ,Hierarchie‘ der Wahrheiten der katholischen Lehre, da ihr Zusammenhang mit dem Fundament des christlichen Glaubens verschieden ist." (UR 11).

Der übernatürliche Glaubenssinn

91 Alle Gläubigen sind an der Erfassung und Weitergabe der geoffenbarten Wahrheit beteiligt. Sie haben die Salbung des Heiligen Geistes empfangen, der sie unterrichtet [Vgl. 1 Joh 2,20. 27. ]und in die ganze Wahrheit führt [Vgl. Joh 16,13.].

92 „Die Gesamtheit der Gläubigen ... kann im Glauben nicht fehlgehen, und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie mittels des übernatürlichen Glaubenssinns des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert" (LG 12).

93 „Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und erhalten wird, hängt das Volk Gottes unter der Leitung des heiligen Lehramtes ... dem einmal den Heiligen übergebenen Glauben unwiderruflich an, dringt mit rechtem Urteil immer tiefer in ihn ein und wendet ihn im Leben voller an" (LG 12).

Das Wachstum im Glaubensverständnis

94 Dank des Beistands des Heiligen Geistes kann das Verständnis der Wirklichkeiten wie auch der Formulierungen des Glaubenserbes im Leben der Kirche wachsen:

– „aufgrund des Nachsinnens und des Studiums der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen" (DV 8); insbesondere „die theologische Forschung soll sich ... um eine tiefe Erkenntnis der geoffenbarten Wahrheit bemühen" (GS 62,7)[Vgl. Gs 44,2; DV23; 24; UR 4.];

– „aufgrund der inneren Einsicht in die geistlichen Dinge, die sie erfahren" (DV 8); „die göttlichen Worte wachsen mit den Lesenden" (Gregor d. Gr., hom. Ez. 1,7,8);

– „aufgrund der Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt die sichere Gnadengabe der Wahrheit empfangen haben" (DV 8).

*

95 „Es zeigt sich also, daß die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem überaus weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß das eine nicht ohne die anderen besteht und alle zusammen, jedes auf seine Weise, durch das Tätigsein des einen Heiligen Geistes wirksam zum Heil der Seelen beitragen" (DV 10,3).

Kurztexte

96 Was Christus den Aposteln anvertraut hatte, haben diese, vom Heiligen Geist inspiriert, in ihrer Predigt und schriftlich allen Generationen bis zur herrlichen Wiederkunft Christi weitergegeben.

97 „Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden die eine der Kirche anvertraute heilige Hinterlassenschaft des Wortes Gottes " (DV 10). Darin betrachtet die pilgernde Kirche wie in einem Spiegel Gott, den Quell all ihrer Reichtümer.

98 „So setzt die Kirche in ihrer Lehre, ihrem Leben und ihrem Kult fort und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt " (DV 8).

99 Dank seinem übernatürlichen Glaubensinn empfängt das ganze Volk Gottes unablässig die Gabe der göttlichen Offenbarung, dringt tiefer in sie ein und lebt voller aus ihr.

100 Die Aufgabe, das Wort Gottes verbindlich auszulegen, wurde einzig dem Lehramt der Kirche, dem Papst und den in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfen anvertraut.

Artikel 3

Die Heilige Schrift

I Christus – das einzige Wort der Heiligen Schrift

101 Um sich den Menschen zu offenbaren, spricht Gott in seiner entgegenkommenden Güte zu den Menschen in menschlichen Worten: „Gottes Worte, durch Menschenzunge ausgedrückt, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme des Fleisches menschlicher Schwachheit den Menschen ähnlich geworden ist" (DV 13).

102 Durch alle Worte der Heiligen Schrift sagt Gott nur ein Wort: sein eingeborenes Wort, in dem er sich selbst ganz aussagt [Vgl. Hebr 1,1–3. ]:

„Das eine gleiche Wort Gottes erstreckt sich durch alle Schriften; das eine gleiche Wort ertönt im Mund aller heiligen Schriftsteller. Da es im Anfang Gott bei Gott war, benötigt es keine Silben, denn es ist nicht zeitbedingt" (Augustinus, Psal. 103,4, 1).

103 Aus diesem Grund hat die Kirche die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Leib des Herrn selbst. Sie reicht den Gläubigen ohne Unterlaß das Brot des Lebens, das sie vom Tisch des Wortes Gottes und des Leibes Christi empfängt.[Vgl. DV 21.]

104 In der Heiligen Schrift findet die Kirche ständig ihre Nahrung und ihre Kraft [Vgl. DV 24.], denn in ihr empfängt sie nicht nur ein menschliches Wort, sondern was die Heilige Schrift wirklich ist: das Wort Gottes [Vgl. l Thess 2,13.]. „In den Heiligen Büchern kommt nämlich der Vater, der in den Himmeln ist, seinen Kindern liebevoll entgegen und hält mit ihnen Zwiesprache" (DV 21).

II Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift

105 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift. „Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift schriftlich enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden."

„Denn die heilige Mutter Kirche hält aufgrund apostolischen Glaubens die Bücher sowohl des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen für heilig und kanonisch, weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber [Autor] haben und als solche der Kirche übergeben sind" (DV 11).

106 Gott hat die menschlichen Verfasser [Autoren] der Heiligen Schrift inspiriert. „Zur Abfassung der Heiligen Bücher aber hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – selbst wollte, als wahre Verfasser [Autoren] schriftlich zu überliefern" (DV 11).

107 Die inspirierten Bücher lehren die Wahrheit. „Da also all das, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt gelten muß, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte" (DV 11).

108 Der christliche Glaube ist jedoch nicht eine „Buchreligion". Das Christentum ist die Religion des „Wortes" Gottes, „nicht eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes" (Bernhard, hom. miss. 4,11). Christus, das ewige Wort des lebendigen Gottes, muß durch den heiligen Geist unseren Geist „für das Verständnis der Schrift" öffnen (Lk 24,45), damit sie nicht toter Buchstabe bleibe.

III Der Heilige Geist ist der Ausleger der Schrift

109 In der Heiligen Schrift spricht Gott zum Menschen nach Menschenweise. Um die Schrift gut auszulegen, ist somit auf das zu achten, was die menschlichen Verfasser wirklich sagen wollten und was Gott durch ihre Worte uns offenbaren wollte [Vgl. DV 12,1.].

110 Um die Aussageabsicht der Schriftautoren zu erfassen, sind die Verhältnisse ihrer Zeit und ihrer Kultur, die zu der betreffenden Zeit üblichen literarischen Gattungen und die damals geläufigen Denk-, Sprech- und Erzählformen zu berücksichtigen. „Denn die Wahrheit wird in Texten, die auf verschiedene Weise geschichtlich, prophetisch oder poetisch sind, oder in anderen Redegattungen jeweils anders dargelegt und ausgedrückt" (DV 12,2).

111 Da aber die Heilige Schrift inspiriert ist, gibt es noch ein weiteres, nicht weniger wichtiges Prinzip zur richtigen Auslegung, ohne das die Schrift toter Buchstabe bliebe: „Die Heilige Schrift ist in demselben Geist, in dem sie geschrieben wurde, auch zu lesen und auszulegen" (DV 12,3).

Für eine Auslegung der Schrift gemäß dem Geist, der sie inspiriert hat, gibt das Zweite Vatikanische Konzil drei Kriterien an [Vgl. DV 12,3.]:

112 1. Sorgfältig „auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift" achten. Wie unterschiedlich auch die Bücher sind, aus denen sie sich zusammensetzt, bildet die Schrift doch eine Einheit aufgrund der Einheit des Planes Gottes, dessen Zentrum und Herz Jesus Christus ist. Seit Ostern ist dieses Herz geöffnet [Vgl. Lk 24,25–27.44–46]:

„Unter ,Herz [Vgl. Ps 22,15.]Christi‘ ist die Heilige Schrift zu verstehen, die das Herz Christi kundtut. Dieses Herz war vor der Passion verschlossen, denn die Schrift war dunkel. Nach der Passion aber ist die Schrift geöffnet, damit diejenigen, die sie jetzt verstehen, erwägen und unterscheiden, wie die Weissagungen auszulegen sind" (Thomas v. A., Psal. 21,11).

113 2. Die Schrift „in der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche" lesen. Einem Sinnspruch der Väter zufolge ist „die Heilige Schrift eher ins Herz der Kirche als auf Pergament geschrieben". Die Kirche bewahrt ja in ihrer Überlieferung das lebendige Gedächtnis des Gotteswortes, und der Heilige Geist gibt ihr die geistliche Auslegung der Schrift„,... nach dem geistlichen Sinn, den der Geist der Kirche schenkt" (Origenes, hom. in Lev. 5,5).

114 3. Auf die „Analogie des Glaubens" achten [Vgl. Röm 12,6.]. Unter „Analogie des Glaubens" verstehen wir den Zusammenhang der Glaubenswahrheiten untereinander und im Gesamtplan der Offenbarung.

Der mehrfache Schriftsinn

115 Nach einer alten Überlieferung ist der Sinn der Schrift ein doppelter: der wörtliche Sinn und der geistliche Sinn. Dieser letztere kann ein allegorischer, ein moralischer und ein anagogischer Sinn sein. Die tiefe Übereinstimmung dieser vier Sinngehalte sichert der lebendigen Lesung der Schrift in der Kirche ihren ganzen Reichtum.

116 Der wörtliche Sinn ist der durch die Worte der Schrift bezeichnete und durch die Exegese, die sich an die Regeln der richtigen Textauslegung hält, erhobene Sinn. „Jeder Sinn [der Heiligen Schrift] gründet auf dem wörtlichen" (Thomas v. A.‘ s. th. 1,1,10, ad 1).

117 Der geistliche Sinn. Dank der Einheit des Planes Gottes können nicht nur der Schrifttext, sondern auch die Wirklichkeiten und Ereignisse, von denen er spricht, Zeichen sein.

1. Der allegorische Sinn. Wir können ein tieferes Verständnis der Ereignisse gewinnen, wenn wir die Bedeutung erkennen, die sie in Christus haben. So ist der Durchzug durch das Rote Meer ein Zeichen des Sieges Christi und damit der Taufe [Vgl. 1 Kor 10,2.].

2. Der moralische Sinn. Die Geschehnisse, von denen in der Schrift die Rede ist, sollen uns zum richtigen Handeln veranlassen. Sie sind „uns als Beispiel ... uns zur Warnung ... aufgeschrieben" (1 Kor 10,11) [Vgl. Hebr 3,1– 4,11.].

3. Der anagogische Sinn. Wir können Wirklichkeiten und Ereignisse in ihrer ewigen Bedeutung sehen, die uns zur ewigen Heimat hinaufführt [griechisch: „anagogé"]. So ist die Kirche auf Erden Zeichen des himmlischen Jerusalem [Vgl. Offb21,1–22,5.].

118 Ein Distichon des Mittelalters faßt die Bedeutung der vier Sinngehalte zusammen:

„Littera gesta docet, quid credas allegoria,

Moralis quid agas, quo tendas anagogia."

[Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie;

die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie.]

119 „Aufgabe des Exegeten ... ist es, nach diesen Regeln auf ein tieferes Verstehen und Erklären des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reife. Alles das nämlich, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, die den göttlichen Auftrag und Dienst verrichtet, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen" (DV 12,3).

„Ich würde selbst dem Evangelium keinen Glauben schenken, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewöge" (Augustinus, fund. 5,6).

IV Der Schriftkanon

120 Die apostolische Überlieferung ließ die Kirche unterscheiden, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher aufgenommen werden sollten [Vgl. DV 8,3.]. Diese vollständige Liste wird „Kanon" der Heiligen Schriften genannt. Danach besteht das Alte Testament aus 46 (45, wenn man Jeremia und die Klagelieder zusammennimmt) und das Neue Testament aus 27 Schriften [Vgl. DS 179; 1334–1336; 1501–1504.]:

Altes Testament: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium, Josua, Richter, Rut, die zwei Bücher Samuel, die zwei Bücher der Könige, die zwei Bücher der Chronik, Esra und Nehemia, Tobit, Judit, Ester, die zwei Bücher der Makkabäer, Ijob, die Psalmen, die Sprichwörter, Kohelet, das Hohelied, die Weisheit, Jesus Sirach, Jesaja, Jeremia, die Klagelieder, Baruch, Ezechiel, Daniel, Hosea, Joël, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi.

Neues Testament: Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe an die Römer, der erste und der zweite an die Korinther, an die Galater, an die Epheser, an die Philipper, an die Kolosser, der erste und der zweite an die Thessalonicher, der erste und der zweite an Timotheus, an Titus, an Philemon, der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, der erste und der zweite Petrusbrief, die drei Briefe des Johannes, der Brief des Judas und die Offenbarung des Johannes.

Das Alte Testament

121 Das Alte Testament ist ein unaufgebbarer Teil der Heiligen Schrift. Seine Bücher sind von Gott inspiriert und behalten einen dauernden Wert [Vgl. DV 14.], denn der Alte Bund ist nie widerrufen worden.

122 „Der Heilsplan des Alten Testamentes war vor allem darauf ausgerichtet, die Ankunft Christi, des Erlösers von allem, ... vorzubereiten". Obgleich die Bücher des Alten Testamentes „auch Unvollkommenes und Zeitbedingtes enthalten", zeugen sie dennoch von der Erziehungskunst der heilschaffenden Liebe Gottes: Sie enthalten „erhabene Lehren über Gott, heilbringende Weisheit über das Leben des Menschen und wunderbare Gebetsschätze"; in ihnen ist „schließlich das Geheimnis unseres Heils verborgen" (DV 15).

123 Die Christen verehren das Alte Testament als wahres Wort Gottes. Den Gedanken, das Alte Testament aufzugeben, weil das Neue es hinfällig gemacht habe [Markionismus], wies die Kirche stets entschieden zurück.

Das Neue Testament

124 „Das Wort Gottes, das Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt, ist, zeigt sich und entfaltet seine Kraft auf vorzügliche Weise in den Schriften des Neuen Testamentes" (DV 17). Diese Schriften bieten uns die endgültige Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Ihr zentrales Thema ist Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, seine Taten, seine Lehre, sein Leiden und seine Verherrlichung sowie die Anfänge seiner Kirche unter dem Walten des Heiligen Geistes [Vgl. DV 20.].

125 Die Evangelien sind das Herzstück aller Schriften als „Hauptzeugnis für Leben und Lehre des fleischgewordenen Wortes, unseres Erlösers" (DV 18).

126 Bei der Bildung der Evangelien lassen sich drei Stufen unterscheiden:

1. Das Leben und die Lehrtätigkeit Jesu. Die Kirche hält entschieden daran fest, daß die vier Evangelien, „deren Geschichtlichkeit sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er [in den Himmel] aufgenommen wurde".

2. Die mündliche Überlieferung. Die Apostel haben „nach dem Aufstieg des Herrn das, was er selbst gesagt und getan hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, über das sie, durch die wunderbaren Ereignisse um Christus unterwiesen und durch das Licht des Geistes der Wahrheit belehrt, verfügten".

3. Die Abfassung der Evangelien. „Die heiligen Verfasser aber haben die vier Evangelien geschrieben, indem sie manches aus dem vielen auswählten, das entweder mündlich oder schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zusammenfaßten oder mit Rücksicht auf den Stand der Kirchen erklärten, indem sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten, [doch] immer so, daß sie uns Wahres und Aufrichtiges über Jesus mitteilten" (DV 19).

127 Das viergestaltige Evangelium nimmt in der Kirche eine einzigartige Stellung ein. Dies bezeugen seine Verehrung in der Liturgie und die unvergleichliche Anziehungskraft, die es jederzeit auf die Heiligen ausübte.

„Es gibt keine Lehre, die besser, kostbarer und herrlicher wäre als der Text des Evangeliums. Seht und haltet fest, was unser Herr und Meister, Christus, in seinen Worten gelehrt und in seinen Taten gewirkt hat" (Cäsaria die Jüngere).

„Vor allem das Evangelium spricht mich während meiner inneren Gebete an; in ihm finde ich alles, was meiner armen Seele nottut. Ich entdecke darin stets neue Einsichten, verborgene, geheimnisvolle Sinngehalte" (Theresia vom Kinde Jesu, ms. autob. A 83v).

Die Einheit des Alten und des Neuen Testamentes

128 Schon zur Zeit der Apostel [Vgl. 1 Kor 10,6.11; Hebr 10,1; 1 Petr 3,21.]und sodann in ihrer ganzen Überlieferung wurde die Einheit des göttlichen Plans in den beiden Testamenten von der Kirche durch die Typologie verdeutlicht. Diese findet in den Werken Gottes im Alten Bund „Vorformen" [Typologien] dessen, was Gott dann in der Fülle der Zeit in der Person seines menschgewordenen Wortes vollbracht hat.

129 Die Christen lesen also das Alte Testament im Licht Christi, der gestorben und auferstanden ist. Diese typologische Lesung fördert den unerschöpflichen Sinngehalt des Altes Testamentes zutage. Sie darf nicht vergessen lassen, daß dieses einen eigenen Offenbarungswert behält, den unser Herr selbst ihm zuerkannt hat [Vgl. Mk 12,29–31.]. Im übrigen will das Neue Testament auch im Licht des Alten Testamentes gelesen sein. Die christliche Urkatechese hat beständig auf dieses zurückgegriffen [Vgl. 1 Kor 5,6–8; 10,1–11.]. Einem alten Sinnspruch zufolge ist das Neue Testament im Alten verhüllt, das Alte im Neuen enthüllt: „Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet" (Augustinus, Hept. 2,73) [Vgl. DV 16.].

130 Die Typologie bedeutet das Hindrängen des göttlichen Plans auf seine Erfüllung, bis schließlich „Gott alles in allen" sein wird (1 Kor 15,28). Zum Beispiel verlieren die Berufung der Patriarchen und der Auszug aus Agypten nicht dadurch ihren Eigenwert im Plan Gottes, daß sie darin auch Zwischenstufen sind.

V Die Heilige Schrift im Leben der Kirche

131 „Dem Wort Gottes aber wohnt eine so große Macht und Kraft inne, daß es für die Kirche Stütze und Leben und für die Kinder der Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner, unversiegbarer Quell des geistlichen Lebens ist" (DV 21). „Der Zugang zur Heiligen Schrift muß für die Christ-gläubigen weit offenstehen" (DV 22).

132 „Das Studium der Heiligen Schrift sei gleichsam die Seele der heiligen Theologie. Aber auch der Dienst des Wortes, nämlich die pastorale Verkündigung, die Katechese und alle christliche Unterweisung, in der die liturgische Homilie einen hervorragenden Platz haben muß, holt aus demselben Wort der Schrift gesunde Nahrung und heilige Kraft" (DV 24).

133 Die Kirche „ermahnt ... alle Christgläubigen ... besonders eindringlich, durch häufige Lesung der Göttlichen Schriften, die ,überragende Erkenntnis Jesu Christi‘ (Phil 3,8) zu erlangen. ,Unkenntnis der Schriften ist nämlich Unkenntnis Christi‘ (Hieronymus, Is. prol.)" (DV 25).

Kurztexte

134 „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in Erfüllung" (Hugo v. Sankt Viktor, Noe 2,8).

135 „Die Heiligen Schriften enthalten das Wort Gottes, und weil inspiriert, sind sie wahrhaft Wort Gottes" (DV 24.)

136 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift: er hat ihre menschlichen Verfasser [Autoren] inspiriert; er handelt in ihnen und durch sie. Er verbürgt somit, daß ihre Schrifte die Heilswarheit irrtumsfrei lehren [Vgl. DV 11.].

137 Die Auslegung der inspirierten Schriften muß vor allem auf das achten, was Gott durch die heiligen Verfasser zu unserem Heil sagen will. „Was vom Geiste kommt, kann nur durch das Wirken des Geistes voll verstanden werden " (Origenes, hom. in Ex 4,5).

138 Die 46 Bücher des Alten und die 27 Bücher des Neuen Testamentes werden von der Kirche als inspiriert angenommen und verehrt.

139 Die vier Evangelien nehmen eine zentrale Stellung ein, weil Jesus Christus ihre Mitte ist.

140 Die Einheit der beiden Testamente ergibt sich der Einheit des Planes und der Offenbarung Gottes. Das Alte Testament bereitet das Neue vor, während dieses das Alte vollendet. Beide erhellen einander; beide sind wahres Wort Gottes.

141 „Die Kirche hat die Göttlichen Schriften wie auch den Herrenlieb selbst immer verehrt" (DV 21). Beide nähren und bestimmen das ganze christliche Leben. „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade" (Ps 119, 105) [Vgl. Jes 50,4.].

Drittes Kapitel

Die Antwort des Menschen an Gott

142 Durch seine Offenbarung „redet ... der unsichtbare Gott aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen, um sie in die Gemeinschaft mit sich einzuladen und in sie aufzunehmen" (DV 2). Die dieser Einladung angemessene Antwort ist der Glaube.

143 Durch den Glauben ordnet der Mensch seinen Verstand und seinen Willen völlig Gott unter. Er gibt Gott, der sich offenbart, mit seinem ganzen Wesen seine Zustimmung [Vgl. DV 5.]. Die Heilige Schrift nennt diese Antwort des Menschen auf den sich offenbarenden Gott „Glaubensgehorsam" [Vgl. Röm 1,5; 16,26.].

Artikel 4

Ich glaube

I Der Glaubensgehorsam

144 Im Glauben gehorchen [ob-audire] heißt, sich dem gehörten Wort in Freiheit unterwerfen, weil dessen Wahrheit von Gott, der Wahrheit selbst, verbürgt ist. Als das Vorbild dieses Gehorsams stellt die Heilige Schrift uns Abraham vor Augen. Die Jungfrau Maria verwirklicht ihn am vollkommensten.

Abraham – „der Vater aller Glaubenden"

145 In seiner Lobrede auf den Glauben der Vorfahren betont der Hebräerbrief ganz besonders den Glauben Abrahams: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde" (Hebr 11, 8) [Vgl. Gen 12,1–4.]. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder und Pilger im verheißenen Land [Vgl. Gen 23,4.] auf. Aufgrund des Glaubens empfing Sara den verheißenen Sohn. Aufgrund des Glaubens endlich brachte Abraham seinen einzigen Sohn als Opfer dar [Vgl. Hebr 11,7.].

146 Abraham verkörpert somit die Definition des Glaubens, die der Hebräerbrief vorlegt: „Glaube ist Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebr 11, 1). „Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet" (Röm 4,3) [Vgl. Gen 15,6.]. Weil er „stark im Glauben" war (Röm 4,20), ist Abraham „zum Vater aller, die ... glauben", geworden (Röm 4,11) [Vgl. Röm 4,18; Gen 15,5.].

147 Das Alte Testament ist reich an Zeugnissen solchen Glaubens. Der Hebräerbrief hält eine Lobrede auf den vorbildlichen Glauben der Vorfahren, der ihnen „ein ruhmvolles Zeugnis" verschaffte (Hebr 11,2) [Vgl. Hebr 11,39.]. Doch Gott hatte „für uns etwas Besseres vorgesehen" (Hebr 11,40): die Gnade, an seinen Sohn Jesus zu glauben, an den „Urheber und Vollender des Glaubens" (Hebr 12,2).

Maria – „Selig ist die, die geglaubt hat!"

148 Die Jungfrau Maria übt den vollkommensten Glaubensgehorsam. Da sie glaubte, daß für Gott „nichts unmöglich" ist (Lk 1,37) [Vgl. Gen 18,14.], nahm sie die vom Engel gebrachte Ankündigung und Verheißung im Glauben entgegen und gab ihre Einwilligung: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38). Elisabeth begrüßte sie: „Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ" (Lk 1,45). Um dieses Glaubens willen werden alle Geschlechter sie seligpreisen [Vgl. Lk 1,48.].

149 Während ihres ganzen Lebens, auch in ihrer letzten Prüfung [Vgl. Lk 2,35.], als Jesus, ihr Sohn, am Kreuz starb, wankte ihr Glaube nicht. Maria gab ihren Glauben, daß das Wort Gottes „in Erfüllung gehen wird", nie auf. Darum verehrt die Kirche in Maria die lauterste Glaubensgestalt.

II „Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe"

An Gott allein glauben

150 Der Glaube ist eine persönliche Bindung des Menschen an Gott und zugleich, untrennbar davon, freie Zustimmung zu der ganzen von Gott geoffenbarten Wahrheit. Als persönliche Bindung an Gott und Zustimmung zu der von ihm geoffenbarten Wahrheit unterscheidet sich der christliche Glaube von dem Glauben, den man einem Menschen schenkt. Sich ganz Gott anheimzugeben und das, was er sagt, absolut zu glauben, ist richtig und gut. Nichtig und falsch wäre es hingegen, einem Geschöpf einen solchen Glauben zu schenken [Vgl. Jer 17,5-6.].

An Jesus Christus, den Sohn Gottes, glauben

151 Für den Christen hängt der Glaube an Gott unzertrennlich zusammen mit dem Glauben an den, den er gesandt hat, an seinen „geliebten Sohn", an dem er Gefallen hat (Mk 1,11) und auf den er uns zu hören hieß [Vgl. Mk 9,7.]. Der Herr selbst sagte zu seinen Jüngern: „Glaubt an Gott, und glaubt an mich!" (Joh 14,1). Wir können an Jesus Christus glauben, weil er selbst Gott, das menschgewordene Wort ist: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht" (Joh 1,18). Weil er „den Vater gesehen" hat (Joh 6,46), ist er der Einzige, der ihn kennt und ihn offenbaren kann [Vgl. Mt 11,27.].

An den Heiligen Geist glauben

152 Man kann nicht an Jesus Christus glauben, ohne an seinem Geist Anteil zu haben: Der Heilige Geist offenbart den Menschen, wer Jesus ist. „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet" (1 Kor 12,3). „Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes ... So erkennt auch keiner Gott nur der Geist Gottes"(1 Kor 2,10–11). Gott allein kennt Gott ganz. Wir glauben an den Heiligen Geist, weil er Gott ist.

Die Kirche bekennt unaufhörlich ihren Glauben an den einen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

III Die Merkmale des Glaubens

Der Glaube ist eine Gnade

153 Als Petrus bekennt, daß Jesus der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes ist, sagt Jesus zu ihm: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel" (Mt 16, 17) [Vgl. Gal 1,15; Mt 11,25.]. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, eine von ihm eingegossene übernatürliche Tugend. „Damit dieser Glaube geleistet wird, bedarf es der zuvorkommenden und helfenden Gnade Gottes und der inneren Hilfen des Heiligen Geistes, der das Herz bewegen und zu Gott umkehren, die Augen des Verstandes öffnen und ,allen die Freude verleihen soll, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben‘" (DV 5).

Der Glaube ist ein menschlicher Akt

154 Nur durch die Gnade und den inneren Beistand des Heiligen Geistes ist man imstande, zu glauben. Und doch ist Glauben ein wahrhaft menschlicher Akt. Es widerspricht weder der Freiheit noch dem Verstand des Menschen, Gott Vertrauen zu schenken und den von ihm geoffenbarten Wahrheiten zuzustimmen. Schon in den menschlichen Beziehungen verstößt es nicht gegen unsere Würde, das, was andere Menschen uns über sich selbst und ihre Absichten sagen, zu glauben, ihren Versprechen Vertrauen zu schenken (z. B. wenn ein Mann und eine Frau heiraten) und so mit ihnen in Gemeinschaft zu treten. Folglich verstößt es erst recht nicht gegen unsere Würde, „dem offenbarenden Gott im Glauben vollen Gehorsam des Verstandes und des Willens zu leisten" (1. Vatikanisches K.: DS 3008) und so in enge Gemeinschaft mit ihm zu treten.

155 Beim Glauben wirken Verstand und Wille des Menschen mit der göttlichen Gnade zusammen: „Glauben ist ein Akt des Verstandes, der auf Geheiß des von Gott durch die Gnade bewegten Willens der göttlichen Wahrheit beistimmt" (Thomas v. A., s. th. 2-2,2,9) [Vgl. Vatikanisches K.: DS 3010.].

Der Glaube und der Verstand

156 Der Beweggrund, zu glauben, liegt nicht darin, daß die geoffenbarten Wahrheiten im Licht unserer natürlichen Vernunft wahr und einleuchtend erscheinen. Wir glauben „wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann" (1. Vatikanisches K.: DS 3008). „Damit nichtsdestoweniger der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimmend sei, wollte Gott, daß mit den inneren Hilfen des Heiligen Geistes äußere Beweise seiner Offenbarung verbunden werden" (ebd.: DS 3009). So sind die Wunder Christi und der Heiligen [Vgl. Mk 16,20; Hebr 2,4.], die Weissagungen, die Ausbreitung und Heiligkeit der Kirche, ihre Fruchtbarkeit und ihr Fortbestehen „ganz sichere und dem Erkenntnisvermögen aller angepaßte Zeichen der göttlichen Offenbarung" (DS 3009), Beweggründe der Glaubwürdigkeit [Vgl. DS 3013.], die zeigen, daß „die Zustimmung zum Glauben keineswegs eine blinde Regung des Herzens ist" (DS 3010).

157 Der Glaube ist gewiß, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann. Zwar können die geoffenbarten Wahrheiten der menschlichen Vernunft und Erfahrung dunkel erscheinen, aber „die Gewißheit durch das göttliche Licht ist größer als die Gewißheit durch das Licht der natürlichen Vernunft" (Thomas v. A., s. th. 2–2,171,5, obj. 3). „Zehntausend Schwierigkeiten machen keinen einzigen Zweifel aus" (J. H. Newman, apol.).

158 „Der Glaube sucht zu verstehen" (Anselm, prosl. prooem.). Wer wirklich glaubt, sucht den, in den er seinen Glauben setzt, besser zu erkennen und das von ihm Geoffenbarte besser zu verstehen. Eine tiefere Erkenntnis wiederum wird einen stärkeren, immer mehr von Liebe beseelten Glauben hervorrufen. Die Gnade des Glaubens öffnet „die Augen des Herzens" (Eph 1,18) zu einem lebendigen Verständnis der Offenbarungsinhalte, das heißt der Gesamtheit des Ratschlusses Gottes und der Mysterien des Glaubens sowie ihres Zusammenhangs miteinander und mit Christus, dem Zentrum des geoffenbarten Mysteriums. „Damit das Verständnis der Offenbarung immer tiefer werde, vervollkommnet der Heilige Geist den Glauben ständig durch seine Gaben" (DV 5). Es verhält sich so, wie der hl. Augustinus gesagt hat:

„Ich glaube, um zu verstehen, und ich verstehe, um besser zu glauben" (serm. 43,7,9).

159 Glaube und Wissenschaft. „Auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben: denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch (kann] jemals Wahres Wahrem widersprechen" (1. Vatikanisches K.: DS 3017). „Deshalb wird die methodische Forschung in allen Disziplinen, wenn sie in einer wirklich wissenschaftlichen Weise und gemäß den sittlichen Normen vorgeht, niemals dem Glauben wahrhaft widerstreiten, weil die profanen Dinge und die Dinge des Glaubens sich von demselben Gott herleiten. Ja, wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Dinge zu erforschen versucht, wird, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, gleichsam an der Hand Gottes geführt, der alle Dinge trägt und macht, daß sie das sind, was sie sind" (GS 36,2).

Die Freiheit des Glaubens

160 Damit der Glaube menschlich sei, soll „der Mensch freiwillig durch seinen Glauben Gott antworten"; darum darf „niemand gegen seinen Willen zur Annahme des Glaubens gezwungen werden ... Denn der Glaubensakt ist seiner eigenen Natur nach freiwillig" (DH 10) [Vgl. CIC. can. 748, § 2.]. „Gott ruft die Menschen zu seinem Dienst im Geiste und in der Wahrheit, und sie werden deshalb durch diesen Ruf im Gewissen verpflichtet, aber nicht gezwungen ... Dies aber ist vollendet in Christus Jesus erschienen" (DH 11). Christus hat wohl zum Glauben und zur Bekehrung eingeladen, aber keineswegs gezwungen. „Er gab der Wahrheit Zeugnis, und dennoch wollte er sie denen, die ihr widersprachen, nicht mit Gewalt aufdrängen. Sein Reich ... wächst in der Kraft der Liebe, in der Christus, am Kreuz erhöht, die Menschen an sich zieht" (DH 11).

Die Notwendigkeit des Glaubens

161 An Jesus Christus und an den zu glauben, der ihn um unseres Heiles willen gesandt hat, ist notwendig, um zum Heil zu gelangen [Vgl. z. B. Mk 16,16; Joh 3,36; 6,40.]. „Weil es aber ,ohne Glauben unmöglich ist, Gott zu gefallen‘ (Hebr 11,6) und zur Gemeinschaft seiner Söhne zu gelangen, so wurde niemandem jemals ohne ihn Rechtfertigung zuteil, und keiner wird das ewige Leben erlangen, wenn er nicht in ihm ,ausgeharrt hat bis ans Ende‘ (Mt 10,22; 24,13)" (1. Vatikanisches K.: DS 3012) [Vgl. K. v. Trient: DS 1532.].

Das Ausharren im Glauben

162 Der Glaube ist ein Gnadengeschenk, das Gott dem Menschen gibt. Wir können dieses unschätzbare Geschenk verlieren. Der hl. Paulus macht Timotheus darauf aufmerksam: „Kämpfe den guten Kampf, gläubig und mit reinem Gewissen. Schon manche haben die Stimme ihres Gewissens mißachtet und haben im Glauben Schiffbruch erlitten" (1 Tim 1, 18–19). Um im Glauben zu leben, zu wachsen und bis ans Ende zu verharren, müssen wir ihn durch das Wort Gottes nähren und den Herrn anflehen, ihn zu mehren [Vgl. Mk 9,24; Lk 17,5; 22,32.]. Er muß „in der Liebe wirksam" (Gal 5, 6)[Vgl. Jak 2,14–26.], von der Hoffnung getragen [Vgl. Röm 15,13.]und im Glauben der Kirche verwurzelt sein.

Der Glaube – Beginn des ewigen Lebens

163 Der Glaube läßt uns schon im voraus die Freude und das Licht der beseligenden Gottesschau genießen, die das Ziel unseres irdischen Weges ist. Wir werden dann Gott „von Angesicht zu Angesicht" (1 Kor 13,12), „wie er ist" (1 Joh 3,2), sehen. Der Glaube ist somit schon der Beginn des ewigen Lebens.

„Wir erwarten den Genuß der uns aus Gnade verheißenen Güter. Wenn wir sie im Glauben wie in einem Spiegel betrachten, sind sie uns schon gegenwärtig" (Basilius, Spir. 15,36) [Vgl. Thomas v. A., s. th. 2–2,4,1.].

164 Jetzt aber gehen wir „als Glaubende ... unseren Weg, nicht als Schauende" (2 Kor 5,7), und erkennen Gott wie in einem Spiegel, rätselhaft und unvollkommen [Vgl. 1 Kor 13,12.]. Der Glaube wird von Gott, auf den er sich richtet, erhellt; dennoch wird er oft im Dunkel gelebt. Der Glaube kann auf eine harte Probe gestellt werden. Die Welt, in der wir leben, scheint von dem, was der Glaube uns versichert, oft sehr weit entfernt. Die Erfahrungen des Bösen und des Leidens, der Ungerechtigkeiten und des Todes scheinen der Frohbotschaft zu widersprechen. Sie können den Glauben erschüttern und für ihn zur Versuchung werden.

165 Dann müssen wir uns den Glaubenszeugen zuwenden: Abraham, der „gegen alle Hoffnung voll Hoffnung" glaubte (Röm 4,18); der Jungfrau Maria, die auf dem „Pilgerweg des Glaubens" (LG 58) sogar in die „Nacht des Glaubens" (Johannes Paul II., Enz. „Redemptoris Mater" 18) hineinging, indem sie am Leiden ihres Sohnes und der Nacht seines Grabes Anteil nahm; und vielen weiteren Zeugen des Glaubens: „Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens" (Hebr 12,1-2).

Artikel 5

Wir glauben

166 Der Glaube ist ein persönlicher Akt: die freie Antwort des Menschen auf die Einladung des sich offenbarenden Gottes. Doch der Glaube ist kein isolierter Akt. Niemand kann für sich allein glauben, wie auch niemand für sich allein leben kann. Niemand hat sich selbst den Glauben gegeben, wie auch niemand sich selbst das Leben gegeben hat. Der Glaubende hat den Glauben von anderen empfangen; er muß ihn anderen weitergeben. Unsere Liebe zu Jesus und den Menschen drängt uns, zu anderen von unserem Glauben zu sprechen. Jeder Glaubende ist so ein Glied in der großen Kette der Glaubenden. Ich kann nicht glauben, wenn ich nicht durch den Glauben anderer getragen bin, und ich trage durch meinen Glauben den Glauben anderer mit.

167 „Ich glaube" (Apostolisches Glaubensbekenntnis): das ist der Glaube der Kirche, wie ihn jeder Glaubende, vor allem bei der Taufe, persönlich bekennt. „Wir glauben" (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel gr.): das ist der Glaube der Kirche, wie ihn die zum Konzil versammelten Bischöfe oder, allgemeiner, die zur Liturgie versammelten Gläubigen bekennen. „Ich glaube": So spricht auch die Kirche, unsere Mutter, die durch ihren Glauben Gott antwortet und uns sagen lehrt: „Ich glaube", „wir glauben".

I „Herr, schau auf den Glauben deiner Kirche"

168 Zunächst ist es die Kirche, die glaubt und so meinen Glauben trägt, nährt und stützt. Zunächst ist es die Kirche, die den Herrn überall bekennt („Dich preist über das Erdenrund die heilige Kirche", singen wir im Hymnus „Te Deum"), und mit ihr und in ihr kommen auch wir dazu, ebenfalls zu bekennen: „Ich glaube", „wir glauben". Durch die Kirche empfangen wir in der Taufe den Glauben und das neue Leben in Christus. Im römischen Ritus fragt der Taufspender den Täufling: „Was erbittest du von der Kirche Gottes?" Die Antwort lautet: „Den Glauben" – „Was gibt dir der Glaube?" – „Das ewige Leben" (RR, OBA).

169 Das Heil kommt von Gott allein, aber weil wir das Leben des Glaubens durch die Kirche empfangen, ist sie unsere Mutter: „Wir glauben die Kirche als die Mutter unserer Wiedergeburt, und nicht an die Kirche, als ob sie die Urheberin unseres Heils wäre" (Faustus v. Riez, Spir. 1,2). Als unsere Mutter ist sie auch unsere Erzieherin im Glauben.

II Die Sprache des Glaubens

170 Wir glauben nicht an Formeln, sondern an die Wirklichkeiten, die diese ausdrücken und die der Glaube uns zu „berühren" erlaubt. „Der Akt des Glaubenden hat seinen Zielpunkt nicht bei der Aussage, sondern bei der [ausgesagten] Wirklichkeit" (Thomas v. A., s. th. 2–2,1,2, ad 2). Doch wir nähern uns diesen Wirklichkeiten mit Hilfe der Glaubensformeln. Diese ermöglichen, den Glauben auszudrücken und weiterzugeben, ihn in Gemeinschaft zu feiern, ihn uns anzueignen und immer mehr aus ihm zu leben.

171 Als „die Säule und das Fundament der Wahrheit" (1 Tim 3,15) bewahrt die Kirche treu „den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist" (Jud 3). Sie behält die Worte Christi im Gedächtnis; sie gibt das Glaubensbekenntnis der Apostel von Generation zu Generation weiter. Wie eine Mutter, die ihre Kinder sprechen und damit zu verstehen und zusammenzuleben lehrt, lehrt uns die Kirche, unsere Mutter, die Sprache des Glaubens, um uns in das Verständnis und das Leben des Glaubens einzuführen.

III Ein einziger Glaube

172 Seit Jahrhunderten bekennt die Kirche in all den vielen Sprachen, Kulturen, Völkern und Nationen ihren einzigen, vom einen Herrn empfangenen, durch eine einzige Taufe weitergegebenen Glauben, der in der Überzeugung wurzelt, daß alle Menschen nur einen Gott und Vater haben [Vgl. Eph 4,4-6.]. Der hl. Irenäus von Lyon, ein Zeuge dieses Glaubens, erklärt:

173 „Die Kirche erstreckt sich über die ganze Welt bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen ... und bewahrt [diese Botschaft und diesen Glauben], wie sie sie empfangen hat, als ob sie in einem einzigen Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund hätte" (hær. 1,10,1-2).

174 „Und wenn es auch auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Geltung der Überlieferung ein und dieselbe. Die in Germanien gegründeten Kirchen glauben und überliefern nicht anders als die in Spanien oder bei den Kelten, als die im Orient oder in Ägypten, die in Libyen oder in der Mitte der Welt (ebd.). „Wahr und zuverlässig ist die Botschaft der Kirche, denn bei ihr erscheint in der gesamten Welt ein und derselbe Weg zum Heil" (hær. 5,20,1).

175 „Diesen Glauben, den wir von der Kirche empfangen haben, behüten wir sorgfältig. Wie ein kostbarer Schatz, der in einem ausgezeichneten Gefäß verschlossen ist, wird der Glaube durch die Wirkung des Geistes Gottes immer verjüngt und verjüngt das Gefäß, das ihn enthält" (hær. 3,24,1).

Kurztexte

176 Der Glaube ist eine persönliche Bindung des ganzen Menschen an den sich offenbarenden Gott. In ihm liegt eine Zustimmung des Verstandes und des Willens zur Selbstoffenbarung Gottes in seinen Taten und Worten.

177 „Glauben" hat also einen doppelten Bezug: den zur Person und den zur Wahrheit; der Glaubensakt bezieht sich auf die Wahrheit durch das Vertrauen in die Person, die sie bezeugt.

178 Wir sollen an niemand anderen glauben als an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

179 Der Glaube ist eine übernatürliche Gabe Gottes. Um zu Glauben, bedarf der Mensch der inneren Hilfe des Heiligen Geistes.

180 „Glauben" ist ein bewußter und freier menschlicher Akt, der der Würde der menschlichen Person entspricht.

181 „Glauben" ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. „Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat" (Cyprian, unit. eccl.).

182 „Wir glauben alles, was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und was die Kirche als von Gott geoffenbarte Wahrheit zu glauben vorlegt" (SPF20).

183 Der Glaube ist heilsnotwendig. Der Herr selbst sagt: „Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16,16).

184 „Der Glaube ist ein Vorgeschmack der Erkenntnis, die uns im künftigen Leben selig machen wird" (Thomas v. A., comp. 1,2).

Apostolisches Glaubensbekenntnis

Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde,

Wir glauben an den einen Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.

 

empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria,

Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen,

hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben,

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden,

hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten,

ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift

aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters

von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten,

die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen,

und die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Vergebung der Sünden,

Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.

Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben.

Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Amen.

Amen.

Zweiter Abschnitt

Das christliche Glaubensbekenntnis

Die Glaubenssymbola

185 Wer sagt: „Ich glaube", sagt: „Ich bejahe das, was wir glauben". Die Gemeinschaft im Glauben bedarf einer gemeinsamen Glaubenssprache, die für alle verbindlich ist und im gleichen Bekenntnis des Glaubens eint.

186 Von Anfang an hat die apostolische Kirche ihren Glauben in kurzen, für alle maßgebenden Formeln ausgedrückt und weitergegeben [Vgl. etwa Röm 10,9; 1 Kor 15,3-5]. Schon sehr bald aber wollte die Kirche das Wesentliche ihres Glaubens auch in organische, gegliederte Zusammenfassungen einbringen, die vor allem für die Taufbewerber bestimmt waren:

„Nicht menschliche Willkür hat diese Zusammenschau des Glaubens verfaßt, sondern die wichtigsten Lehren der ganzen Schrift sind in ihr zusammengestellt zu einer einzigen Glaubenslehre. Gleichwie der Senfsamen in einem kleinen Körnlein die vielen Zweige birgt, so enthält diese Zusammenfassung des Glaubens in wenigen Worten alle religiösen Kenntnisse des Alten und des Neuen Testamentes" (Cyrill v. Jerusalem, catech. ill. 5,12).

187 Diese Kurzfassungen des Glaubens nennt man „Glaubensbekenntnisse", weil sie den Glauben, den die Christen bekennen, kurz zusammenfassen. Man nennt sie auch „Credo", weil sie auf lateinisch für gewöhnlich mit „Credo" [Ich glaube] beginnen. Eine weitere Bezeichnung für sie ist „Glaubenssymbola".

188 Das griechische Wort „symbolon" bezeichnete eine Hälfte eines entzweigebrochenen Gegenstandes (z. B. eines Siegels), die als Erkennungszeichen diente. Die beiden Teile wurden aneinandergefügt, um die Identität des Trägers zu überprüfen. Das „Glaubenssymbol" ist also ein Erkennungs- und Gemeinschaftszeichen für die Gläubigen. „Symbolon" bedeutet dann auch Sammlung, Zusammenfassung, Übersicht. Im „Glaubenssymbolon" sind die Hauptwahrheiten des Glaubens zusammengefaßt. Deshalb dient es als erster Anhaltspunkt, als Grundtext der Katechese.

189 Das Glaubensbekenntnis wird zum ersten Mal bei der Taufe abgelegt. Das „Glaubenssymbolon" ist zunächst Taufbekenntnis. Weil die Taufe im „Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19) gespendet wird, werden die Glaubenswahrheiten, zu denen man sich bei der Taufe bekennt, nach ihrem Bezug zu den drei Personen der heiligsten Dreifaltigkeit gegliedert.

190 Das Symbolum hat somit drei Hauptteile: „Im ersten Teil ist von der ersten Person in Gott und vom wunderbaren Schöpfungswerk die Rede; im zweiten von der zweiten Person und vom Geheimnis der Erlösung des Menschen; im dritten von der dritten Person, dem Urheber und Quell unserer Heiligung" (Catech. R. 1,1,4). Das sind „die drei Hauptstücke unseres [Tauf-]Siegels" (Irenäus, dem. 100).

191 Diese drei Teile unterscheiden sich voneinander, hängen aber miteinander zusammen. „Wir nennen sie nach einem von den Vätern häufig gebrauchten Vergleich Artikel [Gliederl. Wie man nämlich die Einzelteile eines Körpers nach Gliedern unterscheidet, so bezeichnen wir auch in diesem unserem Glaubensbekenntnis jeden Einzelsatz, der uns zu glauben vorgelegt wird, ganz entsprechend als Artikel" (Catech. R. 1,1,4). Nach einer alten, schon vom hl. Ambrosius [Vgl. symb. .8.] bezeugten Tradition zählt man für gewöhnlich zwölf Artikel des Credo, um mit der Zahl der Apostel das Ganze des apostolischen Glaubens zu versinnbilden.

192 Den Bedürfnissen der verschiedenen Epochen entsprechend entstanden im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Bekenntnisse oder Symbola des Glaubens: die Symbola der verschiedenen alten, apostolischen Kirchen [Vgl. DS 1-64.]das sogenannte Athanasianische Symbolum „Quicumque" [Vgl. DS 75-76.] , die Glaubensbekenntnisse bestimmter Konzilien und Synoden [Vgl. 11. 5. v. Toledo: DS 525-541; 4. K. im Lateran: DS 800-802; 2. K. v. Lyon: DS 851-861; K. v. Trient: DS 1862-1870.]oder einzelner Päpste, z. B. die „fides Damasi" [Vgl. DS 71-72.] und das „Credo des Gottesvolkes" (SPF) Pauls VI. von 1968.

193 Keines der Bekenntnisse aus den verschiedenen Epochen der Kirche kann als überholt und wertlos angesehen werden. Sie alle fassen den Glauben aller Zeiten kurz zusammen und helfen uns heute, ihn zu erfassen und tiefer zu verstehen.

Zwei Bekenntnisse nehmen im Leben der Kirche eine ganz besondere Stellung ein:

194 Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das so genannt wird, weil es mit Recht als treue Zusammenfassung des Glaubens der Apostel gilt. Es ist das alte Taufbekenntnis der Kirche von Rom. Von daher hat es seine große Autorität: „Es ist das Symbolum, das die römische Kirche bewahrt, wo Petrus, der erste der Apostel, seinen Sitz hatte und wohin er die gemeinsame Glaubenslehre gebracht hat" (Ambrosius, symb. 7).

195 Auch das sogenannte Nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis besitzt eine große Autorität, weil es aus den beiden ersten Ökumenischen Konzilien (325 und 381) hervorging und noch heute allen großen Kirchen des Ostens und des Westens gemeinsam ist.

196 Unsere Darlegung des Glaubens wird sich an das Apostolische Glaubensbekenntnis halten, das gewissermaßen „den ältesten römischen Katechismus" darstellt. Die Darlegung wird jedoch durch beständige Verweise auf das Nizäno-konstantinopolitanische Bekenntnis ergänzt werden, das oft ausführlicher und eingehender ist.

197 Machen wir uns das Bekenntnis unseres Leben schenkenden Glaubens zu eigen wie am Tag unserer Taufe, als unser ganzes Leben „der Gestalt der Lehre" (Röm 6,17) anvertraut wurde. Gläubig das Credo beten heißt, mit Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist in Verbindung treten; es heißt aber auch, mit der Gesamtkirche verbunden zu werden, die uns den Glauben überliefert und in deren Gemeinschaft wir glauben.

„Dieses Symbolum ist das geistige Siegel, die Betrachtung unseres Herzens und die stets anwesende Wache; es ist sicherlich der Schatz unserer Seele" (Ambrosius, symb. 1).

Erstes Kapitel

„Ich glaube an Gott den Vater"

198 Unser Glaubensbekenntnis beginnt mit Gott, denn Gott ist „der Erste" und „der Letzte" (Jes 44,6), der Anfang und das Ende von allem. Das Credo beginnt mit Gott dem Vater, denn der Vater ist die erste göttliche Person der heiligsten Dreifaltigkeit; es beginnt mit der Erschaffung des Himmels und der Erde, denn die Schöpfung ist der Anfang und die Grundlage aller Werke Gottes.

Artikel 1

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schopfer des Himmels und der Erde"

Absatz 1

„Ich glaube an Gott"

199 „Ich glaube an Gott": diese erste Aussage des Glaubensbekenntnisses ist auch die grundlegendste. Das ganze Bekenntnis spricht von Gott, und wenn es auch vom Menschen und von der Welt spricht, geschieht dies im Blick auf Gott. Die Artikel des Credo hängen alle vom ersten ab, so wie die weiteren Gebote des Dekalogs das erste Gebot entfalten. Die folgenden Artikel lassen uns Gott besser erkennen, wie er sich Schritt für Schritt den Menschen geoffenbart hat. „Mit Recht bekennen die Gläubigen zuerst, daß sie an Gott glauben" (Catech. R. 1,2,6).

I „Wir glauben an den einen Gott"

200 Mit diesen Worten beginnt das Credo von Nizäa-Konstantinopel. Das Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, das in der göttlichen Offenbarung des Alten Bundes wurzelt, läßt sich vom Bekenntnis des Daseins Gottes nicht trennen und ist ebenso grundlegend. Gott ist der Eine; es gibt nur einen Gott. „Der christliche Glaube hält fest und bekennt ... daß Gott nach Natur, Substanz und Wesen Einer ist" (Catech. R. 1,2,2).

201 Israel, dem von ihm erwählten Volk, hat sich Gott als der Eine geoffenbart: „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft" (Dtn 6,4-5). Durch die Propheten ruft Gott Israel und alle Völker auf, sich ihm, dem einzigen Gott, zuzuwenden: „Wendet euch mir zu, und laßt euch erretten, ihr Menschen aus den fernsten Ländern der Erde; denn ich bin Gott, und sonst niemand ... Vor mir wird jedes Knie sich beugen, und jede Zunge wird bei mir schwören: Nur beim Herrn ... gibt es Rettung und Schutz" (Jes 45,22-24) [Vgl. Phil 2,10-11.].

202 Jesus selbst bekräftigt, daß Gott „der einzige Herr" ist und daß man ihn mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft lieben soll [Vgl. Mk 12,29-30.]. Gleichzeitig gibt er zu erkennen, daß er selbst „der Herr" ist [Vgl. Mk 12,35-37.]. Zwar ist das Bekenntnis „Jesus ist der Herr" das Besondere des christlichen Glaubens. Es widerspricht jedoch dem Glauben an den einen Gott nicht. Auch der Glaube an den Heiligen Geist, „der Herr ist und lebendig macht", bringt in den einzigen Gott keine Spaltung:

„Wir glauben fest und bekennen aufrichtig, daß nur Einer der wahre, ewige, unermeßliche und unveränderliche, unbegreifliche, allmächtige und unaussprechliche Gott ist, der Vater, Sohn und Heilige Geist: zwar drei Personen, aber eine Wesenheit, Substanz oder gänzlich einfache Natur" (4. K. im Lateran: DS 800).

II Gott offenbart seinen Namen

203 Seinem Volk Israel hat Gott sich dadurch geoffenbart, daß er es seinen Namen wissen ließ. Der Name drückt das Wesen, die Identität der Person und den Sinn ihres Lebens aus. Gott hat einen Namen. Er ist nicht eine namenlose Kraft. Seinen Namen preisgeben heißt sich den anderen zu erkennen geben; es heißt gewissermaßen sich selbst preisgeben, sich zugänglich machen, um tiefer erkannt und persönlich gerufen werden zu können.

204 Gott hat sich seinem Volk Schritt für Schritt und unter verschiedenen Namen zu erkennen gegeben. Die Grundoffenbarung für den Alten und den Neuen Bund war jedoch die Offenbarung des Gottesnamens an Mose bei der Erscheinung im brennenden Dornbusch vor dem Auszug aus Ägypten und dem Sinaibund.

Der lebendige Gott

205 Gott ruft Mose an aus der Mitte eines Dornbusches, der brennt, ohne zu verbrennen. Er sagt zu Mose: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs" (Ex 3,6). Gott ist der Gott der Väter, der die Patriarchen gerufen und sie auf ihren Wanderungen geleitet hat. Er ist der treue und mitfühlende Gott, der sich an die Väter und an seine Verheißungen erinnert. Er kommt, um ihre Nachkommen aus der Sklaverei zu befreien. Er ist der Gott, der dies unabhängig von Zeit und Raum kann und tun will. Er verwirklicht diesen Plan durch seine Allmacht.

„Ich bin der Ich-bin"

„Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie lautet sein Name? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der Ich-bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt ... Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen" (Ex 3,13-15).

206 Indem er seinen geheimnisvollen Namen JHWH – „Ich bin der, der ist" oder „Ich bin der Ich-bin" – offenbart, sagt Gott, wer er ist und mit welchem Namen man ihn anreden soll. Dieser Gottesname ist geheimnisvoll, wie Gott selbst Geheimnis ist. Er ist ein geoffenbarter Name und zugleich gewissermaßen die Zurückweisung eines Namens. Gerade dadurch bringt er jedoch das, was Gott ist, am besten zum Ausdruck: der über alles, was wir verstehen oder sagen können, unendlich Erhabene. Er ist der „verborgene Gott" (Jes 45,15); sein Name ist unaussprechlich [Vgl. Ri 13,18.]; und er ist zugleich der Gott, der den Menschen seine Nähe schenkt.

207 Mit seinem Namen offenbart Gott zugleich seine Treue, die von jeher war und für immer bleibt: Er war treu („Ich bin der Gott deines Vaters": Ex 3,6) und wird treu bleiben („Ich bin mit dir": Ex 3,12). Gott, der sich „Ich-bin" nennt, offenbart sich als der Gott, der immer da ist, immer bei seinem Volk, um es zu retten.

208 Angesichts der geheimnisvollen und faszinierenden Gegenwart Gottes wird der Mensch seiner Kleinheit inne. Angesichts des brennenden Dornbusches zieht Mose seine Sandalen aus und verhüllt vor der göttlichen Herrlichkeit sein Gesicht [Vgl. Ex 3,5-6]. Angesichts der Herrlichkeit des dreimal heiligen Gottes ruft Jesaia aus: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen" (Jes 6,5). Angesichts der göttlichen Zeichen, die Jesus wirkt, ruft Petrus aus: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder" (Lk 5,8). Doch da Gott heilig ist, kann er dem Menschen verzeihen, der sich vor ihm als Sünder erkennt: „Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte" (Hos 11,9). So sagt auch der Apostel Johannes: „Wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles" (1 Joh 3, 19-20).

209 Aus Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit spricht das Volk Israel den Namen Gottes nicht aus. Bei der Lesung der Heiligen Schrift wird der geoffenbarte Name durch den göttlichen Würdetitel „Herr" [„Adonai", auf griechisch „Kyrios"] ersetzt. Unter diesem Titel wird die Gottheit Jesu feierlich bekannt: „Jesus ist der Herr".

„Ein barmherziger und gnädiger Gott"

210 Nachdem Israel gesündigt und sich so von Gott abgewandt hat, um das goldene Kalb anzubeten [Vgl. Ex 32.], hört Gott auf die Fürbitte des Mose und nimmt es auf sich, mit seinem untreuen Volk mitzuziehen. So zeigt er seine Liebe [Vgl. Ex 33,12-17.]. Als Mose darum bittet, seine Herrlichkeit schauen zu dürfen, antwortet ihm Gott: „Ich will meine ganze Schönheit an dir vorüberziehen lassen und den Namen JHWH vor dir ausrufen" (Ex 33,18-19). Und der Herr zieht an Mose vorüber und ruft: „JHWH‘ JHWH ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Da bekennt Mose, daß der Herr ein verzeihender Gott ist [Vgl. Ex 34,9.].

211 Der Gottesname „Ich-bin" oder „Er-ist" drückt die Treue Gottes aus. Trotz der Untreue, die in der Sünde der Menschen liegt, und trotz der Bestrafung, die sie verdient, bewahrt Gott „Tausenden Huld" (Ex 34,7). Gott offenbart, daß er „voll Erbarmen" (Eph 2,4) ist, und geht darin so weit, daß er seinen eigenen Sohn dahingibt. Jesus opfert sein Leben, um uns von der Sünde zu befreien, und offenbart so, daß er selbst den göttlichen Namen trägt: „Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, daß Ich bin" (Joh 8,28).

Gott allein ist

212 Im Lauf der Jahrhunderte konnte der Glaube Israels die Reichtümer, die in der Offenbarung des Namens Gottes enthalten sind, ausfalten und sich in sie vertiefen. Gott ist einzig; außer ihm gibt es keinen Gott [Vgl. Jes 44,6.]. Er ist über Welt und Geschichte erhaben. Er hat Himmel und Erde geschaffen: „Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand ... Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre enden nie" (Ps 102, 27-28). Bei ihm gibt es „keine Veränderung und keine Verfinsterung" (Jak 1,17). Er ist der „Er-ist" von jeher und für immer und so bleibt er sich selbst und seinen Verheißungen stets treu.

213 Die Offenbarung des unaussprechlichen Namens „Ich bin der Ich-bin" enthält somit die Wahrheit, daß allein Gott ist. In diesem Sinn haben schon die Übersetzung der Septuaginta und die Überlieferung der Kirche den Namen Gottes verstanden: Gott ist die Fülle des Seins und jeglicher Vollkommenheit, ohne Ursprung und ohne Ende. Während alle Geschöpfe alles, was sie sind und haben, von ihm empfingen, ist er allein sein Sein, und er ist alles, was er ist, von sich aus.

III Gott, „Er, der ist", ist Wahrheit und Liebe

214 Gott, „Er, der ist", hat sich Israel geoffenbart als „reich an Huld und Treue" (Ex 34,6). Diese beiden Begriffe drücken das Wesentliche des Reichtums des göttlichen Namens aus. In all seinen Werken zeigt Gott sein Wohlwollen, seine Güte, seine Gnade, seine Liebe, aber auch seine Verläßlichkeit, seine Beharrlichkeit, seine Treue und seine Wahrheit. „Ich will ... deinem Namen danken für deine Huld und Treue" (Ps 138,2) [Vgl. Ps 85,11.]. Er ist die Wahrheit, denn „Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm" (1 Joh 1,5); er ist „die Liebe", wie der Apostel Johannes lehrt (1 Joh 4,8).

Gott ist Wahrheit

215 „Das Wesen deines Wortes ist Wahrheit, deine gerechten Urteile haben alle auf ewig Bestand" (Ps 119,160). „Ja, mein Herr und Gott, du bist der einzige Gott, und deine Worte sind wahr" (2 Sam 7,28); deswegen gehen Gottes Verheißungen immer in Erfüllung [Vgl. Dtn 7,9.]. Gott ist die Wahrheit selbst; seine Worte können nicht täuschen. Darum kann man voll Vertrauen sich in allem seiner Wahrheit und der Verläßlichkeit seines Wortes überantworten. Am Anfang der Sünde und des Falls des Menschen stand eine Lüge des Versuchers, die zum Zweifel an Gottes Wort, seinem Wohlwollen und seiner Treue führte.

216 Die Wahrheit Gottes ist auch seine Weisheit, die die ganze Ordnung der Schöpfung und den Lauf der Welt bestimmt [Vgl. Weish 13,1-9]. Gott, der Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat [Vgl. Ps 115,15.], ist auch der Einzige, der die wahre Erkenntnis alles Geschaffenen in seinem Bezug zu ihm schenken kann [Vgl. Weish 7, 17-21.].

217 Gott ist auch wahr, wenn er sich offenbart: Die Lehre, die von Gott kommt, ist „zuverlässige Belehrung" (Mal 2,6). Er sendet seinen Sohn in die Welt, damit dieser „für die Wahrheit Zeugnis ablege" (Joh 18,37). „Wir wissen aber: Der Sohn Gottes ist gekommen, und er hat uns Einsicht geschenkt, damit wir [Gott] den Wahren erkennen" (1 Joh 5,20) [Vgl. Joh 17,3.].

Gott ist Liebe

218 Im Laufe seiner Geschichte konnte Israel erkennen, daß Gott nur einen einzigen Grund hatte, sich ihm zu offenbaren und es unter allen Völkern zu erwählen, damit es ihm gehöre: seine gnädige Liebe [Vgl. Dtn 4,37; 7,8; 10,15.]. Dank seiner Propheten hat Israel begriffen, daß Gott es aus Liebe immer wieder rettet [Vgl. Jes 43,1-7.] und ihm seine Untreue und seine Sünden verzeiht [Vgl. Hos 2.].

219 Die Liebe Gottes zu Israel wird mit der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn verglichen [Vgl. Hos 11,1.]. Diese Liebe ist größer als die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern [Vgl. Jes 49,14-15.]. Gott liebt sein Volk mehr als ein Bräutigam seine Braut [Vgl. Jes 62,4-5.]. Diese Liebe wird sogar über die schlimmsten Treulosigkeiten siegen [Vgl. Ez 16; Hos 11.]sie wird so weit gehen, daß sie selbst das Liebste hergibt: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab" (Joh 3,16).

220 Die Liebe Gottes ist „ewig" (Jes 54,8): „Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen – meine Huld wird nie von dir weichen" (Jes 54,10). „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt" (Jer 31,3).

221 Der hl. Johannes geht noch weiter und sagt: „Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8.16): Liebe ist das Wesen Gottes. Indem er in der Fülle der Zeit seinen einzigen Sohn und den Geist der Liebe sendet, offenbart Gott sein innerstes Geheimnis [Vgl.1 Kor 2,7-16; Eph 3,9-12.]: Er selbst ist ewiger Liebesaustausch – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und hat uns dazu bestimmt, daran teilzuhaben.

IV Die Bedeutung des Glaubens an den einzigen Gott

222 An Gott, den Einzigen, zu glauben und ihn mit unserem ganzen Wesen zu lieben, hat für unser ganzes Leben unabsehbare Folgen:

223 Wir wissen um Gottes Größe und Majestät: „Sieh, Gott ist groß, nicht zu begreifen" (Ijob 36,26). Darum gilt: „Gott kommt an erster Stelle" (Jeanne d‘Arc).

224 Wir leben in Danksagung: Wenn Gott der Einzige ist, kommt alles, was wir sind und haben, von ihm: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?" (1 Kor 4,7). „Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?" (Ps 116,12).

225 Wir wissen um die Einheit und die wahre Würde aller Menschen: Sie alle sind nach dem Abbild Gottes ihm ähnlich erschaffen [Vgl. Gen 1,26].

226 Wir gebrauchen die geschaffenen Dinge richtig: Der Glaube an den einzigen Gott läßt uns alles, was nicht Gott ist, soweit gebrauchen, als es uns ihm näher bringt, und uns soweit davon lösen, als es uns von ihm entfernt [Vgl. Mt 5,29-30; 16,24; 19,23-24.].

„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, o nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir"

(Niklaus von Flüe, Gebet)

227 Wir vertrauen auf Gott in jeder Lage, selbst in Widerwärtigkeiten. Ein Gebet der hl. Theresia von Jesus bringt dies eindrucksvoll zum Ausdruck:

Nichts dich verwirre; / nichts dich erschrecke.

Alles geht vorbei. / Gott ändert sich nicht.

Geduld erlangt alles. / Wer Gott hat,

dem fehlt nichts. / Gott allein genügt.

(poes. 30)

Kurztexte

228 „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr" (Dtn 6,4 nach Mk 12,29). „Was als höchste Größe gelten soll, muß einzig dastehen und daef seinesgleichen nicht haben ... Wenn Gott nicht einzig ist, so ist er nicht Gott" (Tertullian, Marc. 1,3).

229 Der Glaube an Gott bewegt uns, ihm allein uns zuzuwenden als unserem ersten Ursprung und unserem letzten Ziel und nichts ihm vorzuziehen oder an seine Stelle zu setzen.

230 Obwohl Gott sich offenbart, bleibt er doch ein unaussprechliches Geheimnis:„Verstündest du ihn, es wäre nicht Gott" (Augustinus, serm. 52, 6, 16).

231 Der Gott unseres Glaubens hat sich als der, der ist, geoffenbart; er hat sich als „reich an Huld und Treue" zu erkennen gegeben (Ex 34,6). Wahrheit und Liebe sind sein Wesen.

Absatz 2

Der Vater

I „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes"

232 Die Christen werden im „Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19) getauft. Vorher antworten sie auf die dreifache Frage, ob sie an den Vater, an den Sohn und an den Heiligen Geist glauben, mit: „Ich glaube". „Der Inbegriff des Glaubens aller Christen ist die Dreifaltigkeit" (Cæsarius v. Arles, symb.).

233 Die Christen werden „im Namen" (Einzahl) und nicht „auf die Namen" (Mehrzahl) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft [Vgl. das Glaubensbekenntnis des Papstes Vigilius im Jahre 552: DS 415], denn es gibt nur einen einzigen Gott, den allmächtigen Vater und seinen eingeborenen Sohn und den Heiligen Geist: die heiligste Dreifaltigkeit.

234 Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der „Hierarchie der Glaubenswahrheiten" (DCG 43) die grundlegendste und wesentlichste. „Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre, einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint" (DCG 47).

235 In diesem Absatz wird kurz dargelegt, wie das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit geoffenbart wurde (II), wie die Kirche die Glaubenslehre über dieses Mysterium formulierte (III) und wie der Vater durch die göttlichen Sendungen des Sohnes und des Heiligen Geistes seinen „gnädigen Ratschluß" der Erschaffung, Erlösung und Heiligung verwirklicht (IV).

236 Die Kirchenväter unterscheiden zwischen der „Theologia" und der „Oikonomia". Mit dem ersten Begriff bezeichnen sie das Mysterium des inneren Lebens des dreifaltigen Gottes, mit dem zweiten alle Werke, durch die dieser sich offenbart und sein Leben mitteilt. Durch die „Oikonomia" wird uns die „Theologia" enthüllt; umgekehrt aber erhellt die „Theologia" die ganze „Oikonomia". Die Werke Gottes offenbaren uns sein inneres Wesen, und umgekehrt läßt uns das Mysterium seines inneren Wesens alle seine Werke besser verstehen. Ähnlich verhält es sich in der Beziehung zwischen menschlichen Personen: Die Person äußert sich in ihrem Tun, und je besser wir eine Person kennen, desto besser verstehen wir ihr Handeln.

237 Die Trinität ist ein Glaubensmysterium im strengen Sinn, eines der „in Gott verborgenen Geheimnisse ... die, wenn sie nicht von Gott geoffenbart wären, nicht bekannt werden könnten" (1. Vatikanisches K.: DS 3015). Zwar hat Gott in seinem Schöpfungswerk und in seiner Offenbarung im Laufe des Alten Bundes Spuren seines trinitarischen Wesens hinterlassen. Aber sein innerstes Wesen als heilige Dreifaltigkeit stellt ein Geheimnis dar, das der Vernunft nicht zugänglich ist und vor der Menschwerdung des Sohnes Gottes und der Sendung des Heiligen Geistes auch dem Glauben Israels unzugänglich war.

II Die Offenbarung Gottes als Dreifaltigkeit

Der Vater wird geoffenbart durch den Sohn

238 In vielen Religionen wird Gott als „Vater" angerufen. Die Gottheit wird oft als „Vater der Götter und der Menschen" betrachtet. In Israel wird Gott „Vater" genannt als Erschaffer der Welt [Vgl. Dtn 32,6; Mal 2,10.]. Gott ist erst recht Vater aufgrund des Bundes und der Gabe des Gesetzes an Israel, seinen „Erstgeborenen" (Ex 4,22). Er wird auch Vater des Königs von Israel genannt [Vgl. 2 Sam 7,14.]. Ganz besonders ist er „der Vater der Armen", der Waisen und Witwen [Vgl. Ps 68,6.], die unter seinem liebenden Schutz stehen.

239 Wenn die Sprache des Glaubens Gott „Vater" nennt, so weist sie vor allem auf zwei Aspekte hin: daß Gott Ursprung von allem und erhabene Autorität und zugleich Güte und liebende Besorgtheit um alle seine Kinder ist. Diese elterliche Güte Gottes läßt sich auch durch das Bild der Mutterschaft zum Ausdruck bringen [Vgl. Jes 66,13; Ps 131,2.], das mehr die Immanenz Gottes, die Vertrautheit zwischen Gott und seinem Geschöpf andeutet. Die Sprache des Glaubens schöpft so aus der Erfahrung des Menschen mit seinen Eltern, die für ihn gewissermaßen die ersten Repräsentanten Gottes sind. Wie die Erfahrung aber zeigt, können menschliche Eltern auch Fehler begehen und so das Bild der Vaterschaft und der Mutterschaft entstellen. Deswegen ist daran zu erinnern, daß Gott über den Unterschied der Geschlechter beim Menschen hinausgeht. Er ist weder Mann noch Frau; er ist Gott. Er geht auch über die menschliche Vaterschaft und Mutterschaft hinaus [Vgl. Ps 27,10.], obwohl er deren Ursprung und Maß ist [Vgl. Eph 3,14; Jes 49,15.]: Niemand ist Vater so wie Gott.

240 Jesus hat geoffenbart, daß Gott in einem ungeahnten Sinn „Vater" ist: nicht nur als Schöpfer, sondern von Ewigkeit her Vater eines eingeborenen Sohnes, der von Ewigkeit her nur in bezug auf seinen Vater Sohn ist: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will" (Mt 11,27).

241 Deshalb bekannten die Apostel Jesus als das Wort, das bei Gott war und Gott ist [Vgl. Joh 1,1.], als „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15), als „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens" (Hebr 1,3).

242 Ihr Bekenntnis wird von der apostolischen Überlieferung bewahrt, in deren Gefolge die Kirche im Jahr 325 auf dem ersten Ökumenischen Konzil in Nizäa bekannt hat, daß der Sohn „eines Wesens [homoúsios, consubstantialis] mit dem Vater", das heißt mit ihm ein einziger Gott ist. Das zweite Ökumenische Konzil, das sich 381 in Konstantinopel versammelt hatte, behielt in seiner Formulierung des Credo von Nizäa diesen Ausdruck bei und bekannte „Gottes eingeborenen Sohn" als „aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" (DS 150).

Der Vater und der Sohn werden durch den Geist geoffenbart

243 Vor seinem Pascha kündigt Jesus die Sendung eines „anderen Parakleten" [Beistandes] an: des Heiligen Geistes. Dieser war schon bei der Schöpfung tätig [Vgl. Gen 1,2.]und hatte „gesprochen durch die Propheten" (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel). Er wird fortan bei den Jüngern und in ihnen sein [Vgl. Joh 14,17.], sie lehren [Vgl. Joh 14,26.]und „in die ganze Wahrheit führen" (Joh 16,13). Der Heilige Geist wird also mit Jesus und dem Vater als eine weitere göttliche Person geoffenbart.

244 Der ewige Ursprung des Geistes offenbart sich in seiner zeitlichen Sendung. Der Heilige Geist wird den Aposteln und der Kirche vom Vater im Namen des Sohnes sowie vom Sohn selbst gesandt, nachdem dieser zum Vater zurückgekehrt ist [Vgl. Joh 14,26; 15,26; 16,14.]. Die Sendung der Person des Geistes nach der Verherrlichung Jesu [Vgl. Joh 7,39.]offenbart das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit in seiner Fülle.

245 Der apostolische Glaube an den Geist wurde 381 vom zweiten Ökumenischen Konzil in Konstantinopel bekannt: „Wir glauben ... an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht" (DS 150). Die Kirche anerkennt dadurch den Vater als den „Quell und Ursprung der ganzen Gottheit" (6. Syn. v. Toledo 638: DS 490). Der ewige Ursprung des Heiligen Geistes ist jedoch nicht ohne Zusammenhang mit dem ewigen Ursprung des Sohnes: „Der Heilige Geist, der die dritte Person in der Dreifaltigkeit ist, ist ein und derselbe Gott mit Gott, dem Vater und dem Sohn ... von einer Substanz, auch einer Natur ... Gleichwohl wird er nicht nur der Geist des Vaters und nicht nur der Geist des Sohnes, sondern zugleich der Geist des Vaters und des Sohnes genannt" (11. Syn. v. Toledo 675: DS 527). Das Credo der Kirche bekennt: Er wird „mit dem Vater und dem Sohn [zugleich] angebetet und verherrlicht" (DS 150).

246 Die lateinische Tradition des Credo bekennt, daß der Geist „aus dem Vater und dem Sohn [filioque] hervorgeht". Das Konzil von Florenz erklärt 1438, „daß der Heilige Geist ... sein Wesen und sein in sich ständiges Sein zugleich aus dem Vater und dem Sohne hat und aus beiden von Ewigkeit her als aus einem Prinzip und durch eine einzige Hauchung hervorgeht ... Und weil der Vater selbst alles, was des Vaters ist, seinem einziggeborenen Sohn in der Zeugung gab, außer dem Vatersein, hat der Sohn selbst eben dieses, daß der Heilige Geist aus dem Sohn hervorgeht, von Ewigkeit her vom Vater, von dem er auch von Ewigkeit her gezeugt ist" (DS 1300-1301).

247 Das filioque kam im Glaubensbekenntnis von Konstantinopel (381) nicht vor. Aufgrund einer alten lateinischen und alexandrinischen Tradition jedoch hatte der hl. Papst Leo I. es schon 447 dogmatisch bekannt [Vgl. DS 284.], noch bevor Rom das Symbolum von 381 kannte und 451 auf dem Konzil von Chalkedon übernahm. Die Verwendung dieser Formel im Credo wurde in der lateinischen Liturgie zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert nach und nach zugelassen. Die von der lateinischen Liturgie vorgenommene Einfügung des „filioque" in das Credo von Nizäa-Konstantinopel stellt jedoch noch heute einen für die orthodoxen Kirchen strittigen Punkt dar.

248 Die östliche Tradition bringt vor allem zum Ausdruck, daß der Vater der erste Ursprung des Geistes ist. Indem sie den Geist als den, „der vom Vater ausgeht" (Joh 15,26) bekennt, sagt sie, daß er durch den Sohn aus dem Vater hervorgeht [Vgl. AG 2.]. Die westliche Tradition bringt vor allem die wesensgleiche Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn zum Ausdruck, indem sie sagt, daß der Geist aus dem Vater und dem Sohn [filioque] hervorgeht. Sie sagt das „erlaubtermaßen und vernünftigerweise" (K. v. Florenz 1439: DS 1302), denn gemäß der ewigen Ordnung der göttlichen Personen in ihrer wesensgleichen Gemeinschaft ist der Vater der erste Ursprung des Geistes als „Ursprung ohne Ursprung" (DS 1331), aber auch als Vater des eingeborenen Sohnes zusammen mit diesem das „eine Prinzip", aus dem der Heilige Geist hervorgeht (2. K. v. Lyon 1274: DS 850). Werden diese berechtigten, einander ergänzenden Sehweisen nicht einseitig überbetont, so wird die Identität des Glaubens an die Wirklichkeit des einen im Glauben bekannten Mysteriums nicht beeinträchtigt.

III Die heiligste Dreifaltigkeit in der Glaubenslehre

Die Bildung des Trinitätsdogmas

249 Die Offenbarungswahrheit der heiligen Dreifaltigkeit ist, vor allem aufgrund der Taufe, von Anfang an der Urgrund des lebendigen Glaubens der Kirche. Sie findet ihren Ausdruck in der Glaubensregel des Taufbekenntnisses, die in der Predigt, der Katechese und im Gebet der Kirche formuliert wird. Solche Formulierungen finden sich schon in den Schriften der Apostel, so der in die Eucharistiefeier übernommene Gruß: „Die Gnade Jesu Christi des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch" (2 Kor 13,13) [Vgl. 1 Kor 12, 4-6; Eph 4,4-6.].

250 Im Laufe der ersten Jahrhunderte suchte die Kirche ihren trinitarischen Glauben ausführlicher zu formulieren, um ihr Glaubensverständnis zu vertiefen und gegen entstellende Irrtümer zu verteidigen. Das war das Werk der ersten Konzilien, die durch die theologische Arbeit der Kirchenväter untermauert und durch den